Der Zug ist abgefahren

 

Fast geräuschlos glitt der Zug aus dem kleinen Bahnhof. Nur ein einzelner Mann war ausgestiegen. Er stand noch auf dem Bahnsteig und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

„Der Zug ist abgefahren“, sagte er halb laut aus seinen Gedanken heraus.

Er wandte sich um und schaute in die Richtung, aus der er gekommen war.

„Aber für mich war das nicht der letzte Zug“, setzte er laut und bewusst hinzu, „das werde ich dir beweisen, Roland.“

Er verließ den Bahnhof, auf dem jetzt alle Lampen ausgeschaltet wurden, und ging zu der Gastwirtschaft, an der sein Fahrrad im Ständer stand.  Aus seinem Rucksack nahm er die hellgrüne Warnweste und zog sie über seinen dicken, dunkelblauen Anorak, befestigte seinen Rucksack im Korb auf dem Gepäckträger, zog seine Handschuhe an und fuhr los.

Drei Kilometer durch Felder und Wiesen lagen vor ihm bis zu dem kleinen Haus am Waldrand, das seine Mutter vor rund dreißig Jahren gekauft hatte, damit sie mit ihren zwei Jungen möglichst an allen freien Tagen der Großstadt entfliehen konnte. Christian hatte dieses Haus und die Natur ringsum schon als Junge geliebt und sich hier wohl gefühlt, aber seit ein paar Jahren bewohnte Mutter ein Appartement in einem Seniorenzentrum und Roland fuhr lieber mit seinem Wohnmobil in Urlaub. Christians Frau wollte ihren Urlaub nicht „am Ende der Welt“ verbringen. So hatte Christian nur ab und zu ein Wochenende allein hier verlebt und hatte das Haus und den Garten halbwegs in Ordnung gehalten.

Als er sich vor drei Jahren von seiner Frau trennte, hatte Christian mit seiner Mutter vereinbart, dass er die laufenden Kosten für das Haus übernehmen würde, wenn er ständig hier wohnen dürfte. Sie hatte das Haus sogar notariell auf ihn überschreiben lassen. So war er also hierher gezogen.

Ein bleicher Mond mit einem großen, bunt schimmernden Hof stand am dunkelblauen, mit Sternen übersäten  Nachthimmel und beleuchtete den Weg. Der hart gefrorene Schnee knirschte unter den Reifen des Fahrrads.

Während Christian durch die stille, klare Nacht fuhr, ließ er die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen.

 

Heute Morgen war er - wie fast jeden Samstag - zu seiner geschiedenen Frau gefahren. Anita hatte ihm vor  drei Jahren vorgeschlagen, sie sollten sich scheiden lassen, weil die Sozialhilfe, die sie dann für sich und den Jungen beziehen würde, mehr wäre als das bisschen Arbeitslosengeld, von dem sie jetzt zu Dritt leben müssten. Er hatte sich schließlich überreden lassen und eingewilligt unter der Bedingung, dass er Nico jede Woche sehen dürfte. Aber heute hatte Anita ihn gar nicht in die Wohnung gelassen.

„Du brauchst nicht mehr zu kommen“, rief sie ihm vom Balkon aus zu. „Ich habe keine Lust mehr, noch länger zu warten, bis du endlich wieder Arbeit hast und so viel verdienst, dass wir davon leben können. Seit letzten Sonntag habe ich einen Freund.“

„Wo ist Nico?“, fragte er.

„Der Bengel war die ganze Woche gegen mich nur noch frech und aufsässig. Er kann Rudi nicht leiden und will nicht, dass er hier bei uns wohnt, darum habe ich ihn gestern zu meinen Eltern gebracht. Er bleibt vorläufig bei ihnen und geht ab Montag auch in Neudorf zur Schule.“

Mit seiner Schwiegermutter hatte Christian immer auf Kriegsfuß gestanden, den Weg nach Neudorf konnte er sich sparen. Sie ließ ihn sowieso nicht in ihre Wohnung. Also bekam er Nico heute nicht zu sehen.

Enttäuscht fuhr Christian mit der Straßenbahn zu seinem Bruder Roland, der mit seiner Familie am anderen Ende der Stadt wohnte.

„Der Zug ist endgültig abgefahren für dich, Christian“, sagte Roland im Laufe des Gespräches. „Du bist jetzt seit fünf Jahren arbeitslos. Glaubst du, dass du mit deinen sechsunddreißig Jahren noch Arbeit bekommst?“

„Ich gebe nicht auf!“, antwortete er. „Irgendwann muss ich auch einmal Glück haben. Sobald ich eine Stelle habe, hole ich Nico zu mir. Ich will nicht, dass er von meiner Schwiegermutter gegen mich aufgehetzt wird. Anita will ihn ja nicht mehr haben.“

„Du kannst dir den Jungen nicht einfach holen. Das muss über das Jugendamt geregelt werden.“

„Und wenn ich übers Gericht gehen muss, ich will meinen Sohn haben!“

Er verabschiedete sich von Roland und seiner Frau und wanderte Richtung Haltestelle, um mit der Straßenbahn zum Bahnhof zu fahren. Dabei kam er an einem Supermarkt vorbei und ging hinein. Die wenigen Sachen, für die sein Geld noch reichte, passten bequem in seinen Rucksack.

Als er auf dem Weg vom Supermarkt zur Haltestelle den großen Parkplatz überquerte, beobachtete er einen gut gekleideten, älteren Herrn, der schwankend vor ihm herging, immer wieder stehen blieb und sich an einem Fahrzeug festhielt. War er betrunken?

Jetzt hatte Christian ihn eingeholt, ging langsamer und schaute ihn an. Er blickte in ein kalkweißes, verzerrtes Gesicht und blieb stehen.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, sprach er den Herrn an. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Asthma ... Anfall ...“, antwortete der Herr kaum verständlich. „Spray ... Tabletten ... im Auto ... Handschuhfach ...“

„Wo steht Ihr Wagen?“, fragte Christian. „Ich bringe Sie hin.“

Der Herr schaute ihn einen Augenblick an, dann griff er in seine Manteltasche und holte seinen Zündschlüssel heraus.

„Rechts neben ... Einfahrt ... dritter Wagen ... silberner ...“

Er brach ab und rang nach Luft.

„... Mercedes“, ergänzte Christian mit einem Blick auf den Schlüssel. "Warten Sie hier!"

Er legte seinen Rucksack ab und rannte los. Kaum eine Minute später kam er zurück. Der Herrn lehnte an einer Laterne. Sein Gesicht war blau angelaufen. Während er sein Spray inhalierte, holte Christian eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack, öffnete sie und drückte eine Tablette aus der Folie. Er reichte beides dem Herrn, der die Pille mühsam mit einem Schluck aus der Flasche hinunterspülte.

„Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte Christian.

Der Herr schüttelte seinen Kopf und stützte sich schwer auf seinen Helfer.

„Nein, danke“, antwortete er. „Können Sie ... bei mir ... bleiben? Haben Sie ... ein bisschen ... Zeit?“

„So lange Sie wollen“, gab Christian zurück. „Auf mich wartet niemand.“

„Haben Sie einen ... Führerschein?“

„Ja, für alle Klassen.“

„Können Sie ... meinen Wagen ... fahren?“

„Kein Problem. Wohin soll ich Sie bringen?“

„Kennen Sie Kempen?“

„Wie meine Westentasche. Ich wohne dort in der Nähe und fahre manchmal zum Einkaufen hin.“

„Könnten Sie ... mich bitte ... nach Hause fahren?“

„Klar!“

Christian schleppte den Herrn zu seinem Wagen, half ihm auf den Beifahrersitz und fuhr los. Langsam ließ er den Wagen von Ampel zu Ampel durch den Stadtverkehr rollen. Der Herr hatte sich in sein Polster zurückgelegt und schien zu schlafen. Endlich hatte Christian die Autobahn erreicht. Er fuhr schneller und warf einen flüchtigen Blick zu seinem Beifahrer. Das Gesicht des Herrn nahm allmählich wieder Farbe an. Die Medikamente schienen zu wirken. Jetzt öffnete er seine Augen, setzte sich aufrecht und schaute zu Christian.

„Ich heiße Hans Brunner“, stellte er sich vor.

„Mein Name ist Christian Booten.“

„Danke für Ihre Hilfe, Herr Booten.“

„Keine Ursache, Herr Brunner.“

„Was machen Sie beruflich, Herr Booten?“, wollte Herr Brunner wissen.

„Zur Zeit gar nichts. Ich bin gelernter Bürokaufmann, aber die Firma, bei der ich gearbeitet habe, hat vor fünf Jahren Pleite gemacht. Seitdem bin ich arbeitslos und bin froh, wenn ich hier und da einmal für kurze Zeit einen Aushilfsjob bekomme.“

Herr Brunner schwieg eine Weile. Er schien zu überlegen. Endlich sagte er zögernd: „Ich könnte Ihnen eine Arbeit anbieten, allerdings nicht als Bürokaufmann.“

„Ich würde so ziemlich alles annehmen, wenn ich nur einen festen Vertrag bekäme“, erklärte Christian. „Ich habe schon als Aushilfe in einer Gärtnerei und auf dem Bau gearbeitet, ich habe für einen Bauern auf dem Markt Kartoffeln und Eier verkauft, in verschiedenen Firmen habe ich bei der Inventur geholfen, in einem Baumarkt nach dem Umbau Regale eingeräumt und anderes mehr. Ich schreibe Steno und Schreibmaschine und kann einigermaßen mit einem Computer umgehen.“

„Ich habe in der Nähe von Kempen eine kleine Firma. Die Büroarbeit, die dort anfällt, ist in höchstens fünfzehn Wochenstunden erledigt. Aber mein Lager müsste aufgeräumt, sinnvoll geordnet und vernünftig verwaltet werden. Ich suche also einen Mann, der flexibel genug ist, um zwischen Büro und Lager zu pendeln. Ich könnte mit Ihnen einen Vollzeitvertrag machen, der auf Bürokaufmann lautet, aber die Klausel enthält, dass Sie im Rahmen ihrer Wochenstunden je nachdem, wo gerade Arbeit anfällt, die Warenannahme und die Materialausgabe ebenfalls übernehmen und im Lager arbeiten. Zur Zeit mache ich diese Arbeiten ganz allein und bin damit ziemlich überfordert, besonders da meine Gesundheit mir zu schaffen macht. Ich würde Sie im Laufe der nächsten zwei Wochen so einarbeiten, dass Sie auch die gesamte Bestellung selbständig machen könnten. Dann könnte ich mich weitgehend zurückziehen und den Betrieb von zu Hause aus leiten. Wären Sie damit einverstanden?“

„Wann kann ich anfangen, Herr Brunner?“

„Wäre Ihnen Montag recht?“

„Selbstverständlich!“

Sie hatten Kempen erreicht. Herr Brunner lotste Christian an der Stadt vorbei zu einem wunderschönen Einfamilienhaus in einem großen Park.

„Ah, da steht das Auto meines Schwiegersohnes“, sagte er. „Fahren Sie meinen Wagen bitte in die Garage und dann kommen Sie noch mit mir ins Haus. Ich möchte Sie meiner Familie vorstellen."

Christian ließ Herrn Brunner aussteigen und fuhr den Mercedes langsam in die offen stehende Garage. Als er das Tor geschlossen hatte, deutete Herr Brunner auf ein lang gestrecktes, flaches Gebäude, das seinem Haus gegenüber lag.

„Das ist mein Betrieb“, erklärte er. „Dort erwarte ich Sie Montag um acht Uhr.“

 

Christian hatte jetzt sein Haus erreicht. Während er sein Fahrrad ins Carport schob und abschloss, dachte er: „Bei schönem Wetter kann ich sogar die ganze Strecke mit dem Rad fahren, bis ich mir wieder ein Auto leisten kann.“

Er betrat seine Wohnung und stellte die Heizung etwas höher. Das Haus hatte unten ein großes Wohnzimmer mit einer kleinen Küche, eine Abstellkammer und eine Toilette mit Dusche. Oben gab es noch zwei große Zimmer und ein Bad mit Toilette. Früher hatte es dort ein Schlafzimmer für seine Mutter und ein gemeinsames Zimmer für Roland und ihn gegeben. Den Raum seiner Mutter hatte Christian sich als Arbeitszimmer eingerichtet. Den anderen Raum hatte er unverändert gelassen und benutzte ihn als Schlafzimmer.

„Warum will ich mir eigentlich eine andere Wohnung suchen?“, überlegte er. „Dieses Haus gehört mir. Hier brauche ich nicht einmal Miete zu bezahlen, nur die Grundbesitzabgaben für die Gemeinde sowie Gas und Strom. Das Haus liegt zwar sehr einsam, aber es ist groß genug für Nico und mich. Ich könnte mein Bett in mein Arbeitszimmer räumen, dann hätte der Junge sogar ein Zimmer für sich allein. Die Schule kann er von hier aus auch bequem erreichen.“

Zweihundert Meter weiter gab es einen Bauernhof. Der älteste Sohn fuhr mit dem Fahrrad zur Hauptschule, die beiden jüngeren wurden mit einem Schulbus an der Ecke der Hauptstraße abgeholt und zur Grundschule gefahren. Christian kannte die Familie Walther gut, denn er kaufte dort oft Milch, Eier, Kartoffeln, Obst und Gemüse. Als Herr Walther im vergangenen Jahr nach einem Unfall längere Zeit nicht Auto fahren konnte, hatte Christian für ihn auf dem Markt gestanden und seine Produkte verkauft. Der jüngere Sohn Klaus war so alt wie Nico. Sicher war es möglich, dass Nico nach Schulschluss mit Klaus nach Hause ging.

 „Morgen spreche ich mit Frau Walther ab, ob Nico mittags bei Klaus bleiben darf, bis ich Feierabend habe“, nahm er sich vor.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete seinen Computer ein. Drei Briefe musste er heute Abend noch schreiben, ehe er zu Bett ging, einen an Anita, einen an Nico und einen an das Jugendamt. In zwei oder drei Wochen hatte er Nico vielleicht schon hier bei sich.

„Der Zug ist noch nicht abgefahren“, wiederholte Christian seine Worte halb laut. „Ab Montag fährt mein Zug täglich nach Kempen.“

 

 27. Januar 2006

 

Zurück zur Hauptseite