Zu früh gefeiert

 

Herr Tauber und sein Schäferhund Elmo machten ihren üblichen Morgenspaziergang durch den Erdener Bruch. Es war ein trüber Mittwochmorgen Anfang März. Ein kalter Wind trieb die schweren, dunklen Wolken am Himmel nach Osten. Die Luft roch nach feuchter Erde, aber im Augenblick regnete es nicht.

Gerade schlug die Turmuhr der Dorfkirche sieben Uhr. Um diese Zeit war Herr Tauber hier noch nie einem Menschen begegnet, darum durfte Elmo frei laufen.

Jetzt kam Herr Tauber aus dem mit Schotter bestreuten Feldweg auf den asphaltierten Wirtschaftsweg. Links führte dieser Weg am Wald entlang zum Dorf. Elmo wusste, dass sein Herr und er bei ihrer Morgenrunde hier rechts gehen mussten, aber heute stutzte er und rannte dann in die falsche Richtung. Ob er ein Wild entdeckt hatte? Hoffentlich war der Jagdaufseher nicht in der Nähe, sonst gab es wieder eine Verwarnung.

Herr Tauber pfiff.

„Elmo, sitz!“, rief er laut und folgte seinem Hund.

Als er um die Ecke kam, saß Elmo brav etwa zwanzig Meter weiter mitten auf dem Weg. Herr Tauber sah jetzt auch, was seinen Hund neugierig gemacht hatte. Neben der Straße im Gebüsch erkannte er undeutlich die Umrisse eines Autos.

Er ging näher heran und beleuchtete den Wagen mit seiner Taschenlampe. Kein Mensch war ringsum zu erblicken.

Einen Augenblick zögerte Herr Tauber, dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Polizei.

„Polizeiwache Kalden, Wachtmeister Havertz“, meldete sich eine Stimme.

„Ich will mal bloß Bescheid sagen, dass hier im Gebüsch ein Auto steht“, sagte Herr Tauber. „Ich hätte den Wagen nicht gesehen, ich geh ja sonst gar nicht hier um die Ecke rum, außerdem ist es noch dunkel, aber mein Hund ...“

„Nun mal der Reihe nach!“, unterbrach ihn der Polizeibeamte.  „Darf ich zuerst einmal um Ihren Namen,  Ihre Anschrift und ihren derzeitigen Standort bitten?“

„Ja, klar! Entschuldigung! Ich bin ein bisschen aufgeregt. Mein Name ist Tauber, Erwin Tauber. Ich bin der Platzwart vom Campingplatz am Erdener See, Waldstraße 100. Und jetzt bin ich ungefähr zwei Kilometer vom Campingplatz entfernt im Erdener Bruch. Wissen Sie, ich mache hier immer mit meinem Hund ...“

Wieder fiel ihm der Beamte ins Wort.

„Sie haben also im Erdener Bruch ein Auto entdeckt? Typ? Farbe? Kennzeichen?“

„Wissen Sie, ich bin ein alter Mann und kenne mich mit den Autotypen nicht so gut aus. Es ist ein dunkelblauer VW, aber kein Käfer. Und Nummernschilder sind da keine dran, vorne nicht und hinten auch nicht.“

„Könnte jemand den Wagen vielleicht nur dort geparkt haben?“

„Nee, bestimmt nicht. Nach Parken sieht der nicht aus. Die Beifahrertür ist weit offen, an der Fahrerseite ist das Fenster ein Stück runtergedreht und das bei dem Regenwetter! Soll ich mal gucken, ob ...“

„Fassen Sie den Wagen bitte nicht an“, sagte der Beamte hastig. „Geben Sie mir noch die genaue Position, wo wir das Fahrzeug finden können.“

„Tja, wenn Sie über die Bundesstraße von Kalden kommen, fahren Sie am besten bei der Gastwirtschaft Tonken in die Erdener Straße rein. Da bleiben Sie drauf bis zum Schleusenpfad, dann biegen Sie rechts rein bis zum ersten Weg links, der ist nur für landwirtschaftlichen Verkehr und für Anlieger. Wenn Sie den so ungefähr dreihundert Meter weit fahren, können Sie rechts am Waldrand das Auto im Gestrüpp stehen sehen.“

„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen, Herr Tauber? Ist Ihnen vielleicht jemand begegnet?“

„Nee, aber beinah hätte ich schon heute Nacht bei Ihnen angerufen und Sie gebeten, mal einen Streifenwagen herzuschicken. Ich wollte mich nämlich beschweren wegen nächtlicher Ruhestörung. Sie wissen vielleicht, dass gegenüber von unserem Campingplatz ein Jugendzeltplatz ist. Und da haben fünf  Jugendliche die halbe Nacht lang Krawall gemacht. Die Burschen haben eine ganz große Party gefeiert. Dabei ist der Platz normalerweise in den Wintermonaten bis 1. April geschlossen und außerdem darf da auch kein Alkohol getrunken und nicht geraucht werden, das steht überall groß angeschlagen. Aber darum haben die sich überhaupt nicht gekümmert.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich habe die Burschen eine Weile heimlich beobachtet. Dann habe ich überlegt, ob ich den Münstermann anrufe, das ist der Platzwart, aber wie ich gesehen hab, dass dem sein Sohn mit bei der Bande ist, habe ich mich wieder nach Hause verzogen. Erst gegen drei Uhr heute Morgen wurden die allmählich still. Ich bin dann rüber geschlichen und hab das Kabel aus der Musikanlage raus gezogen, weil die noch dudelte und ich den Knopf zum Abstellen nicht fand. Jetzt hört man nichts von denen. Die schlafen bestimmt ihren Rausch aus.“

„Der Platzwart heißt Münstermann?“, fragte Wachtmeister Havertz nachdenklich. „Kennen Sie die Adresse von dem Münstermann?“

„Klar! Der wohnt in Kalden, Kammerstraße 17. Die Telefonnummer weiß ich nicht auswendig.“

„Danke, Herr Tauber. Wir werden uns um die Sache kümmern. Reden Sie bitte mit niemandem darüber und sprechen Sie auch keinen von den Jugendlichen an, falls sie vielleicht inzwischen aufgewacht sind. Wir melden uns später noch einmal bei Ihnen. Wahrscheinlich haben Sie uns einen sehr wichtigen Hinweis gegeben.“

Wachtmeister Havertz legte den Hörer auf.

„Was für einen Hinweis hast du denn jetzt bekommen?“, wollte sein Kollege Schommer wissen.

„Da hatte ich vielleicht einen Kauz an der Strippe“, grinste Havertz. „Der hätte mir am liebsten einen ganzen Roman von sich und seinem Hund erzählt, und die wichtigsten Fakten musste ich aus ihm herausziehen, die hätte er vor Aufregung fast vergessen. Aber ich glaube, meine Geduld mit dem alten Schwätzer hat sich gelohnt. Mir ist da so eine Idee gekommen. Ich denke, wir sollten der Sache ganz schnell nachgehen. Schau einmal bitte in der Fahndungsakte nach dem Bankraub in Lattek. War da nicht etwas mit einem dunkelblauen VW? Und der Name Münstermann, den mein Kauz nannte, kommt mir auch so bekannt vor. Hatte der nicht sein Auto als gestohlen gemeldet?“

„Mensch, Schorsch, du hast ein Gedächtnis!“,  staunte Schommer, nachdem er einen Blick in die Akten geworfen hatte.  „Ein Hendrik Münstermann, neunzehn Jahre jung, hat seinen dunkelblauen VW Golf als gestohlen gemeldet. Und ein dunkelblauer VW Golf war das Fluchtauto bei dem Raubüberfall auf die Sparkasse.“

„Passt doch ganz prima zu einem feucht-fröhlichen Besäufnis auf einem eigentlich geschlossenen Jugendzeltplatz. Dann gebe ich die Sache mal sofort an Kommissar Franken weiter.“

 

Herr Tauber steckte sein Handy wieder in seine Manteltasche.

„Wahrscheinlich haben wir der Polizei einen sehr wichtigen Hinweis gegeben“, erklärte er seinem Hund stolz. „Wir sind also doch noch zu etwas zu gebrauchen. Nun bin ich bloß gespannt, ob die Polizei sich wirklich noch einmal bei uns meldet.“

Er streichelte seinen Hund und ging mit ihm das letzte Stück der gewohnten  Morgenrunde weiter bis zu seiner Wohnung.

Ungefähr zwei Stunden später hielt ein Polizeiwagen vor dem Tor des Campingplatzes. Zwei Beamte in Zivil schellten an der Wohnung des Platzwartes, stellten sich vor  als Kommissar Franken und Inspektor Walther und fragten nach Herrn Tauber.

„Das bin ich. Kommen Sie wegen dem Auto, das ich heute Morgen im Bruch gefunden habe?“, fragte Herr Tauber.

„Richtig“, bestätigte Kommissar Franken. „Sie haben entscheidend zur Aufklärung eines Falles beigetragen. Dieser dunkelblaue VW Golf wurde gestern bei einem Überfall auf die Sparkasse in Lattek als Fluchtfahrzeug benutzt. Mein Kollege und ich waren bei dem Platzwart Münstermann. Er hatte die Schlüssel zum Jugendzeltplatz und zum Hauptgebäude noch gar nicht vermisst und sagte, er würde sie seinem Sohn niemals ausgehändigt haben, schon gar nicht für eine Party mit seinen so genannten Freunden.“

„Hätte ich ihn mal heute Nacht angerufen, dann hätte er seinen Sohn bei den Ohren nehmen und den Krach beenden können!“, sagte Tauber.

„Nein, es war schon sehr gut, dass Sie unsere Dienststelle benachrichtigt haben“, erklärte Kommissar Franken. „Unsere Kollegen haben inzwischen die jungen Leute auf dem Platz überprüft und festgenommen. Der Besitzer des Wagens ist bei ihnen. Er hatte sein Auto Montag als gestohlen gemeldet, aber auf den Trick fallen wir nicht mehr herein. Die Burschen haben alle fünf sehr viel Geld in den Taschen. Sie behaupten zwar, sie hätten im Lotto gewonnen, aber es wird uns bestimmt nicht schwer fallen, ihnen den Bankraub nachzuweisen.“

„Na, das ist für die Möchtegern-Räuber ja echt dumm gelaufen“, stellte Herr Tauber fest.

„Umso besser für uns“, grinste Kommissar Franken. „Und für Sie auch; denn Ihnen steht die von der Bank ausgesetzte Belohnung zu.“

„Nee, meinem Elmo“, meinte Herr Tauber und streichelte den Hund. „Schließlich hat er ja das Auto im Gebüsch gefunden.“

„Dann teilen Sie sich das Geld am besten mit ihm“, schlug Inspektor Walther lachend vor. „Kaufen Sie ihm von seinem Anteil als Anerkennung täglich ein extra dicke Wurst.“

 

15. Dezember 2005

 

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