Wunder dauern etwas länger

 

An einem Freitag Anfang Mai saß Friedrich Harmsen in seinem Wohnzimmer und schaute mit seinen durchdringenden, stahlblauen Augen nachdenklich auf seine Tochter Amelie und ihren Mann, Kriminalkommissar Gert Holzhardt.

„Sechs Wochen“, sagte er und seine sonore Stimme klang vorwurfsvoll. „Sechs Wochen ergebnislose Fahndung in sämtlichen deutschen Bundesländern und im benachbarten Ausland. Ich fasse es nicht! Ein fünfjähriger Junge und ein sechs Monate alter Bernhardiner müssten doch irgend einem Menschen aufgefallen sein. Schläft die Polizei?“

Amelies Tränen flossen schon wieder über ihre blassen Wangen. Sie fuhr sich mit ihrer Rechten durch ihr kurzes, strohblondes Haar.

„Wenn ich wenigstens wüsste, ob Jonathan noch lebt!“, schluchzte sie.

„Jonathan lebt!“, behauptete ihr Vater fest.

„Woher willst du das so sicher wissen?“, fragte sein Schwiegersohn.

Friedrich zuckte nur mit seinen Schultern. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging mit einer Geschmeidigkeit, die man dem großen, schweren Mann nicht zugetraut hätte, ins Nebenzimmer. Wenige Augenblicke später kehrte er mit einem Teddybär, einer Hundeleine und einem Pendel zurück. Das Pendel bestand aus einem dicken Silberdraht, der zu einer Spirale gewunden war, deren beide Enden nebeneinander in einem Holzgriff steckten, so dass die Spirale eine Schlaufe bildete.

„Fängst du wieder mit deinem Hokuspokus an?“, fragte Gert Holzhardt mit leichtem Spott.

Schon als Friedrich ein fünfjähriger Junge war, hatten seine Großeltern, seine Eltern und seine drei Schwestern ihn „Spökenkieker“ genannt. Immer wieder sagte er Ereignisse voraus, positive wie negative, die sich irgendwann bewahrheiteten.

In der Schule hieß er „der Hexer“, denn er schien allwissend zu sein. Wenn jemand etwas vermisste, schaute Friedrich sich im Kreis seiner Kameradinnen und Kameraden um, ging auf jemanden zu, sah ihn scharf an und zwang ihn so, den entwendeten Gegenstand zurück zu geben.

Nach dem Abitur war er ein erfolgreicher Rutengänger geworden. Erst nach dem Tod seiner Frau machte er eine Ausbildung als Heilpraktiker, räumte seine Wünschelruten und Pendel weg und machte in seiner Villa eine eigene Praxis auf. Seine älteste Schwester Veronika zog zu ihm, betreute seine Tochter und kümmerte sich um die Büroarbeiten und den Haushalt.

„Wenn die Polizei versagt, muss der alte Hexer wieder einmal in Aktion treten“, antwortete Friedrich jetzt ernst. „Ich habe dir schon oft gesagt, Gert, dass es zwischen Himmel und Erde sehr viele Dinge gibt, die du mit deiner Logik nicht erfassen kannst. Du glaubst nur an dich und deine Tüchtigkeit. Ich glaube an die guten Geister, die uns in der Natur unsichtbar umgeben. Ich habe sie lange vernachlässigt. Wenn es mir gelingt, wieder mit ihnen in Verbindung zu treten, kann ich sie vielleicht überreden, Jonathan zu uns zurück zu bringen.“

„Misch dich nicht ein, du störst nur unsere Fahndung!“, brummte Gert ärgerlich.

„Ich habe dir und deinen Kollegen sechs Wochen Zeit gelassen“, erwiderte Friedrich. „Was habt ihr erreicht? Nichts!“

Er legte den Teddybär auf die eine Seite, die Hundeleine auf die andere Seite des Tischs und hielt das Pendel über den Bär.

„Lebt Jonathan noch?“, fragte er.

Die Schlaufe des Pendels nickte auf und ab. Er hielt es über die Hundeleine.

„Lebt Benni noch?“

Wieder nickte das Pendel. Friedrich legte die Leine auf den Bär.

„Sind die beiden zusammen?“

Das Pendel bejahte.

„Hier in der Stadt?“

Diesmal bewegte das Pendel sich von rechts nach links hin und her.

„Und was nützt dir dieses Wissen?“, fragte der Kommissar spöttisch.

„Das wird sich finden“, antwortete der alte Mann mit einem seltsamen Lächeln und trug Bär, Leine und Pendel in sein Arbeitszimmer zurück.

 

Als Veronika Harmsen, die das Wochenende bei ihrer jüngeren Schwester verbracht hatte, am Montagvormittag zum Haus ihres Bruders zurück kam, blieb sie verwundert am Tor stehen. Über das Arztschild hatte jemand einen eingeschweißten Bogen Papier geklebt mit der Nachricht:

„Meine Praxis bleibt bis auf Weiteres geschlossen.“

Veronika ging ins Haus. In der Küche fand sie auf dem Tisch einen Teddybär, eine Hundeleine und eine Brief.

Liebe Veronika,

der alte Spökenkieker in mir ist wieder erwacht. Es hält mich nichts mehr in diesen engen Wänden, ich muss hinaus in die Natur.

Sucht bitte nicht nach mir. Ich weiß, dass ich heimkehren werde, sobald ich zu meiner inneren Ruhe zurückgefunden habe.

Dein Bruder Friedel

Veronika setzte sich auf einen Stuhl und starrte aus dem Fenster. Ein Eichhörnchen kletterte am Stamm der Fichte hoch bis in den Wipfel. Sie nahm es nicht wahr. Ihre Gedanken waren bei ihrem Bruder.

Wollte er seinen Enkel suchen? Würde er erfolgreich dabei sein?

Nach einer Weile raffte sie sich auf. Sie ging in Friedrichs Schlafzimmer und schaute in seine Schränke.

Seinen großen Wanderrucksack hatte er mitgenommen, Kniebundhosen, Anorak ... also sportliche Kleidung.

Ob er tatsächlich zu Fuß unterwegs war? Ein Gang zur Garage zeigte ihr, dass er den Wagen zu Hause gelassen hatte. Aber sein liebstes Pendel fehlte in seiner Sammlung. Er hatte es offenbar mitgenommen.

Zur gleichen Zeit saß Friedrich Harmsen in der Bäckerei eines kleinen Ortes ungefähr hundert Kilometer von seinem Haus entfernt an einem Tischchen beim Frühstück. Am frühen Morgen hatte er sich von einem Taxi zum Nordbahnhof bringen lassen. Dem Fahrer hatte er erzählt, er wollte den Zug um 4:58 Uhr nach Dänemark erreichen. Dann aber war er mit dem ersten Zug nach Süden gefahren. Er war sicher, dass ihn niemand beobachtet hatte. Kein Bekannter war ihm begegnet. Seine Fahrkarte hatte er am Automaten gezogen.

Als die Turmuhr der benachbarten Kirche acht Uhr schlug, winkte Friedrich der Kellnerin, bezahlte und ging langsam hinaus. In der Bank zog er sich einen größeren Geldbetrag und ging dann zielsicher durch die Straßen, bis er zu einer Kfz-Werkstatt kam. Im Hof standen mehrere Gebrauchtwagen zum Verkauf. Friedrich betrat das Büro und fragte nach dem Preis für den dunkelbraunen Geländewagen. Die Sekretärin rief den Chef, der seinem Kunden den Wagen vorführte.

„Wann kann er startbereit sein, wenn ich ihn jetzt sofort bar bezahle?“, wollte Friedrich wissen.

„Wann brauchen Sie ihn?“

„So schnell wie möglich!“

„Fünfzehn Uhr heute Nachmittag?“

„Das geht in Ordnung!“

Friedrich schlenderte aus der Ortschaft hinaus zu einem Wäldchen, an dessen Rand eine Bank unter ein paar Bäumen stand. Dort ließ er sich nieder, lehnte sich zurück, schloss seine Augen und schien zu schlafen. Seine Gedanken schweiften zu seinem Enkel und dem Hund, die, wie das Pendel ihm verraten hatte, weit im Südosten von hier in einem unzugänglichen Moorgebiet gefangen gehalten wurden.

Als das Mittagsläuten vom Kirchturm erscholl, stand Friedrich auf, ging langsam in den Ort zurück, betrat das Wirtshaus am Markt und bestellte ein alkoholfreies Bier.

„Kann man bei Ihnen etwas essen?“, fragte er, als der Wirt das Getränk brachte.

„Speisekarte hab ich nicht“, brummte der Mann, „lohnt sich nicht. Aber meine Frau kann Ihnen ein Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat machen. Dauert aber ’n bisschen. Sie macht das frisch fertig.“

„Ich habe Zeit!“

Eine halbe Stunde später bekam Friedrich das dampfende Essen gebracht und aß es genüsslich mit gutem Appetit. Eine Weile saß er noch bei einer Tasse Kaffee, dann zahlte er und schlenderte zur Autowerkstatt. Sein Auto wartete schon auf ihn. Er bedankte sich für die prompte Bedienung und fuhr los.

Drei Tage lang bewegte Friedrich sich gemächlich über wenig belebte Landstraßen Richtung Süden. Von Zeit zu Zeit hielt er an und befragte sein Pendel nach dem Weg. Abends fand er immer eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Dorfgasthaus, das ihm auch ein gutes Abendessen und ein kräftiges Frühstück bot.

Am Spätnachmittag des dritten Tages kam er in ein weites Heidegebiet mit hellem Sand, Heidekraut, hohen, grünen Birken mit weiß leuchtenden Stämmen, einzelnen Wacholderbüschen und Krüppelkiefern. Er parkte seinen Wagen am Wegrand, stieg aus und nahm sein Pendel zur Hand. Es gebärdete sich plötzlich recht seltsam, nickte und kreiste heftig. Friedrich wusste, was das zu bedeuten hatte. Er war am Ziel. Hier irgendwo mussten Jonathan und sein Hund sein.

Langsam ging Friedrich vorwärts. Die Heide ging in Moor über. In regelmäßigen Abständen waren Warnschilder aufgestellt.

Vorsicht, Moorgebiet!

Betreten verboten!

Lebensgefahr!

Friedrich hielt sein Pendel zu der weiten Moorfläche hin.

Ist Jonathan dort drin? – Ja. - Gibt es einen Weg ins Moor? – Ja. – Kann ich ihn gehen? – Nein. – Kann Jonathan ihn gehen? – Ja. – Bin ich zu schwer, so dass er mich nicht trägt? – Ja. – Kann Benni ihn gehen? – Ja.

So gab es also für Friedrich nur eine Möglichkeit: Er musste versuchen, den Jungen und den Hund über die Kraft seiner Gedanken zu beeinflussen und herauszurufen.

Zögernd ging Friedrich weiter und fragte sein Pendel nach dem Eingang ins Moor. Schon nach wenigen Metern schlug es wieder aus. Der Boden sah wirklich so aus, als ob hier ein Weg beginnen würde.

Friedrich prägte sich den Pflanzenwuchs an dieser Stelle genau ein, dann blickte er rundum. Ungefähr dreißig Meter in die Heide hinein stand unter einer mächtigen Birke eine Bank. Er ging zu ihr, setzte sich, schloss seine Augen und schickte seine Gedanken zu seinem Enkel. Fast eine Stunde lang rief er ihn und den Hund an, aber er bekam keine Verbindung. Nun wandte er sich an die Geister in Moor und Heide, aber auch sie gaben ihm keine Antwort. Endlich erhob er sich und ging zu seinem Auto zurück.

Nur eine kurze Strecke weiter erreichte er ein Dorf. Die kleine Dorfschänke vermietete auch Fremdenzimmer. Friedrich erzählte dem Wirt, er wolle Studien in Moor und Heide betreiben, darum könne er nicht genau sagen, wie lange er bleiben würde. Zunächst wollte er für eine Woche im Voraus bezahlen und dann eventuell seine Aufenthaltszeit verlängern.

Den Mai, Juni und den halben Juli verbrachte Friedrich in dem kleinen Dorf am Moor. Jeden Morgen nach dem Frühstück wanderte er ohne Rücksicht auf das Wetter in die Heide hinaus, setzte sich auf die Bank unter der Birke und bemühte sich, Kontakt zu Jonathan und dem Hund herzustellen. Am letzten Freitag im Juli endlich spürte er, dass Jonathan ihm antwortete. Friedrichs Herz frohlockte. Jetzt musste er es schaffen! Er spürte, dass noch in dieser Nacht etwas geschehen müsse, darum wanderte er nach dem Abendessen noch einmal zu seiner Bank zurück.

Der Himmel war klar. Unzählige Sterne flimmerten. Über der Birke stand ein großer, runder Mond.

„Komm zum Mond, Jonathan!“, sagte Friedrich laut vor sich hin. „Dein Opa wartet unterm Mond auf dich! Ihr Geister in Moor und Heide, schützt den Jungen und den Hund!“

Immer und immer wieder sagte er diese und ähnliche Worte. Dabei hielt er sein Pendel locker in seiner Rechten und deutete damit zum Moor.

Allmählich wurde Friedrich müde. Die Augen fielen ihm zu. Plötzlich begann das Pendel in seiner Hand zu vibrieren. Er erwachte und sprang auf. Narrte ihn ein Spuk? Dort, wo sein Pendel ihm den Eingang ins Moor gezeigt hatte, bewegte sich etwas.

So schnell seine Füße ihn trugen, rannte Friedrich los. Und nun erkannte er auch, was da auf ihn zukam.

Ein großer Hund trottete über den Sand der Heide. An seinen Schwanz hatte sich ein kleiner Junge angeklammert und ließ sich vorwärts schleifen.

„Jonathan!“

„Opa!“, flüsterte der Kleine schwach und schmiegte sich an Friedrichs breite Brust.

Mit Tränen in den Augen nahm der Mann seinen Enkel in seine Arme, dann beugte er sich zu dem Hund und streichelte ihn.

„Braver Benni!“

Langsam schritt Friedrich jetzt mit dem Jungen in seinen starken Armen dem Dorf zu. Der Hund folgte ihm müde. Am Brunnen auf dem Marktplatz wurde Benni plötzlich munter. Er stieg mit seinen Pfoten auf den Brunnenrand und trank, als wäre er halb verdurstet.

Friedrich schloss seinen Wagen auf, ließ Benni auf die Ladefläche springen, legte den vor Erschöpfung eingeschlafenen Jonathan auf den Rücksitz und befestigte ihn mit den Sicherheitsgurten so, dass er nicht herunterfallen konnte. Dann schlich er sich in den Gasthof, packte seine Sachen zusammen, hinterließ am Tresen der Gaststube einen Brief mit reichlich Geld, verschloss die Tür und warf den Schlüssel durch den Briefschlitz ins Haus.

Langsam fuhr der glückliche Mann über die schmalen Landstraßen, bis er die Autobahn erreicht hatte. Dann gab er Gas. Kind und Hund schliefen friedlich.

Der Morgen graute, als Friedrich vor dem Tor seiner Villa anhielt. Seine Schwester Veronika war vom Motorengeräusch erwacht, hatte aus dem Fenster geschaut und kam nun im Schlafanzug in den Park gestürzt.

„Jonathan! Friedrich! Du hast das Kind gefunden! Ich ruf sofort bei Amelie an!“

„Stopp!“, unterbrach Friedrich ihre Begeisterung. „Nichts überstürzen! Der Junge und der Hund brauchen zuerst einmal etwas zu essen. Anschließend schlafen wir noch ein paar Stündchen. Du weißt doch, dass der Herr Kriminalkommissar samstags nicht vor zehn Uhr gestört werden möchte.“

„Aber ...“

„Kein Aber, Veronika. Der Hund bleibt im Park, bis ich ihn heute Vormittag geduscht habe. Du kochst schnell einen Milchbrei und ich bade den Jungen in der Dusche. Wenn er gegessen hat, nehme ich ihn mit in mein Schlafzimmer. Du kannst für zehn Uhr das Frühstück bereiten und uns dann wecken.“

 

Am Samstagmorgen gegen 10:30 Uhr schellte bei Kriminalkommissar Holzhardt das Telefon.

„Guten Morgen, mein lieber Schwiegersohn!“, grüßte Friedrich.

„Na, endlich meldest du dich wieder!“, polterte Gert Holzhardt los. „Weißt du, dass wir uns schreckliche Sorgen um dich gemacht haben? Du verschwindest spurlos und wir hören und sehen drei Monate lang nichts mehr von dir!“

„Tja“, lächelte Friedrich, „Wunder dauern eben etwas länger!“

 

31. Mai 2008

 

Zurück zur Hauptseite