Wildschwein am Lagerfeuer

 

Im Mai 1983 fuhren wir mit einer Gruppe von vierzig Schülerinnen und Schülern aus einem neunten und einem zehnten Schuljahr zu einer zehntägigen Klassenfahrt in den Hunsrück. Wir, das waren mein Kollege Alf, unser Lehramtsanwärter Bodo, Henni, die Mutter eines Schülers, und ich. Meinen Hund Caesar hatte ich auch mitgenommen.

Es gab dort die Möglichkeit, in einer Art Herberge zu wohnen oder Hütten in der Nähe anzumieten, in denen wir uns selbst versorgen mussten. Wir hatten uns für eine Hütte entschieden, darum war ich mit meinem Auto zum Ziel gefahren, damit wir in der nächsten Stadt im Supermarkt einkaufen konnten.

Die größte Attraktion, besonders für die Jungen, war das Lagerfeuer, das Tag und Nacht vor unserer Hütte brannte. In der Asche wurden Kartoffeln gegart, auf dem Schwenkgrill brutzelten Forellen, die ein paar Jungen recht geschickt im nahen Bach fingen ...

Am dritten Tag sahen wir bei unserer Wanderung ein Rudel Wildschweine, das allerdings vor dem Geschrei unserer Schüler flüchtete. Aber diese Begegnung brachte einige Jungen auf eine Idee.

„Wildschweinbraten ist was Tolles!“, meinte Volker, als wir abends am Feuer saßen. „Dürfen wir eins fangen und hier auf dem Grill braten?“

Zu meiner Überraschung nickte mein Kollege Alf.

„Klar! Ich spreche mit dem Förster, dann könnt ihr morgen Vormittag losziehen. Ich besorge schon einen Drehspieß, an dem wir das Schwein grillen können. Bis mittags müsst ihr aber hier sein, damit das Fleisch auch bis zum Abendessen gar ist.“

Als die Schüler sich zur Nachtruhe zurückgezogen hatten, sprach ich Alf an.

„Ist das nicht zu gefährlich? Wenn die Wildschweine angreifen ...“

„Ja, glaubst du im Ernst, dass unsere Bande auch nur einen Schwanz von einem Wildschwein zu Gesicht bekommt?“, unterbrach Alf mich grinsend. „Du weißt doch selbst, mit welchem Gejohle die immer unterwegs sind. Die kommen nach zwei bis drei Stunden ohne Beute und hundemüde zurück. Lass sie nur laufen! Ich hab eben schon den Förster angerufen, der hat auch nur gelacht.“

Am nächsten Morgen bewaffneten sich fünf Jungen und zwei Mädchen mit dicken Knüppeln. Zwei der Jungen besaßen auch Fahrtenmesser.

„Es ist jetzt fast neun Uhr“, sagte Alf mit einem Blick auf seine Uhr. „Spätestens Punkt halb eins seid ihr wieder hier, mit oder ohne Schwein.“

Die Bande zog los. Die Zurückgebliebenen beschäftigten sich in der Nähe der Hütte. Alf, Bodo und einige Jungen sammelten Brennholz, sorgten für ein brauchbares Feuer, nahmen den Schwenkgrill ab, holten den Grillspieß vom Hauptgebäude und stellten ihn auf. Henni und ich bereitete mit einigen Mädchen mehrere Schüsseln mit verschiedenen Salaten.

Kurz vor ein Uhr erschienen die erfolglosen Jäger. Wir spielten natürlich die bitter Enttäuschten.

„Morgenvormittag geht ihr mit Herrn H. und Frau W. zum Schwimmbad“, sagte Alf, nachdem er lange genug gemeckert hatte, dass wir nun einen fleischfreien Tag hatten und nur Salate zu essen bekamen. „Frau K. und ich gehen dann mit Caesar in den Wald und fangen ein Wildschwein.“

„Bah, Sie schaffen das auch nicht!“, rief Karlheinz.

„Wetten, dass?“, lachte Alf.

Am nächsten Morgen wanderte die Truppe mit Henni und Bodo zum Schwimmbad. Alf und ich stiegen mit Caesar in mein Auto. Wir fuhren in die Stadt zum Supermarkt und besorgten ein Spanferkel.

Als unsere Truppe zur Hütte zurück kam, hatten wir mit Hilfe des Kochs aus dem Haupthaus das Tier bereits bratfertig auf dem Spieß hängen.

Natürlich wollten die Schüler wissen, wie wir es geschafft hatten, das Wildschwein zu erjagen. Alf erzählte mit todernster Miene eine Geschichte.

„Tja, wir sind erst mit dem Auto zum Waldrand gefahren und haben uns da in die Büsche geschlichen, wo wir die Tiere vorgestern gesehen haben. Caesar hat die Fährte aufgenommen und hat es geschafft, ein Tier von dem Rudel zu trennen und uns zuzujagen. Frau K. hat dem Schwein einen Sack über den Kopf geworfen. Bevor es sich davon befreit hatte, konnte ich es erstechen.“

„Und wo haben Sie das Fell gelassen?“, fragte Jürgen.

„Das mussten wir beim Förster lassen“, antwortete Alf.

„Wer hat das denn abgezogen?“, wollte Herbert wissen.

„Natürlich der Gehilfe des Försters!“, gab Alf zurück.

Während die Jungen sich nun mit dem Drehen des Spießes abwechselten, wurde immer noch heiß diskutiert.

Plötzlich stutzte Frank und zeigte auf den Trichinenstempel, der deutlich sichtbar auf der Seite des Spanferkels prangte.

„Äh“, schrie er, „dat hab ich auch noch nie gesehen! ’ne Wildsau mit’m TÜV-Stempel!“

„Na klar“, sagte Alf, ohne eine Miene zu verziehen, „den Stempel hat der Förster angebracht und dafür haben wir sogar bezahlen müssen. Stellt euch vor, wir wären angehalten worden, dann hätte man uns doch Wilddieberei vorgeworfen!“

Die Jungen und Mädchen wussten nur wirklich nicht mehr, ob sie an unser Jagdglück glauben sollten oder nicht. Alf hatte auf jeden Einwand eine Antwort.

Zum Abendessen gab es leckeren gegrillten Schweinebraten, ob wild oder zahm, das war jetzt allen egal, Hauptsache es schmeckte!

Als wir wieder zu Hause waren, wurden wir vom Schulleiter und auch von einigen Eltern auf die Wildsau angesprochen. Alf blieb dabei, dass wir sie mit Caesars Hilfe gefangen und erlegt hatten. Die Eltern kauften ihm seine Geschichte offenbar ab, nur unser Schulleiter grinste und meinte:

„Jägerlatein!“

 10. Dezember 2007

 

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