Wer gewinnt die Wette?

 

Dieter Holstein kam in die Küche, wo seine Frau Kathi gerade den Tisch für das Mittagessen deckte.

„Olaf hat gerade angerufen“, berichtete er. „Unser Herr Sohn möchte uns heute Nachmittag mit Ulrike und den beiden Kindern besuchen.“

„Mitten in der Woche?“, erkundigte Kathi sich erstaunt. „Und das, obwohl keiner von uns beiden heute Geburtstag hat?“

„Genau dasselbe habe ich ihn auch gefragt“, erwiderte Dieter lachend. „Er entschuldigte sich wortreich, er hätte beruflich so viel Stress. Wenn er abends nach Hause käme, wollte er möglichst auch ein bisschen Zeit haben für seine Familie. Außerdem müssten sie sich doch ab und zu mit ihren Freunden und Arbeitskollegen treffen und so weiter ...“

„Ich bin schon froh, dass wenigstens Lars und Inka wissen, wo ihre Großeltern wohnen. Ich freue mich immer, wenn ich sie mit ihren Rädern hier über den Feldweg kommen sehe.“

„Ja, in ihnen fließt noch Bauernblut. Es gibt für sie nichts Schöneres, als Umgang mit Tieren.“

„Wann will Olaf kommen?“

„Er hat drei Uhr angegeben.“

„Dann können wir um halb vier mit ihm rechnen“, sagte Kathi spöttisch. „Du weißt, dass er Pünktlichkeit in seinem Privatleben für unwichtig hält.“

„So lange er in seinem Beruf zuverlässig arbeitet, soll mir das egal sein“, antwortete Dieter.

„Mir nicht“, erklärte Kathi ernst. „Pünktlichkeit ist eine Sache der Höflichkeit. Unser Sohn könnte meiner Meinung nach auch seinen Eltern gegenüber höflich sein.“

 

Punkt halb vier hielt Olafs Auto vor dem einsam gelegenen Bauernhof seiner Eltern. Cora, die Schäferhündin, empfing Lars und Inka mit lautem, freudigem Gebell. Die Kinder begrüßten ihre Oma und ihren Opa stürmisch wie immer. Während sie Kaffee tranken und die von Kathi selbst gebackenen Waffeln dazu aßen, redeten fast nur die Kinder. Sie hatten ihren Großeltern so viel aus der Schule und von ihren Freunden zu erzählen und auch eine Menge zu fragen, was die Tiere des Hofes anging.

„Dürfen wir jetzt rausgehen und spielen?“, fragte Lars, als sie fertig waren.

„Lauft aber bitte nicht in den Schweinestall. Ich hab euch gesagt, dass die Sau Junge hat. Sie muss Ruhe haben“, sagte Opa Dieter. „Ihr dürft sie nachher mit mir zusammen angucken.“

„Okay, Opa, wir spielen mit Cora in der Scheune“, erwiderte Lars. „Draußen regnet es immer noch.“

Die Kinder liefen mit der Hündin hinaus.

„So, mein Sohn, jetzt pack dein Problem aus. Wo drückt der Schuh?“, fragte Dieter. „Für lau kommst du doch nicht mitten in der Woche hier bei uns an. Was ist passiert?“

„Ich brauche deinen Rat, Vater“, gestand Olaf ein wenig verlegen. „Meine Firma will mich in unsere Filiale nach Kanada schicken, zunächst für zwei Jahre auf Probe. Der dortige Filialleiter und sein Substitut wollen nach Hause zurück. Ich dürfte meine Familie mitnehmen. Wir bekämen in der Nähe von Vancouver ein Einfamilienhaus zur Verfügung gestellt. Der Chef hat mir bis Montag Bedenkzeit gegeben.“

„Na, das ist doch eine großartige Gelegenheit, einmal andere Tapeten zu sehen“, sagte Dieter begeistert. „Da hätte ich in jungen Jahren, so lange meine Eltern den Hof noch bewirtschaften konnten, bestimmt nicht lange gefackelt.“

„Ja, aber ...“

Olaf zuckte hilflos mit seinen Schultern.

„Was hältst du denn davon, Ulrike?“, fragte Kathi.

„Einerseits finde ich das Angebot ebenso toll wie Olaf. Ich meine er sollte es nicht ausschlagen. Und ich würde auch gern mit ihm fahren“, gestand Ulrike, „aber andererseits bekommen Lars und Inka dann in der Schule Schwierigkeiten. In Kanada verstehen sie die Sprache nicht. Lars lernt erst seit einem Jahr Englisch. Das reicht nicht, um ihn dort zum Gymnasium zu schicken. Inka ist für das nächste Schuljahr hier in der Realschule angemeldet. Wenn wir die Kinder jetzt mitnehmen und in zwei Jahren nach Hause kommen, haben beide den Anschluss verloren.“

„Da hast du allerdings nicht ganz Unrecht, Ulrike“, bestätigte Dieter.

„Du meinst also, Vater, dass ich das Angebot meiner Firma wegen Lars und Inka ablehnen soll?“, erkundigte Olaf sich.

„Nein“, erwiderte Dieter, „ich denke, dass du nur mit Ulrike nach Kanada fahren solltest. Lass die Kinder bei uns. Sie können von hier aus beide mit dem Bus zu ihren Schulen fahren. Die Bushaltestelle ist mit dem Fahrrad in fünf Minuten zu erreichen. Bei schlechtem Wetter könnten Kathi oder ich sie mit dem Auto hinbringen.“

„Damit wären Ulrike und ich eine große Sorge los“, sagte Olaf.

„Meint ihr, dass ihr mit den beiden Rabauken fertig werdet?“, fragte Ulrike unsicher.

„Hier haben sie mehr Platz zum Toben, als in eurer Etagenwohnung“, erklärte Kathi. „Ich glaube nicht, dass wir mit ihnen Schwierigkeiten bekommen. Du weißt doch, wie oft sie im letzten Jahr die zwölf Kilometer von euch bis zu uns mit den Rädern gefahren sind, um hier bei uns in Ställen und Scheunen zu spielen und auf Pandur zu reiten.“

„Und wenn sie Heimweh bekommen?“, warf Ulrike ein.

„Sicher werden sie euch vermissen“, sagte Kathi. „Ich fände es schlimm, wenn es nicht so wäre. Aber ich glaube, beide sind alt genug, dass sie unsere Argumente verstehen. Es gibt keine Entfernung, die nicht mit Post und Telefon überbrückt werden könnte. Eure Kinder können also auf alle Fälle den Kontakt mit euch halten. Wir wissen, dass sie uns gern besuchen. Bestimmt sind sie bereit, auch für zwei Jahre bei uns zu wohnen. Auf diese Weise bleiben sie in ihrer gewohnten Umgebung, verlieren ihre Freunde nicht und bekommen in der Schule keine Probleme.“

„Ich bin überzeugt, dass sie begeistert sind, wenn sie hören, dass sie bei euch bleiben dürfen“, behauptete Olaf. „Aber ihre Freunde verlieren sie trotzdem. Falls ich nach Kanada gehe, soll Otmar Altmeister mich als mein Substitut begleiten. Er würde Dennis und Carolin lieber in Deutschland lassen, aber weder seine noch Gudruns Eltern haben Platz für ihre Enkel und in einem Kinderheim sollen sie nicht untergebracht werden.“

„Otmars Kinder sind sehr gut erzogen und pflegeleicht“, behauptete Kathi. „Lars und Inka haben sie schon ein paar Mal hierher mitgebracht. Frag Otmar doch, ob er sie auch bei uns lassen möchte.“

„Hier bei euch lassen?“, wiederholte Olaf überrascht. „Ihr würdet Otmars Kinder auch noch nehmen? Vier Kinder versorgen?“

„Warum nicht?“, erwiderte Dieter. „Wir haben doch Platz genug. Oben im Haus stehen fünf Zimmer frei, seitdem wir nur noch Personal haben, das nicht bei uns wohnt.“

„Und ich freue mich, wenn ich mal wieder nach Herzenslust kochen und backen darf“, sagte Kathi strahlend.

„Das wäre natürlich eine ganz großartige Lösung“, meinte Olaf. „Darf ich Otmar eben anrufen und ihn fragen, was Gudrun und er davon halten?“

„Natürlich!“

Olaf stand auf. Als er in den Flur zum Telefon gehen wollte, stürzten Lars und Inka mit Cora ins Wohnzimmer.

„Hurra, ich krieg von Inka eine Tafel Schokolade!“, rief Lars. „Ich habe die Wette gewonnen!“

„Welche Wette?“, fragten die vier Erwachsenen im Chor.

„Inka hat gesagt“, berichtete Lars, „wir müssen mit nach Kanada, ob wir wollen oder nicht. Dann hab ich mit ihr um eine Tafel Schokolade gewettet, dass wir bei Oma und Opa bleiben dürfen.“

„Ihr habt gelauscht!“, sagte Ulrike vorwurfsvoll.

„Klar, Mutti!“, bestätigte Lars. „Darauf hatten wir doch ein Recht. Schließlich wussten wir, dass hier über unser Schicksal beraten wurde.“

„Seid ihr denn auch mit dem Ergebnis zufrieden?“, erkundigte Kathi sich.

„Natürlich, Oma!“, antwortete Inka. „Wenn ihr nicht selbst auf die Idee gekommen wärt, hätten wir euch drauf gebracht. Jetzt sind wir gespannt, was Onkel Otmar sagt. Dennis und Carolin wollen nämlich auch nicht nach Kanada zu den Eskimos, die bloß chinesisch sprechen.“

„In Kanada leben zwar keine Eskimos und sie sprechen dort auch nicht chinesisch“, sagte Dieter lachend, „aber ich glaube auch, dass eure Freunde lieber zu uns kommen möchten. Und falls es euren Eltern in Kanada so gut gefällt, dass sie länger oder ganz dort bleiben wollen, könnt ihr euch immer noch überlegen, ob ihr in zwei oder drei Jahren zu ihnen fliegt. Bis dahin könnt ihr so viel Englisch, dass ihr nicht mehr ganz hilflos seid und euch auch in einer fremden Schule und in einer fremden Umgebung zurecht findet.“

„Am besten reisen wir im nächsten Jahr zuerst einmal in den Sommerferien nach Kanada und gucken uns die Gegend an“, schlug Lars vor.

„Warum erst im nächsten Jahr?“, fragte Ulrike.

„Weißt du, Mutti“, meinte Lars, „in diesem Jahr seid ihr ja mal gerade zwei Monate da und habt euch selbst noch nicht richtig eingelebt. „Nächstes Jahr, das fände ich besser.“

„Ich auch!“, nickte Inka.

Olaf kam jetzt ins Wohnzimmer zurück und setzte sich wieder auf seinen Platz.

„Otmar dankt euch ganz herzlich. Nun können wir beide unserem Chef morgen sagen, dass wir den Auftrag annehmen“, sagte er mit strahlenden Augen. „Danke, Vater, danke Mutter, dass ihr bereit seid, euch um die Kinder zu kümmern. Dennis und Carolin hatten schon mit Lars und Inka gesprochen und im Stillen auf diese Lösung gehofft. Jetzt können Gudrun, Ulrike, Otmar und ich unbesorgt nach Kanada reisen, denn wir wissen, dass unsere Kinder bei euch gut aufgehoben sind.“

„Wann geht es denn los?“, wollte Dieter wissen.

„Am zweiten Mai sollen wir in Vancouver sein, also müssen wir spätestens in drei Wochen fliegen, damit wir noch ein paar Tage zum Eingewöhnen haben“, antwortete Olaf.

„Dann bringt ihr die vier Kinder am besten schon Samstag mit Sack und Pack her“, schlug Kathi vor. „Auf diese Weise können sie sich während der Osterferien hier einleben und ihr habt gute zwei Wochen Zeit, um in Ruhe eure Haushalte aufzulösen und eure Koffer zu packen. Für Ostersonntag lade ich euch vier Kanadareisenden zum Mittagessen ein, dann können wir nachmittags Abschied feiern und vielleicht noch Dinge beraten, die wichtig sind. Morgen früh bereite ich oben vier Zimmer vor und am Nachmittag fahre ich zum Einkaufen, damit wir die Schleckermäuler zufrieden stellen können.“ Sie wandte sich an die Kinder: „Habt ihr vielleicht besondere Wünsche?“

„So lange du Majo, Ketchup und Schokoladeneis im Haus hast, bekommen wir alle vier kein Heimweh“, behauptete Lars.

Opa Holstein verzog sein Gesicht und schüttelte sich.

„Igitt! Wollt ihr vielleicht Eis mit Mayonnaise und Ketchup essen?“, fragte er.

„Nein, Opa“, erklärte Inka, „Das Eis ist natürlich für den Nachtisch. Notfalls nehmen wir aber auch mal Pudding, Quarkspeise mit Erdbeeren oder so was. Oder schlicht und ergreifend Omas selbst gemachten Joghurt. Lars denkt natürlich an Hähnchen mit Pommes oder an Nudeln mit Gulasch, dafür brauchen wir Rot-weiß.“

„Rot-weiß? Na, ja“, meinte Oma lachend, „an eure Spezialsprache werden wir uns im Laufe der nächsten Zeit bestimmt gewöhnen.“

„Und ich fahr morgen ebenfalls zum Einkaufen“, erklärte Dieter, „aber nicht in den Supermarkt. Im Heidegestüt gibt es wunderschöne Ponys. Ich werde noch drei kaufen, damit ihr euch nicht um Pandur zanken müsst.“

„Du bist Spitze, Opa!“, jubelten Lars und Inka.

„Ich habe schon lange davon geträumt, wieder Reitunterricht mit Kindern zu machen“, schmunzelte Dieter. „Montag geht’s los! Und jetzt verschwinden wir drei in die Ställe.“

Er stand auf und verließ mit den Kindern das Wohnzimmer.

„Ich glaube, wir brauchen uns wirklich keine Sorgen um unsere Kinder zu machen“, lächelte Ulrike. „Ich fürchte, dass Olaf und ich mehr Heimweh nach ihnen haben werden, als sie nach uns.“

12. März 2005

 

Veröffentlicht in der Anthologie Kinder - Spruchreif 2008

1-2-Buch - ISBN: 978-3-940445-38-4  - 13.80 €

 

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