Sag die Wahrheit!

 

Auf dem Schulhof der Albert-Schweitzer-Schule ging es an diesem Tag besonders laut zu. Gewitterschwüle hing in der Luft. Die Sonne stach unbarmherzig.

Eigentlich hatten die Aufsicht führenden Lehrer erwartet, dass die Schüler sich müde in den Schatten der Mauern und Bäume drücken würden, aber da irrten sie sich. Das Wetter hatte besonders einige Jungen aggressiv gemacht. Immer wieder entstand irgendwo eine Schlägerei, in die eingegriffen werden musste.

Endlich übertönte der Gong den Lärm der Schüler. Die große Pause war beendet.

An der rechten Seite des Schulgebäudes sammelten sich die Kinder der Klassen eins bis vier und stellten sich in geordneten Zweierreihen auf, um mit ihren Lehrern ins Nebenhaus zu gehen.

Die Jungen und Mädchen der Klassen fünf bis sieben standen in weniger geordneten Gruppen zwischen den beiden Schatten spendenden Linden und warteten auf ihre Lehrer, die ihnen das Zeichen zum Betreten des Schulhauses gaben.

Die Schüler der Klassen acht bis zehn, die normalerweise sofort nach dem Ertönen des Gongs ruhig in ungeordneter Reihenfolge ihre Klassenräume aufsuchten, gingen auf den Eingang zu. Und plötzlich gab es ein Rennen und Schieben, als ob ein Stampedo in einer Rinderherde ausgebrochen wäre. Weder den beiden Aufsichtführenden, die an der Eingangstür standen, noch den aus dem Lehrerzimmer zum Hof kommenden Kollegen gelang es, die wilde Masse aufzuhalten.

Dann erfolgte ein Knall, ein Klirren, die Glasscheibe der Pendeltür, die zum Untergeschoss führte, flog in tausend Splittern durch den Flur und die Treppe hinunter. Der Lärm bremste die Horde.

„Wer war das?“, brüllte der Rektor durch das Geschrei.

Keine Antwort. Zwar immer noch schnell und laut sprechend, aber doch etwas gesitteter, verschwanden die Schülerinnen und Schüler in ihren Klassenräumen.

In der Klasse acht wurde heftig debattiert, als Frau Schürmann eintrat. Sie unterbrach die Diskussion nicht, sondern setzte sich schweigend in ihren Sessel am Pult.

Es war nicht einmal eine Minute vergangen, da hatten die Schüler die Anwesenheit ihrer Lehrerin bemerkt. Sie setzten sich schweigend auf ihre Plätze.

„Na, wer war es?“, fragte Frau Schürmann lächelnd.

In der letzten Reihe erhob Manfred sich von seinem Platz.

„Das hab ich nicht extra gemacht“, sagte er achselzuckend. „Ich hab bloß die Tür ’n bisschen zu fest aufgestoßen und da ist die gegen die Wand geknallt und dann ist die Scheibe rausgeflogen. Das wollte ich nicht, bestimmt nicht, Frau Schürmann, das ist bloß ganz einfach so passiert.“

„Und warum hast du dich nicht sofort gemeldet, als Herr Rektor Wilhelm fragte?“, erkundigte sich Frau Schürmann mit leicht vorwurfsvollem Ton.

„Mann, der hätt’ mir doch eine gescheuert, dass ich die Engel im Himmel pfeifen gehört hätte! So wütend, wie der war.“

Frau Schürmann hielt sich nur mit Mühe ernst. Manfred hatte Recht. Ihrem cholerischen Schulleiter rutschte in so einer Situation leicht schon einmal seine Hand aus.

„Hast du denn inzwischen darüber nachgedacht, wie du das wieder gut machen kannst? Die Scheibe muss natürlich ersetzt werden.“

Manfred wurde blass, senkte seinen Kopf, schluckte und schwieg.

„Die sind nicht versichert, hat Manni eben gesagt“, mischte Willi sich ein.

„Und wenn er zu Hause sagt, dass er Geld braucht, für die Scheibe zu bezahlen, dann schlägt Vater ihn tot“, fügte Manfreds Zwillingsbruder Norbert hinzu. „Wir haben nämlich sowieso kaum Geld für zum Einkaufen.“

Frau Schürmann wusste, dass die Familie im „sozialen Brennpunkt“ wohnte, wie die Stadtverwaltung die primitiven Baracken im Baumweg nannte. Sie hatte dort vor einiger Zeit einen Hausbesuch gemacht und sich gewundert, wie sauber die beiden Zimmer waren. Die Zwillinge und ihre kleinere Schwester waren zwar ärmlich, aber immer ordentlich angezogen, obwohl ihre Auswahl an Bekleidung nicht sehr groß war. Zudem waren sie gut erzogen, höflich, erledigten ihre Hausaufgaben ordentlich und gaben sonst nie zu Klagen Anlass. Der Vater war arbeitslos, die Mutter putzte die Büros der Eisenfabrik, um die Familie zu ernähren.

In der Klasse herrschte eine Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Erwartungsvoll schauten alle Kinder zu ihrer Lehrerin. Wie würde sie diesen Fall entscheiden?

Manfred stand immer noch mit gesenktem Kopf an seinem Platz. Endlich erhob Frau Schürmann sich und ging auf den Jungen zu.

„Pass auf, Manfred“, brach sie ihr Schweigen. „Du gehst jetzt in die Klasse zehn zu Herrn Wilhelm und sagst ihm ehrlich, wie das mit der Tür war. Wegen der Kosten unterhalten wir beide uns dann später.“

Manfred nickte nur. Wie ein begossener Pudel verließ er den Klassenraum. Frau Schürmann begann mit dem Unterricht.

Ungefähr zehn Minuten waren vergangen, da erschien Manfred wieder. Seine Augen strahlten.

„Herr Wilhelm war gar nicht wütend auf mich“, berichtete er. „Er hat gesagt, er findet er toll mutig, dass ich zu ihm komm und die Wahrheit sage. Dann hat er mich zum Hausmeister geschickt, der soll den Glaser bestellen, und dann musste ich die Scherben auffegen.“ Er hielt Frau Schürmann seine offene Hand hin, in der ein Geldstück blinkte. „Und das hat Herr Wilhelm mir gegeben, dafür soll ich mir ein Eis kaufen“, fügte er hinzu. „Und die Scheibe lässt er von der Schulversicherung bezahlen, hat er noch gesagt.“

„Mann, äh!“, rief Willi. „Das hat sich ja echt gelohnt, dass du dem Chef die Wahrheit gesagt hast.“

Helga grinste und rief: „Meine Oma sagt immer: Ehrlich währt am längsten, weil es am wenigsten gebraucht wird.“

 

17. Februar 2008

 

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