Fabian gibt ein Versprechen

 

„Frühstückt ihr nicht mit mir?“, fragte Fabian erstaunt, als er in die Küche kam und sah, dass der Tisch nur für ihn gedeckt war.

„Dein Opa und ich haben schon vor zwei Stunden gegessen“, antwortete seine Großmutter und goss ihm Kakao in den Becher. „Am ersten Ferientag solltest du ausschlafen dürfen.“

In den letzten drei Jahren, seitdem seine Mutter tot war, hatte Fabian die Sommerferien immer allein auf dem kleinen Bauernhof  seiner Großeltern im Gebirge verbracht. Auch gestern hatte sein Vater ihn mit dem Auto hergebracht und war nach einer Stunde Rast wieder nach Hause gefahren.

Fabian setzte sich an den Tisch. Während er Butter und Honig auf eine Schnitte Brot strich, erkundigte er sich: „Ist Opa im Stall?“

„Nein, er ist mit Odin auf den Berg gestiegen“, erwiderte die Großmutter. „Er bleibt vielleicht den ganzen Tag fort. Herr Gröber hat gestern Abend angerufen und ihn gebeten, Kräuter für die Apotheke zu pflücken.“

„Darf ich ihm nachgehen?“, bettelte Fabian. „Ich möchte ihm gern beim Sammeln helfen, damit er schneller fertig wird. Du weißt, ich kenne auch schon ganz viele Kräuter.“

„Zuerst musst du in Ruhe frühstücken, dann sehen wir weiter.“

Fabian aß schweigend sein Brot und trank den Kakao, dann kam er auf seinen Wunsch zurück: „Kann ich Opa und Odin jetzt bitte suchen gehen?“

Die Großmutter musterte ihn. Fabian trug ein T-Shirt mit buntem Aufdruck, seine Lederhose, Kniestrümpfe und Sandalen.

„Hol bitte deinen Rucksack und zieh deine Bergschuhe an“, forderte sie ihn auf.

Fabian lief in sein Zimmer, das früher einmal Vaters Zimmer gewesen war. Als er nach einigen Minuten in die Küche zurückkam, wickelte die Großmutter gerade belegte Brote für ihn in Silberpapier. Dann goss sie Tee in eine Feldflasche. Fabian packte seine Verpflegung in seinen Rucksack. Die Großmutter steckte noch drei Äpfel und eine Handvoll Bonbons dazu.

„Nimm deinen Anorak mit“, sagte sie. „Die Sonne scheint zwar, aber das Wetter kann schnell umschlagen.“

„Ja, Oma, ich weiß. Hat Opa dir gesagt, welche Kräuter er pflücken soll?“

„Frauenmantel, Johanniskraut, Rainfarn und Schafgarbe“, zählte die Großmutter auf.

„Schafgarbe und Rainfarn wachsen überall hier am Weg“, überlegte Fabian, „für Johanniskraut muss Opa zum Wetterkreuz gehen und Frauenmantel findet er erst hinter dem Wildbach.“

„Das hast du gut behalten“, lobte die Großmutter ihn. „Wenn du deinem Großvater nicht begegnest, gehst du höchstens bis zum Wildbach. Willst du mir das versprechen, Fabian?“

„Ja, Oma, ich warte dann oben an der kleinen Kapelle auf ihn.“

Sie legte ihre rechte Hand auf Fabians schwarze Haare und zeichnete mit ihrem Daumen ein Kreuz auf seine Stirn.

„Geh mit Gott, mein Kind!“, wünschte sie.

Fabian legte den Rucksack an, schob seinen Anorak zwischen die Riemen, setzte seinen Hut auf und nahm seinen Wanderstab aus der Ecke.

„Auf Wiedersehen, Oma“, sagte er und verließ das Haus.

Die Großmutter stand an der geöffneten Tür und schaute ihm nach, wie er frohgemut den schmalen, steilen Wiesenweg hinauf stapfte. Vor der Wegbiegung blieb Fabian stehen, wandte sich um und winkte ihr noch einmal zu, dann entschwand er ihren Blicken.

Mit wachen Augen ging Fabian durch die Natur. Das Gras war noch feucht vom Tau der Nacht. In vielen Farben reckten unzählige Blumen ihre Köpfe der Sonne entgegen. Bunte Schmetterlinge und dicke, brummende Hummeln flogen zwischen ihnen herum. Hell leuchtete der ewige Schnee von den höchsten Bergkuppen herab. Am wolkenlosen Himmel zog ein Raubvogel seine Kreise.

„Hier ist es viel schöner als zu Hause in der großen Stadt“, dachte Fabian. „Die vielen Menschen und Autos auf den Straßen, den Lärm und Staub finde ich gar nicht gut. Schade, dass ich nicht immer hier bleiben kann. Aber wenigstens in den Sommerferien darf ich sechs Wochen bei Opa und Oma sein.“

Eine halbe Stunde lang war er mit gleichmäßigen Schritten bergauf gegangen, da blieb er plötzlich stehen. Vor ihm lag die große, weite Hochebene und kaum hundert Meter vor ihm ging sein Großvater. Er sah suchend zu Boden. Odin, der Wolfspitz, trottete neben ihm, hatte die Handgriffe eines Leinenbeutels in seiner Schnauze und zerrte ihn hinter sich her. Das sah so lustig aus, dass Fabian lachen musste.

„Odin!“, rief er, so laut er konnte.

Der Hund ließ den Beutel fallen und rannte zurück, um seinen kleinen Freund stürmisch zu begrüßen. Auch der Großvater schaute sich um. Er erkannte die kleine, schlanke Gestalt und wartete, bis Fabian und Odin ihn erreicht hatten.

„Guten Morgen, Opa“, grüßte Fabian.

„Guten Morgen, mein Junge“, antwortete der Großvater.

„Warum hast du mich nicht geweckt?“, fragte Fabian. „Du weißt doch, wie gern ich mit dir gehe. Ich möchte alle Blumen und Heilkräuter kennen lernen.“

„Ich habe geahnt, dass du mir nachkommen würdest, darum habe ich zuerst hier schon einen Teil Schafgarbe und Rainfarn gepflückt. Die Beutel lassen wir  drüben hinter dem großen Stein liegen. Jetzt brauche ich eine kurze Pause, dann gehen wir zuerst über den Wildbach und pflücken Frauenmantel.“

„Und dann brauchst du noch Johanniskraut“, fügte Fabian hinzu. „Wenn ich groß bin, will ich auch Kräuter sammeln wie du.“

Der Großvater setzte sich auf die Wiese. Er lud Fabian durch eine Handbewegung ein, neben ihm Platz zu nehmen, und legte seinen Arm um die Schultern des Jungen.

„Habe ich dir einmal erzählt, warum ich Kräutersammler geworden bin?“, fragte er.

„Nein, Opa“, erwiderte Fabian.

„Als Kind hatte ich einen großen Wunsch: Ich wollte Arzt werden, aber dafür hätte ich das Gymnasium besuchen und nachher noch mehrere Jahre studieren müssen. Das konnten meine Eltern nicht bezahlen. Darum übernahm ich unseren kleinen Hof, der gerade so viel einbringt, dass wir zufrieden leben können. Als dein Vater geboren wurde, wünschten meine Frau und ich uns, dass wir ihn zum Gymnasium schicken könnten, darum nahm ich die Arbeit in der Sägemühle an und sammelte in meiner Freizeit noch Kräuter für die Apotheke. Von dem Geld, das ich damit verdiente, konnte dein Vater im Internat wohnen, das Gymnasium besuchen und seine Ausbildung machen. Du weißt, dass er jetzt als Computerfachmann ein gutes Einkommen hat. Du kannst dir wünschen, welchen Beruf du ergreifen möchtest, denn dein Vater kann ein Studium für dich bezahlen. Du hast deine Grundschulzeit gerade hinter dir. Nach den Ferien gehst du zum Gymnasium. Es liegt nur an dir, ob du dein Abitur schaffst und im Leben vorwärts kommst.“

„Du bist zwar kein Arzt geworden, aber du weißt von den Heilkräften der Blumen und Kräuter mehr als viele Ärzte“, behauptete Fabian.

„Das mag sein, Fabian“, erwiderte der Großvater. „Unser Herrgott hält in der Natur eine wunderbare Apotheke für uns bereit, doch leider greifen die meisten Ärzte lieber zu den Arzneimitteln aus den chemischen Fabriken.“

Fabian legte sich in das weiche Gras zurück. Einige Minuten schien es, als würde er den Raubvogel beobachten, der immer noch am Himmel seine Kreise zog. Dann richtete er sich wieder auf. Seine dunkelbraunen Augen strahlten seinen Großvater an.

 „Ich habe mir gerade etwas überlegt, Opa. Ich will Arzt werden und die Kranken, die zu mir kommen, mit den Kräutern aus unseren Bergen gesund machen. Wenn ich nach Hause komme, spreche ich sofort mit Vati darüber.“

„Damit würdest du mir eine sehr große Freude machen, denn dann wüsste ich, dass meine harte Arbeit sich gelohnt hat.“

„Und Vati muss mir erlauben, dass ich jetzt immer in den Ferien zu dir kommen darf, auch Ostern und im Herbst, damit du mir alle Heilpflanzen zeigst, die es gibt.“

„Mein lieber Junge, ich kenne nur die Heilpflanzen unserer Heimat. In fremden Ländern haben die Menschen andere Pflanzen, die auch sehr heilsam sind.“

„Dann möchte ich ganz viele Bücher darüber lesen, damit ich die fremden Pflanzen auch kennen lerne. Vielleicht kann man ja sogar die besten davon nach hier holen und hier anpflanzen.“

Der Großvater lächelte über die Begeisterung  des Jungen.

„Hoffentlich denkst du in neun Jahren, wenn du dein Abitur geschafft hast, noch genau so“, meinte er. „Vielleicht hast du dir bis dahin schon überlegt, dass du lieber Pilot oder Kapitän oder sonst etwas werden möchtest.“

„Nein, Opa“, antwortete Fabian und reichte seinem Großvater die Hand, „ich verspreche dir hiermit ganz feierlich, dass ich Arzt werde. Großes Ehrenwort! Und jetzt müssen wir weitergehen, damit du heute Abend alle Beutel voll hast.“

Er stand auf. Auch der Großvater erhob sich. Eine Weile wanderten sie schweigend nebeneinander her. Dann blieb Fabian stehen.

„Du, Opa, es gibt doch so große Häuser, wo Menschen hin kommen, die mal ganz schwer krank waren und sich noch erholen müssen. Ich hab vergessen, wie man die nennt.“

„Kurhaus oder Sanatorium.“

„Richtig! Wenn ich mal Arzt bin, bau ich so ein Sanatorium irgendwo ganz allein zwischen Wiesen und Wäldern. Und die Leute, die zu mir kommen, mach ich mit Kräutern ganz gesund.“

„Dann will ich schon einmal anfangen zu sparen“, lächelte der Großvater, „damit ich dir einen Zuschuss zu deinem Kurhaus geben kann.“

„Viel wichtiger ist, dass du mir erklärst, was man von den verschiedenen Pflanzen brauchen kann.  Ich weiß zum Beispiel, dass du von manchen Pflanzen nur die Blüten oder die Blätter oder die Wurzeln nimmst. Und außerdem musst du mir aufschreiben, gegen welche Krankheiten welche Pflanzen helfen.“

„Dann muss ich dir noch mehr aufschreiben. Von manchen Pflanzen kocht man Tee, von manchen presst man den Saft aus, von manchen Pflanzen macht man Salben oder eine Tinktur zum Einreiben.“

„Das will ich alles lernen“, sagte Fabian ernst. „Und du und Oma, ihr müsst die ersten Kurgäste bei mir sein, auch wenn ihr kerngesund seid!“

 

Fabian hielt Wort. Er wurde Arzt für Allgemeinmedizin und spezialisierte sich dann auf die Naturheilkunde. Sein Vater und seine Großeltern halfen ihm, dass er ein einsam gelegenes Hotel mit dreißig Gästezimmern kaufen konnte. Daraus machte er ein Sanatorium.

Seine Patienten behandelte er mit Kräutern, Massagen, Bädern und Gymnastik, er lud sie zum Spielen, Singen und Wandern ein und sie lernten von ihm Fröhlichkeit und positives Denken.

 25. Januar 2006

 

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