Urlaub so oder so

 

Alexandra schlenderte durch den Supermarkt. Hier und da nahm sie etwas aus einem Regal und legte es in ihren Einkaufswagen.

„Grüß dich, Alex!“, ertönte plötzlich neben ihr eine Stimme.

Erstaunt schaute sie sich um. Da stand ihre Freundin.

„Hallo, Heike!“, grüßte Alexandra zurück.

„Machst du einen Großeinkauf?“, fragte Heike.

„Klar, wenn wir drei Wochen lang auf Achse gehen, sorgen wir vorher dafür, dass nichts mehr im Haus ist, was verderben könnte“, antwortete Alexandra.

„Seit wann seid ihr aus eurem Urlaub zurück?“

„Wir sind Samstagnachmittag angekommen. Jürgen musste heute wieder zur Arbeit, sonst wären wir noch eine Weile geblieben. Ich wollte dich gestern anrufen, aber unser Telefon ist gesperrt worden, und für die Telefonzelle brauche ich eine Karte, die ich am Sonntag leider nirgendwo kaufen konnte.“

„Wieso ist euer Telefon gesperrt?“

„Das verstehen wir auch nicht. Das muss ein Irrtum sein. Angeblich haben wir die Rechnung nicht bezahlt. Telekom hat aber seit eh und je für die Gebühren eine Einzugsermächtigung von uns. Jürgen will das heute vom Büro aus klären.“

„Du siehst übrigens sehr gut aus, nicht nur braun gebrannt wie eine Indianerin, sondern auch strahlend frisch und vergnügt.“

„Ja, drei Wochen zwischen fröhlichen Menschen, die wie wir Sonne und Freizeit genießen, das steckt an.“

„Eure Ansichtskarte ist letzten Freitag auch angekommen. Vielen Dank!“

„Freitag erst? Dann war sie zwei Wochen lang unterwegs? Die Post da unten wird immer bummeliger. Aber wir haben auch in anderen Dingen gemerkt, dass der Service nachlässt.“

„Jürgen schrieb auf der Karte, du wärst von einem Hai angegriffen worden. Kommen die denn so nah an den Strand?“

„Das war nicht am Strand. Wir haben uns ab und zu ein Boot gemietet und sind ein Stück weit aufs Meer gefahren. Dann ist immer einer von uns geschwommen, der andere hat das Boot halbwegs auf Position gehalten. Als ich gerade im Wasser war, kam plötzlich dieses riesige Biest auf mich zugeschossen. Ich hab natürlich geschrien. Jürgen ist sofort mit dem Boot gekommen und hat mich hoch gezogen. Es ist nichts passiert.“

„Aber nach dem Schock seid ihr doch sicher näher am Strand geblieben?“

Alexandra lachte spöttisch.

„Hast du eine Ahnung! Du kannst da am Strand höchstens ein Sonnenbad nehmen, wenn dich der Lärm der Kinder und die Musik von mindestens fünf Kofferradios in nächster Nähe nicht stört. Zum Schwimmen ist das Wasser viel zu verdreckt.“

„Warum fahrt ihr dann immer wieder dort hin?“, fragte Heike verwundert.

„Wenn wir Urlaub haben, wollen wir andere Tapeten sehen. Die ganze Atmosphäre dort im Hotel, ein  bisschen die Lebensgewohnheiten der Einheimischen studieren, einen Bummel am Strand machen, eine Bootsfahrt bei Vollmond über das Meer oder einmal einen Ausflug zu den Sehenswürdigkeiten des Landes unternehmen, das ist eben etwas ganz anderes als das Alltagsleben zu Hause“, entgegnete Alexandra begeistert.

Heike zuckte hilflos mit ihren Schultern.

„Ich würde ja auch gern einmal eine Reise ins Ausland machen, aber Rüdiger will nicht“, sagte sie. „Er behauptet, die kochen alle mit Öl. Davon bekommt er immer Magenprobleme. Darum will er ja auch, wenn wir mal zum Essen ausgehen, nur deutsche Lokale besuchen. Außerdem sagt er, die Preise für Urlaub am Mittelmeer steigen immer höher. Da zahlt man inzwischen doppelt so viel wie hier im Westerwald oder im Taunus. Und ob du 400 oder 4.000 km Zuwachs im Tachostand hast, dass kannst du auch merken.“

„Das ist richtig“, gab Alexandra zu. „Aber dafür bieten die Länder am Mittelmeer eben Tag für Tag Sonne und Wärme, was du hier in Deutschland nur selten bekommst.“

„Habt ihr in diesem Jahr auch Dias gemacht?“

„Natürlich. Mittwoch sind sie fertig, dann laden wir euch zum Abendessen ein.“

Heike warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und erschrak.

„Abendessen! O weh! Ich muss mich beeilen. Meine Schwiegereltern und Rüdigers Bruder Dietrich mit seiner Frau Gerhild kommen heute zum Abendessen zu uns. Bis dahin muss ich ein Superessen vorbereitet haben und auch meine ganze Wohnung noch auf Hochglanz bringen, einschließlich Fenster putzen und Gardinen waschen.“

„Spielen die Männer immer noch alle vierzehn Tage Skat?“

„Ja, und wir drei Frauen kniffeln, aber wehe, wenn Schwiegermutter verliert. Dann sieht sie auf einmal jedes Staubkörnchen in der Wohnung und macht ihre bissigen Bemerkungen darüber. Ich muss weg! Tschüs, Alex!“

Heike schob ihren Einkaufswagen auf die Fleischtheke zu.

„Tschüs, Heike! Viel Vergnügen heute Abend!“, rief Alexandra der Freundin lachend nach.

 

14. September 2005

 

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