Geometrie-Unterricht 

 

Den Unterricht in Mathematik und Geometrie hielt seit Beginn des neuen Schuljahres Frau Messing. Ihre Abneigung zu unserer Klasse beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie war die bestgehasste Lehrkraft an unserer Schule, denn sie behandelte uns Schülerinnen mit einer Überheblichkeit und Arroganz, als wären wir allesamt Dummköpfe.

Frau Messing war vor nicht allzu langer Zeit in unserer Stadt zugezogen und gab damit an, dass sie jahrelang Schulleiterin an einem Gymnasium in Breslau gewesen wäre. Darum bestand sie darauf, dass wir sie mit „Frau Oberstudiendirektorin Doktor Messing“ anredeten, obwohl sie an unserer Schule nicht die Direktorin war, nicht einmal die Stellvertreterin unseres Direx.

Wir Schülerinnen machten uns also ein Vergnügen daraus, Sie nur als „Frau Doktor Messing“ anzusprechen, worauf sie grundsätzlich in Harnisch geriet, uns wütende Blicke zuwarf und uns in scharfem Ton korrigierte.

Je länger die Dame in unserer Klasse unterrichtete, umso mehr machten wir uns über sie lustig. Sie gab uns auch genügend Stoff für unsere Witzeleien. Ihr Geometrie-Unterricht war für uns eine Qual.

Hier eine Kostprobe.

Die Hälfte der Unterrichtsstunde war schon vorbei, weil Frau Messing unsere Hausaufgaben kontrolliert hatte. Bei jedem Heft hatte sie laut über die Wissenslücken und die Ignoranz der Schülerinnen dieser Klasse geschimpft, obwohl wir alle unsere Aufgaben ordentlich gemacht hatte. Aber wo sie ein Haar in der Suppe finden wollte, da fand sie auch eins.

Nach vollbrachter Arbeit ging sie zum Fenster, öffnete es und schaute in den Schulhof hinunter.

„Wilma“, sagte sie dabei, „geh an die Tafel und zeichne ein rechtwinkeliges Dreieck, Seite a hat zwanzig Zentimeter, Seite b hat fünfunddreißig Zentimeter. Alpha ist ein rechter Winkel.“

Ich ging nach vorn, nahm das große Geo-Dreieck von dem Brett an der Wand und fing an zu zeichnen.

„Kannst du den Mund nicht aufmachen?“, brüllte sie mich an, ohne sich umzuwenden. „Du weißt, dass ihr ansagen sollt, was ihr tut.“

„Jawohl, Frau Doktor Messing!“, gab ich zurück.

„Frau Oberstudiendirektorin Doktor Messing, bitte!“

„Auch gut!“, grinste ich. „Also: Ich zeichne die Grundlinie a gleich zwanzig Zentimeter ...“

Sie drehte sich jetzt um und schaute zur Tafel.

„Das sollen zwanzig Zentimeter sein?“

„Nein, das sind zwanzig Dezimeter.“

„Halte dich gefälligst an meine Anweisung.“

„Bei Herrn Doktor Walther mussten wir an der Tafel immer mit der nächst höheren Maßeinheit arbeiten.“

„Bin ich Doktor Walther?“
„Nein, leider nicht. Also: Ich zeichne eine Linie von zwanzig Zentimetern ...“

„Das soll eine geometrische Linie sein? So ein dickes Ding? Das ist keine Linie, eine Kreidestange ist das!“

„Gut, ich lege also eine Kreidestange von zwanzig Zentimetern auf die Tafel ...“

„Und ich lege eine Graphitstange von zwanzig Zentimetern in mein Heft!“, rief Renate.

„Spar dir deine unqualifizierten Bemerkungen!“, brüllte Frau Doktor Messing sie an.

„... und messe den rechten Winkel aus“, fuhr ich unbeirrt fort.

„Zeichne an der Tafel in Dezimetern! Bei deinen dicken Kreidestrichen kann man ja sonst überhaupt nichts erkennen.“

„Na, schön!“ Ich wischte meine zwanzig Zentimeter aus und begann erneut. „Ich lege jetzt eine Kreidestange von zwanzig Dezimetern als Grundlinie für das Dreieck auf die Tafel.“

„Warum wischst du die Linie aus? Bist du nicht in der Lage, zwanzig Zentimeter auf zwanzig Dezimeter zu verlängern?“

Ich wischte die zwanzig Dezimeter Linie wieder aus und redete weiter. „Ich lege also zuerst eine Kreidestange von zwanzig Zentimetern an die Tafel. Weil ich aber an der Tafel mit Dezimetern rechnen soll, verlängere ich diese Kreidestange jetzt auf zwanzig Dezimeter.“

„Du sollst nicht rechnen, du sollst zeichnen!“

„Gut, ich zeichne also aus einer Kreidestange von zwanzig Zentimetern eine Kreidestange aus zwanzig Dezimetern. Das ist die Grundlinie a für das Dreieck.

„Das soll die Grundlinie sein! Eine Linie ist etwas anderes!“

„Diese Linie soll die Grundstange für das Dreieck sein. Dann lege ich das Geodreieck an und ...“

„Wo legst du das Geodreieck an?“, brüllte sie dazwischen.

„An der linken Seite!“

„Kannst du nicht in einem geregelten Satz sprechen?“

„Ich lege das Geodreieck am linken Ende der Kreidestangengrundlinie an und zeichne den rechten Winkel.“

Einige meiner Klassenkameradinnen lachten. Ich blieb ernst.

„Ruhe! Woran erkennt man einen rechten Winkel, Wilma?“

„Er hat neunzig Grad und steht in diesem Falle senkrecht zur Grundlinie.“

„Na, wenigstens das weißt du. Erstaunlich!“

„Tja, es gibt immer noch Wunder“, sagte Renate laut.

„Ruhe!“, brüllte Frau Messing jetzt mit rotem Kopf.

„Ich nehme den Zirkel“, sprach ich weiter, „stelle ihn auf fünfunddreißig Dezimeter ein, lege ihn am rechten Ende der Kreidestangengrundlinie an und bestimme den Kreuzungspunkt mit der senkrechten Kreidestange.“

„Ich kann offenbar von dir nicht verlangen, dass du das exakt ausdrückst, also will ich es so gelten lassen. Diese Klasse besteht ja sowieso nur aus Schwachköpfen. Ich weiß nicht, wie Kollege Walter das ausgehalten hat.“

„Herr Doktor Walter,“ ich betonte den Doktor besonders, „war mit unserer Klasse immer sehr zufrieden. Ich verbinde jetzt den Endpunkt der Kreidestangengrundlinie mit dem Schnittpunkt in der Kreidestangensenkrechten ...“

„Was für ein Schnittpunkt?“, unterbrach sie mich.

„Der Schnittpunkt ist da, wo ich mit dem Zirkel das Kreidebögelchen in die senkrechte Kreidestange gemacht habe. Durch die Verbindung der beiden Punkte ist das Dreieck geschlossen.“

Ich verband die Punkte, legte die Kreide auf den Tafelrand, hängte Zirkel und Geodreieck an das Brett und ging an meinen Platz zurück.

„Das soll nun ein rechtwinkeliges Dreieck sein“, meckerte Frau Doktor Messing. „Das malt ein Kind im Kindergarten besser.“

„Da haben Sie Recht, Frau Kindergärtnerin“, rief Renate.

Frau Messings Gesicht lief rot an.

„Für diese Frechheit bekommst Du eine Eintragung ins Klassenbuch!“, schrie sie wütend.

„Aber bitte mit einem echt rechtwinkligen Dreieck verziert!“, lachte Renate.

Der Pausengong ertönte und wir stürzten, ohne von Frau Messing aufgefordert zu werden, zur Tür hinaus.

„Wenn das so weitergeht“, meinte Gisela, „dann könnt ihr mich am Ende des Schuljahres in die Klapsmühle bringen.“

„Nee“, lachte Renate, „dann treffen wir uns alle im Kindergarten wieder.“

 

22. Dezember 2007

 

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