Unfall im Güterbahnhof

 

„Ich wollte Ingo am Ende des Schuljahres eigentlich sitzen lassen“, sagte mein Kollege Alf, als wir an einem Montagmorgen Anfang Juni während der Zehn-Uhr-Pause Aufsicht führen mussten und gemeinsam über den Schulhof spazierten, „aber ich werde ihn wohl mitschleppen, denn im nächsten Jahr braucht er seine Kameraden mehr als alles andere.“

„Warum?“, fragte ich verständnislos. „Ist etwas mit ihm passiert?“

„Hast du keine Zeitung gelesen?“, fragte Alf überrascht. „Und keiner aus deiner Klasse hat dir etwas erzählt?“

„Ich lese nur sehr selten Zeitung und heute Morgen habe in den beiden ersten Stunden nicht unterrichtet, sondern Verwaltungsarbeit gemacht“, entschuldigte ich mich. „Klär mich bitte über meine Bildungslücke auf.“

„Ingos Eltern haben mich Samstag angerufen und ich habe mich darauf hin gestern Nachmittag mit ihnen hier im Krankenhaus getroffen. Von ihnen habe ich dann Genaueres erfahren als das, was in der Zeitung stand.“

 

Am Freitag nach der Schule verabredeten sich Ingo, Stephan, Guiseppe, Franco und Carlo wie immer für den Nachmittag zum gemeinsamen Spiel.

Diese fünf Jungen waren in unserer Schule bekannt dafür, dass sie die tollsten Einfälle hatten und immer zu einem mehr oder weniger unüberlegten Streich bereit waren. Kollege Alf nannte sie oft scherzhaft seine Maffia, obwohl eigentlich keiner dieser Jungen als bösartig bezeichnet werden konnte. Sie waren einfach nur wild, ungebärdig, lebhaft und undiszipliniert, besonders wenn die Bande gemeinsam etwas unternahm.

Freitag war der Güterbahnhof ihr Ziel. Sie wollten dort wieder einmal Verstecken spielen. Es machte ihnen Spaß, dem Bahnpersonal geschickt auszuweichen, um nicht entdeckt zu werden, in den Güterwagen herum zu klettern, und sich hin und her rangieren zu lassen.

An diesem Tag standen auch wieder eine ganze Menge Wagen hintereinander, die mit Kohlen beladen waren. Es waren offene Waggons. Die Jungen kletterten am letzten Wagen hoch, liefen über den schwarzen Hügel aus Kohlen und sprangen zum nächsten Wagen hinüber.

Plötzlich geriet einer der Kohlenberge ins Rutschen. Carlo fiel. Ingo griff unwillkürlich nach einem Halt und fasste an die Oberleitung.

Ein fürchterlicher Schrei machte die anderen Jungen aufmerksam. Sie sahen Ingo über den Kohlenberg vom Waggon herunterrollen und auf dem Schotter der Gleisanlage aufschlagen. Im Nu waren die vier Kameraden hinunter gesprungen und standen neben ihm.

Ingo war besinnungslos. Sein rechter Unterarm war völlig verkohlt. Seine Freunde waren vor Entsetzen wie gelähmt. Franco fasste sich zuerst.

„Wir müssen ihn zum Arzt bringen“, sagte er.

Die vier Jungen hoben Ingo vorsichtig auf und trugen ihn über die Gleise des Güterbahnhofs bis zur Straße. Zwei Häuser weiter wohnte Carlo. Dorthin brachten sie den immer noch bewusstlosen Freund.

Carlos Eltern waren entsetzt. Sie riefen den Notarzt und Ingos Eltern an. Ingo wurde ins Krankenhaus gebracht und kam sofort in den OP.

 

In den nächsten Wochen besuchte mein Kollege Ingo oft im Krankenhaus und sprach auch mit mir über ihn.

Die Ärzte hatten gesagt, dass es fast schon ein Wunder wäre, dass der Junge den Stromschlag, den Sturz von dem Waggon herunter und den unsachgemäßen Transport durch seine Kameraden überlebt hatte. Der rechte Arm war nicht zu retten, er wurde bis kurz über dem Ellbogen amputiert. Das rechte Bein zeigte am Unterschenkel, am Fuß und an den Zehen ebenfalls starke Verbrennungen, aber die Ärzte konnten es in mehreren Operationen retten.

Nach den Sommerferien kam Ingo wieder zur Schule. Er trug an seinem rechten Unterarm eine Prothese und zog sein rechtes Bein leicht nach. Alf hatte Wort gehalten und ihn versetzt, damit er bei seinen Kameraden blieb. Aber Ingo hatte sich sehr verändert, wirkte ablehnend, wortkarg, sehr ernst und konnte sich seinen Freunden gegenüber fast schon beleidigend verhalten. Erst als wir ihn gegen Ende dieses Schuljahres auf unsere zehntägige Klassenfahrt mitnahmen, sahen wir ihn am Abend beim Lagerfeuer zum ersten Mal nach seinem Unfall unbeschwert lachen.

 

 14. Februar 2007

 

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