Der geheimnisvolle Beifahrer 

 

Mein großer, hellblauer Ford raste auf der Überholspur der Autobahn nach Norden. Der schwere Motor sang ein eintöniges Lied. Ich betrachtete nachdenklich den Himmel.

Als ich am Morgen von meinem Urlaubsort aufbrach, schien die Sonne von einem fast wolkenlosen, blauen Himmel. Nun aber schob sich von Westen her eine dunkle Wand auf mich zu. Der Tag wurde zur Nacht und dann prasselte der Regen gegen meine Windschutzscheibe. Ich schaltete Licht und Scheibenwischer ein.

Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel, dass neben mir jemand saß. Ich warf einen hastigen Blick nach rechts. Der Beifahrersitz war leer.

„Natürlich!“, sagte ich und schenkte mir selbst ein spöttisches Lächeln. „Wie sollte wohl bei dieser Geschwindigkeit jemand bei mir eingestiegen sein?“

Ein erster Blitz zuckte vom Himmel, ihm folgte wenige Sekunden später ein krachender Donnerschlag. Als er vergrollt war, ertönte neben mir eine klare, deutliche Stimme.

„Du fährst zu schnell!“

Unwillkürlich blickte ich auf meinen Tacho, überzeugte mich in den Spiegeln davon, dass es rechts eine Verkehrslücke gab, und wechselte die Spur.

Warum hatte ich der seltsamen Stimme gehorcht? Andererseits hatte sie ja Recht. Die Scheibenwischer schafften es kaum, mir bei der Menge Regen freie Sicht zu verschaffen.

Ein Schild tauchte aus dem Schleier auf. Nächste Abfahrt 1000 m.

„Da musst du ausfahren!“, sagte die Stimme neben mir.

Ich lachte und widersprach: „Warum? Der Verkehr hält sich in Grenzen. Um diese Zeit ist auf dieser Strecke auch nicht mit Stau zu rechnen. Über die Dörfer geht die Fahrt viel langsamer.“

So erreichte ich die 300 m Bake.

„Blinker! Ausfahren!“, befahl mein unsichtbarer Beifahrer.

Wie unter einem geheimen Zwang gehorchte ich. Wenige Sekunden später rollte mein Wagen mit Tempo 70 über die Landstraße. Aus einem Augenwinkel sah ich wieder meinen Beifahrer sitzen, der natürlich sofort verschwand, als ich meinen Kopf wandte.

Na, ja, der Weg über die Dörfer war mehr als zehn Kilometer näher als der über die Autobahn. Nur kam ich hier natürlich nicht so schnell vorwärts.

Nach einer Weile schaltete sich der Verkehrsfunk in meinem Radio ein. Ich lauschte, und plötzlich hielt ich fast die Luft an. Im weiteren Verlauf meiner Autobahnstrecke war es zu einer Massenkarambolage gekommen. Die Autobahn war auf unbestimmte Zeit gesperrt, ebenfalls die Gegenfahrbahn, um den Rettungshubschraubern Landemöglichkeiten zu bieten.

Ich fuhr sehr langsam und nachdenklich nach Hause. Wenn ich nicht auf meinen unsichtbaren Begleiter gehört hätte, wäre ich jetzt vielleicht tot oder schwer verletzt, mindestens aber hinge ich in einem dicken Stau fest.

Am Abend wurden im Fernsehen Schreckensbilder von der Unfallstelle gezeigt. Man sprach bereits von zwanzig Toten und mehr als fünfzig Schwerverletzten.

Noch heute frage ich mich: Wer war mein unsichtbarer Beifahrer? Welche Kraft war es, die mich veranlasst hat, von der Autobahn abzufahren und meinen Heimweg über Nebenstrecken zu nehmen?

Vielleicht Magie?

30. Juni 2008

 

Quartalssieger Mai/Juni 2008 - Autorenforum Spruchreif

 

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