Wiedersehen mit einem Traumbild

 

Der letzte Nachtzug nach Köln rollte langsam aus der Halle des Duisburger Hauptbahnhofs. In Gedanken versunken schaute Hans-Georg ihm nach. Erst als die Kurve ihn seinen Blicken entzog, kehrte er in die Gegenwart zurück. Er wandte sich um und verließ den Bahnsteig.

Auf dem Bahnhofsvorplatz sprach er den ersten Taxifahrer an: „Fahren Sie mich bitte zum Heidberg.“

„Stadtgrenze Süd?“, fragte der Mann.

„Richtig“, antwortete Hans-Georg und stieg ein.

Während das Taxi durch den dichten Verkehr der hell erleuchteten Innenstadt fuhr, lehnte er sich zurück und schloss seine Augen. Die Ereignisse der letzten Tage zogen mit all ihren Höhen und Tiefen noch einmal an ihm vorüber.

 

Mittwoch wollte er aus seinem Anwaltsbüro in der Duisburger Innenstadt seinen Schwager in Düsseldorf anrufen.

„Stadtverwaltung Köln, Heister, guten Tag“, meldete sich eine Frauenstimme.

„Köln? Oh, dann entschuldigen Sie bitte, offenbar habe ich die falsche Vorwahl gewählt“, antwortete er und legte auf.

Einen Augenblick lauschte er der Stimme nach. Und plötzlich durchzuckte es ihn glühend heiß.

Heister?

Ein Bild stieg vor ihm auf, eine Klassenkameradin, seine erste große Liebe – ein Traum von einem Mädchen – sein Traum, der ihn noch heute fesselte und jede andere Frau verblassen ließ. Sein Herz klopfte schneller, wenn er an sie dachte.

Regina Heister war groß, schlank, mit strahlenden, blauen Augen und langen, seidig glänzenden, hellblonden Haaren, intelligent und immer schick gekleidet. Er hatte sie ins Kino oder in die Disco eingeladen. Oft waren sie durch den Wald gewandert und hatten Pläne geschmiedet für eine gemeinsame Zukunft.

Bei ihrer Abschlussfeier nach dem Abitur hatte er versprochen: „Sobald ich mein Studium beendet habe und mein erstes Geld verdiene, werden wir heiraten.“

Sie hatte ihn geküsst und gesagt: „Schreib mir aber bitte wenigstens jede Woche einen Brief.“

Dann war er zunächst zur Bundeswehr eingezogen worden. Bei seinem ersten Urlaub wollte er sie wiedersehen.

„Regina wohnt nicht mehr bei uns“, hatte ihre Mutter ihm erklärt und hatte ihm die neue Adresse gegeben.

Er hatte versucht sie dort zu besuchen, traf sie aber nie an. Zwei Briefe an sie waren unbeantwortet geblieben, der dritte war zurückgekommen. „Unbekannt verzogen“.

Während er in München Jura studierte, hatte er ihre Telefonnummer ermitteln können, aber es schaltete sich immer nur der Anrufbeantworter ein und Reginas Stimme sagte: „Ich bin im Moment nicht zu Hause. Gib mir deine Nummer, dann rufe ich dich später an.“

Auf ihren Anruf aber hatte er vergeblich gewartet. Schließlich hatte er seine Versuche aufgegeben.

Einen Augenblick zögerte er jetzt, dann drückte er auf die Wiederholungstaste seines Telefons und wartete gespannt.

„Stadtverwaltung Köln, Heister, guten Tag“, sagte dieselbe Stimme.

„Klein. Spreche ich mit Regina Heister?“

„Ja, wer ist dort, bitte?“

„Regina, hier ist Hans-Georg. Das nenne ich Zufall, dass wir uns durch einen Irrtum beim Telefonieren wiederfinden. Wohnst du in Köln? Können wir uns dort irgendwo treffen?“

„Hans-Georg? Ja, toll! Endlich höre ich einmal etwas von dir. Ich komme Samstag zu dir nach Düsseldorf.“

„Ich wohne jetzt in Duisburg. Willst du mich Samstagnachmittag besuchen? Wenn du mit dem Zug fährst, der um 16:32 Uhr hier ankommt, hole ich dich am Bahnhof ab. Wir spazieren zuerst ein Stündchen durch den Wald, anschließend gehen wir in ein schönes Restaurant zum Abendessen.“

„Warum willst du durch den Wald laufen und in einem Lokal essen? Lass uns doch lieber zu dir nach Hause gehen.“

Diese Worte berührten ihn seltsam. Früher hatte sie sich immer geweigert, zu ihm nach Hause zu kommen. Als er sie seinen Eltern vorstellen wollte, hatte sie abgelehnt.

„Lass uns noch nicht familiär werden“, hatte sie gesagt. „Wir sind und haben beide nichts. Wenn wir so viel Geld verdienen, dass wir unsere Eltern nicht mehr nötig haben, liegt unser gemeinsames Leben vor uns! Dann möchte ich auch deine Eltern kennen lernen.“

„Es bleibt also bei Samstag, 16:32 Uhr, am Duisburger Bahnhof?“, fragte er.

„Samstag gegen halb fünf“, bestätigte sie.

„Ich freue mich auf unser Wiedersehen, Regina!“

„Ich auch. Tschüss, bis dann!“

Sie hatte aufgelegt.

Die drei Tage bis zum Samstagnachmittag schienen Hans-Georg extrem langsam zu vergehen. Immer wieder sah er Reginas Bild vor sich. Regina - vielleicht würde sein Traum doch noch in Erfüllung gehen.

In freudiger Erregung fuhr er schon viel zu früh zum Bahnhof. Der Zug lief ein. Suchend schaute er sich nach der großen, schlanken Gestalt mit den langen, blonden Haaren um.

Plötzlich fiel ihm eine Frau um den Hals und küsste ihn leidenschaftlich.

„Hans-Georg! Liebster!“

Er befreite sich aus ihren Armen.

„Hallo, Regina“, sagte er und betrachtete sie.

Die stürmische Begrüßung hatte ihn nur leicht schockiert, aber ihr Aussehen war wie eine kalte Dusche für ihn.

Regina! War das noch seine Regina? Seine Traumfrau?

Ihr Gesicht war grell geschminkt wie eine Maske, ihr wunderschönes Haar kurz geschnitten, struppig und fuchsrot gefärbt. Sie trug einen für seinen Geschmack viel zu kurzen und engen, schwarzen Lederrock und eine feuerrote Bluse, die nur halb zugeknöpft war. Dazu hatte sie vermutlich alles angezogen, was sie an Ketten, Armbändern und Ringen besaß. Ein aufdringlicher Parfümgeruch ging von ihr aus.

„So passt sie in jeden Edelpuff“, dachte er angewidert und fragte ziemlich kühl: „Warum hast du meine Briefe und meine Telefonanrufe nie beantwortet?“

Sie hängte sich bei ihm ein. Während sie sich durch das Gewühl in der Bahnhofshalle zum Ausgang bewegten, erwiderte sie: „Du hättest dich viel eher einmal bei mir melden sollen. Das hattest du mir doch versprochen. Was hast du in all den Jahren ohne mich gemacht?“

„Das stand in den Briefen, die ich dir geschrieben habe“, gab er in gekränktem Ton zurück. „Hast du sie überhaupt gelesen?“

Sie schien seine Frage gar nicht gehört zu haben.

„Wo ist dein Auto?“, erkundigte sie sich und schaute sich suchend um. „Bestimmt hast du doch einen schicken Schlitten?“

„Ich habe zwar keinen Schlitten, sondern ein ganz normales Auto“, antwortete er, „aber ich möchte zum Abendessen Wein trinken, darum fahren wir mit der U-Bahn zum Wald.“

„Was willst du im Wald, Liebling? Lass uns doch lieber sofort in deine Wohnung gehen.“

„Ich habe im ‚Rustikana‘ einen Tisch bestellt. Das Restaurant liegt nun einmal im Wald“, widersprach er.

In der U-Bahn redete sie mit einer so lauten, schrillen Stimme, dass die Leute rundum sich grinsend nach ihnen umschauten. War das Reginas wunderbare, klangvolle Stimme, die er in seinen Träumen noch oft gehört hatte?

„Schnuckiputzi“, „mein Schatz“ oder „Liebling“ nannte sie ihn.

Ihr Geschwätz war ihm peinlich. Hätte er doch ein Taxi genommen!

Im Wald beklagte sie sich: „Wie weit willst du mich noch über diesen beschwerlichen Weg scheuchen?“

Sie fing an, ihm auf die Nerven zu gehen. Das war nicht mehr seine sportliche Kameradin, die mit ihm durch dick und dünn gegangen war, mit der er wunderbare Stunden verbracht hatte. Nichts davon war übrig geblieben. Seine Enttäuschung machte sich in Unmut Luft.

„Früher bist du stundenlang und am liebsten querfeldein mit mir gelaufen“, erinnerte er sie an die vergangenen Zeiten.

„Aber der Wind verdirbt mir meine ganze Frisur.“

„Seit wann kann der Wind einen Igel strubbelig machen?“

„Und die Sonne schadet meinem Teint.“

„Kommt die Sonne überhaupt durch dein Make-up?“

Sie beachtete den Spott in seinen Antworten nicht, sondern jammerte weiter, bis sie das ‚Rustikana‘ erreicht hatten.

Während sie im Restaurant auf ihr Abendessen warteten, versicherte sie ihrem „Geliebten“ lautstark und wortreich, dass sie seit ihrem Abschied bei der Abi-Fete zwar mit Hinz und Kunz und Franz zusammen gewohnt, aber stets nur an ihn gedacht und jeden anderen Mann mit ihm verglichen hätte.

Hans-Georg versuchte ihr in die Augen zu schauen, aber ihr unsteter Blick ging an ihm vorbei. Inzwischen hörte er ihr kaum noch zu. Seine Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Das konnte doch nicht die Frau sein, nach der er sich so lange gesehnt hatte! Wie war es möglich, dass ein Mensch sich so veränderte? Oder war er damals blind gewesen?

Vor seinen Augen tauchte plötzlich Beate auf, seine Sekretärin. Er spürte, dass sein Herz schneller schlug. Beate, das war eine Frau, auf die man sich verlassen konnte!

Nach dem Abendessen bestellte Regina Sekt und trank ihn hastig. Dabei erzählte sie zunächst ununterbrochen von charmanten Männern in hohen Positionen, mit denen sie ‚auf Achse’ gewesen war. Und dann kam wieder ihre Forderung: „Gleich müssen wir aber in deine Wohnung gehen. Ich bin so gespannt auf dein Liebesnest. Natürlich bleibe ich heute Nacht bei dir. Vielleicht auch noch in der nächsten Nacht. Ich muss erst Montag um 9 Uhr wieder in Köln sein. Es reicht also, wenn ich Montag früh den ersten Zug nehme.“

Jetzt bot sie sich ihm auch noch förmlich an. Ihr Benehmen stieß ihn immer mehr ab. Allmählich stieg Ekel in ihm auf.

Dieser Frau sollte er zeigen, wo er wohnte? Möglicherweise stand sie dann dauernd bei ihm auf der Matte, bis sie sich einen anderen Kerl angelacht hatte.

Abweisend erwiderte er: „Meine Wohnung ist kein Liebesnest. Sie ist bestimmt nicht dein Stil, darum werde ich sie dir nicht zeigen.“

„Darf deine Frau nicht wissen, dass wir uns treffen?“

„Ich bin nicht verheiratet, nicht einmal verlobt.“

„Hast du keine Chancen bei Frauen?“

„Bisher war ich wenig daran interessiert.“

„Hast du mehr für Männer übrig?“, fragte sie anzüglich.

„Auf keinen Fall. Ich wollte mir zunächst eine vernünftige Existenz aufbauen, ehe ich eine Familie gründe. Wenn ich Zeit habe, treffe ich mich mit Beate. Wir gehen zusammen ins Theater oder Konzert und essen nachher irgendwo.“

„Wohnt sie bei dir?“

„Nein, sie wohnt seit dem Tod ihres Mannes wieder bei ihrer Mutter, denn sie braucht eine Betreuung für ihren zweijährigen Jan, während sie im Büro arbeitet.“

„Beate - ein primitiver Name. Wer ist diese Beate? Deine Sekretärin? Ist sie jung und hübsch?“

„Beate ist sogar eine sehr hübsche, junge Frau, außerdem ist sie zuverlässig, fleißig, sauber, natürlich, bescheiden und zurückhaltend. Vor allem aber hat sie ein ausgezeichnetes Benehmen.“

„Also ein stinklangweiliges Hausmütterchen?“ Sie lachte spöttisch und wechselte das Thema. „Wolltest du nicht Jura studieren und die Anwaltskanzlei deines Vaters in Düsseldorf übernehmen?“

„Mein Vater ist gestorben, während ich bei der Bundeswehr war. Seine Kanzlei hat mein Schwager übernommen, der schon zwei Jahre lang Vaters Partner gewesen war. Ich arbeite in einem Büro hier in Duisburg.“

„Aber du verdienst doch sicher einen Haufen Moos?“

„Mein Einkommen reicht für mich.“

Er ließ ihr Geschwätz über sich ergehen. Schmerzlich empfand er, wie seine Hoffnungen, die er mit dieser Begegnung verbunden hatte, endgültig in ihm starben. Höflich kühl antwortete er ihr und blickte dabei immer wieder verstohlen auf seine Uhr.

Um 23 Uhr winkte er dem Kellner und sagte: „Ich möchte zahlen. Und bestellen Sie bitte ein Taxi zum Bahnhof.“

„Wohnst du in der Nähe des Bahnhofs?“, fragte sie erstaunt.

„Nein, aber der letzte Zug nach Köln fährt in einer halben Stunde vom Hauptbahnhof ab.“

 

„Wir sind am Heidberg“, rissen die Worte des Taxifahrers Hans-Georg aus seinen Gedanken.

„Erste Straße links, das drittes Haus auf der rechten Seite.“

Das Taxi hielt vor einer eleganten Villa. Hans-Georg gab dem Fahrer zum Fahrpreis ein reichliches Trinkgeld und stieg aus.

„Der Traum ist ausgeträumt“, dachte er, während er durch den Vorgarten zur Haustür ging und die Bewegungsmelder alle Lichter aufleuchten ließen.

Der Abend war kalt. Hans-Georg fror. Er blieb stehen und sah sich in seinem gepflegten Garten um.

„Warum hause ich hier allein?“, überlegte er. „In diesem Haus ist Platz genug für Beate und ihren kleinen Jan. Warum soll sie noch länger bei ihrer Mutter wohnen? Ich werde mir eine neue Sekretärin suchen, damit sie sich selbst um ihr Kind kümmern kann.“

Langsam spürte er, wie die Enttäuschung von ihm abfiel. Er hatte sein Traumbild, das jahrelang alle anderen Frauen in den Schatten gedrängt hatte, heute Abend endgültig begraben. Jetzt war er frei von diesem Phantom.

„Morgen früh rufe ich Beate an“, nahm er sich vor, und fühlte, wie sein Herz schneller klopfte. „Ich lade sie mit ihrer Mutter und dem kleinen Jan in den Heidekrug zum Essen ein. Anschließend fahre ich dann mit ihnen her und zeige ihnen mein Haus. Vielleicht ergibt sich dabei schon eine Gelegenheit, um Beates Hand anzuhalten.“

Hans-Georg war sich ganz sicher, dass sie ihn liebte. Ihre strahlenden Augen verrieten ihm ihre Gefühle. Und durch diese Begegnung mit Regina war ihm klar bewusst geworden, dass auch er Beate wirklich liebte.

Beim Gedanken daran wurde ihm wieder warm.

 

30. Juli 2006

 

Veröffentlicht in der Anthologie SpruchReif - Februar 2008

Engelsdorfer Verlag - ISBN 978 - 3-86703-654-3

 

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