Die falsche Spur

 

Ulrich Nieburg starrte vor sich hin. Er dachte an die Ereignisse der letzten Tage, die ihm wie ein böser Traum erschienen.

Dienstag kurz vor Mitternacht hatten zwei Polizisten an seiner Wohnungstür geschellt und ihn festgenommen. Seit Mittwoch brachten die Zeitungen mit dicken Schlagzeilen die Geschichte.

„Tankstellenbesitzer erschlagen und beraubt!“

„Dreister Räuber gefasst!“

„Tankstellenräuber leugnet seine Tat!“

Wie kam seine Brieftasche in eine Tankstelle in Mühlbach?

Er war noch nie in Mühlbach gewesen. Er hatte seine Brieftasche noch nicht einmal vermisst. Nun würde sie als Beweis für seine Schuld genommen. Niemand glaubte ihm, dass er nach der Arbeit sofort nach Hause gegangen war und seine Wohnung nicht mehr verlassen hatte. Er hatte keinen Zeugen.

„Sie werden mich lebenslänglich einsperren. Ich habe keine Chance. Nie in meinem Leben hatte ich eine Chance und werde auch nie wieder eine bekommen! Nach dieser Geschichte nicht mehr.“

Er sprang auf und wanderte durch seine Zelle.

„Verhört ihr mich morgen auch wieder stundenlang?“, fragte er laut. „Ich kann es nicht mehr ertragen!“

Heute war es ganz schlimm gewesen. Ulrich sah sich wieder in der Mitte des großen, fast leeren Raumes auf dem Stuhl sitzen. Neben ihm stand ein Mann in einem weißen Kittel, der sich als Doktor Gierke vorgestellt hatte. An der Wand ihm gegenüber saßen Kommissar Preis und sein Assistent Wegering an einem Tisch. Sie stenographierten scheinbar jedes Wort mit, das gesprochen wurde. Doktor Gierke fragte Ulrich über sein Leben aus. Preis und Wegering warfen abwechselnd immer wieder laut und scharf die gleichen Fragen ein.

„Wo ist das Geld aus dem Überfall?“

„Womit haben Sie Jardin erschlagen?“

„Wer war der Komplize, der das Auto gefahren hat?“

Und er hatte monoton beteuert: „Ich war es nicht. - Ich weiß es nicht.“

Zuletzt hatte er seine Augen geschlossen und die Fragen schweigend an sich vorbei rauschen lassen.
Warum sollte er noch antworten? Sie glaubten ihm ja doch nicht.

Wie im Traum hatte er sich in die Zelle zurückbringen lassen. Die letzten Worte, an die er sich erinnerte, hatte der Doktor gesprochen.

„Wenn Sie es schaffen, Preis, diesen Mann zu überführen, hänge ich meinen Beruf an den Nagel.“

Ulrichs Gedanken wurden über die Fragen des Arztes in die Vergangenheit zurückgeführt. An seinen Vater hatte er nur schlimme Erinnerungen. Mutter hatte oft gesagt, dass er ein guter und fleißiger Mann gewesen war, bis die Zeche geschlossen wurde und er keine Arbeit mehr fand; aber Ulrich kannte ihn nur betrunken. Wenn Vater -  meist im Morgengrauen - nach Hause kam, versteckte Mutter sich mit Ulrich und seiner zwei Jahre älteren Schwester Doris auf dem Speicher. Vater randalierte eine Weile und suchte nach ihnen, ließ seine Wut an Möbeln und Hausrat aus und schlief dann endlich ein.

Eines Nachts aber, Ulrich war gerade acht Jahre alt, fand Vater sie. Doris und er waren schreiend auf die Straße gerannt, aber für Mutter kam die Hilfe zu spät, Vater hatte sie erwürgt.

Im Waisenhaus war er der Sohn eines Mörders. Man fasste ihn nicht gerade mit Samthandschuhen an. Seine Schwester Doris war in ein anderes Heim gekommen. Er bettelte, sie sollten ihm wenigstens ihre Adresse geben, aber niemand erfüllte seinen Wunsch. Bis heute wusste er nicht, was aus Doris geworden war.

Nach seiner Schulzeit war er als Lehrling in die Schlosserei des Eisenwerkes gekommen, aber obwohl er seine Gesellenprüfung sehr gut bestanden hatte, war er entlassen worden. Das Werk stellte lieber neue Lehrlinge ein. Alle Versuche, in seinem Beruf eine Stelle zu finden, waren vergeblich. Er nahm jede Arbeit an, die ihm angeboten wurde, aber es waren immer nur Kurzzeitjobs.

Seit drei Wochen hatte er im Kaufhaus in der Möbel-Abteilung gearbeitet und gehofft, dass die Firma ihn nach der Probezeit einstellen würde. Wieder eine Hoffnung gestorben! Bis er hier entlassen wurde, stand längst ein anderer Mann an seiner Stelle.

Das Rasseln der Schlüssel in der Zellentür weckte Ulrich. Die Nacht war vorbei. Irgend wann hatte er sich scheinbar auf sein Bett gelegt und war eingeschlafen.

„Kommen Sie bitte mit, Herr Nieburg.“

Vor dem Frühstück wurde er schon zum Verhör geholt? Und heute sogar ohne Handschellen?

Er folgte dem Schließer über mehrere Gänge und Treppen zu einem Büro, in dem Kommissar Preis am Schreibtisch saß und ihn freundlich begrüßte: „Guten Morgen, Herr Nieburg. Nehmen Sie bitte Platz.“

Er deutete auf den gegenüber stehenden Stuhl. Ulrich setzte sich und sah, dass seine Brieftasche, seine Uhr, sein Schlüsselbund und sein Portemonnaie vor ihm lagen. Der Kommissar bemerkte seinen Blick.

„Sie können Ihre Sachen wieder nehmen, Herr Nieburg. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Herr Jardin, der Tankstellenbesitzer, lebt. Seit gestern Mittag ist er außer Gefahr. Ich war heute Morgen schon um 7 Uhr bei ihm und durfte ein paar Worte mit ihm sprechen. Er beschreibt den Täter als einen kräftig gebauten Mann, ungefähr 1,95 groß, mit ungepflegten, langen, strohblonden Haaren.“

„Siegfried Waldmann“, entfuhr es Ulrich.

„Sie kennen einen Mann, auf den die Beschreibung passt?“, fragte der Kommissar erstaunt.

„Ich möchte niemanden beschuldigen, aber vielleicht war er es wirklich? Er arbeitet in der Elektro-Abteilung und könnte meine Brieftasche aus meiner Jacke gestohlen haben, während sie im Aufenthaltsraum hing. War das Fluchtauto ein ziemlich alter, dunkelroter Mercedes?“

„Nein, ein schwarzes Opel-Kabrio.“

„So einen Wagen fährt sein Freund Edgar Birnbaum aus der Sanitär-Abteilung.“

„Danke für den Tipp!“ Preis schob Ulrich einen Block zu. „Unterschreiben Sie bitte, dass Sie alles zurückbekommen haben, was wir Ihnen abgenommen hatten. Und dann gehen wir zusammen zum Markt. An der Ecke gibt es ein kleines Café, das ein erstklassiges Frühstück anbietet. Ich lade Sie ein.“

Während Ulrich seine Sachen einsteckte, griff der Kommissar nach dem Hörer des Telefons und wählte eine Nummer.

„Hier ist Harald“, sagte er. „Ich gehe jetzt mit Herrn Nieburg zum Café am Markt.“ Er wählte eine andere Nummer. „Fahr mit Matthias nach Buchholz. Nehmt im Kaufhaus die Angestellten Siegfried Waldmann und Edgar Birnbaum fest wegen Überfall auf die Tankstelle in Mühlbach. Lasst sie nicht miteinander sprechen und sagt ihnen nicht, dass der Tankstellenbesitzer überlebt hat. Ich möchte die beiden in einer Stunde einzeln verhören.“ Er stand auf. „Kommen Sie, Herr Nieburg!“

Ulrich war völlig verwirrt. Gestern hatte der Kommissar ihn noch für einen Raubmörder gehalten, heute lud er ihn zum Frühstück ein.

„Kann ich nach Hause gehen?“, fragte er unsicher.

„Sobald wir miteinander gefrühstückt haben, können Sie gehen, wohin sie wollen“, erwiderte Preis lächelnd.

In dem kleinen Café waren nur drei Tische besetzt. Preis deutete auf einen Tisch am Ende des Raumes und meinte: „Ich habe mir gedacht, dass es Ihnen hier besser schmeckt als drüben im Gebäude.“

„Das ist wahr“, bestätigte Ulrich, während sie Platz nahmen. „Vielen Dank für die Einladung und dafür, dass Sie schon so früh zum Krankenhaus gefahren sind.“

Die Kellnerin kam zu ihnen.

„Zweimal das große Frühstück bitte“, bestellte Preis und wandte sich wieder an Ulrich: „Ich war zu neugierig, ob Reinhard Jardin den Täter beschreiben konnte. Doktor Gierke sagte nämlich gestern nach seinem Gespräch mit Ihnen, er könnte sich nicht vorstellen, dass Sie zu einem Raubüberfall fähig wären und einen Menschen so brutal niederschlagen könnten. Er ist unser Psychologe und ich halte sehr viel von seinen Beurteilungen. Außerdem gibt es auch eine Dame, die nicht an Ihre Schuld glauben wollte, obwohl sie selbst von dem Verbrechen betroffen ist. Frau Jardin, die Frau des Tankstellenbesitzers, hat Ihren Ausweis gesehen und behauptete sofort, Sie wären kein Verbrecher. Darum wollte ich den Fall so schnell wie möglich klären.“

Die Kellnerin brachte die Bestellung. Eine Weile aßen die Männer schweigend. Sie waren fast fertig, da stand der Kommissar plötzlich auf und ging auf eine Dame zu, die eingetreten war, an der Tür stehen blieb und sich suchend umschaute. Er begrüßte sie, brachte sie an den Tisch und sagte: „Darf ich dir Herrn Nieburg vorstellen?“

Die Dame stand einen Augenblick wie erstarrt, dann sagte sie leise: „Uli, erkennst du mich nicht?“

Ulrich hatte sich wie im Traum von seinem Stuhl erhoben. Seine Mutter! Nein, das war nicht möglich.

„Doris?“, fragte er zweifelnd.

„Ja, Uli, ich bin deine Schwester Doris.“

Eine Weile standen die beiden und hielten sich schweigend umschlungen, dann bat Preis: „Setz dich zu uns, Doris. Hast du schon gefrühstückt?“

Sie löste die Umarmung und gestand: „Nein, ich war viel zu aufgeregt, ich habe in unserm Büro gespannt auf deinen Anruf gewartet und bin sofort losgefahren.“

„Dann lade ich dich auch ein“, erklärte Preis und winkte der Kellnerin.

„Nein, danke, Harald, ich habe keine Zeit, weil Reinhard ja in der Werkstatt ausfällt, ich trinke nur eine Tasse Kaffee, bis Uli fertig ist.“ Sie setzten sich und Doris wandte sich wieder an ihren Bruder: „Harald Preis hat mir schon erzählt, dass du allein lebst und nur einen Job auf Probe hast, aber ich möchte auch erfahren, wie es dir in all den Jahren ergangen ist.“

„Wir waren noch Kinder, als wir getrennt wurden“, sagte Ulrich, „aber ich habe oft, sehr oft an dich gedacht.“

„Ich auch“, erklärte Doris. „Lange habe ich versucht, dich zu finden, aber leider vergeblich. Jetzt schlage ich vor, dass wir uns nicht mehr trennen. Ich bringe dich zu deiner Wohnung in Buchholz, du packst ein paar Sachen und fährst mit mir nach Mühlbach. Wenn es dir bei uns gefällt, kannst du im nächsten Monat unsere Wohnung über der Werkstatt haben, wir haben uns nämlich ein Haus neben unserem Betrieb gebaut, in das wir dann umziehen.“

„Ich denke, ihr habt eine Tankstelle?“, wunderte Ulrich sich.

„Ja, wir haben eine Tankstelle mit Kiosk und Waschanlage. Außerdem vermieten wir Autos und Hänger, kaufen Gebrauchtwagen, überholen sie in unserer Werkstatt und verkaufen sie wieder. Unsere Tochter Andrea sitzt mit mir im Büro, unser älterer Sohn Robert und mein Mann arbeiten in der Werkstatt, unsere Zwillinge Ralf und Stefan gehen noch zum Gymnasium, helfen aber nachmittags in der Waschanlage und an der Tankstelle.“

„Also ein richtiger Familienbetrieb“, stellte Ulrich fest.

„Nicht nur, wir haben auch einige Angestellte.“

„Könnt ihr vielleicht noch eine Aushilfe beschäftigen?“, fragte Ulrich zögernd. „Ich würde überall einspringen, wo gerade Not am Mann ist.“

„So lange Reinhard im Krankenhaus liegt, könnten wir dich auf jeden Fall in der Werkstatt sehr gut gebrauchen. Und Reinhard sucht schon lange nach einem zuverlässigen Mann, der die Verantwortung für die Tankstelle mit Kiosk und Waschanlage übernimmt, weil unsere Zwillinge sich im nächsten Schuljahr auf ihr Abitur konzentrieren müssen. Wir fahren heute Nachmittag zu ihm ins Krankenhaus. Du kommst doch mit mir?“

Ulrich schaute seine Schwester strahlend an.

„Natürlich, Doris! Du glaubst nicht, wie glücklich ich bin, dass wir uns gefunden haben.“

Der Kommissar stand auf. Er verabschiedete sich von Doris und wandte sich an Ulrich: „Die Jardins und ich sind übrigens Nachbarn“, erklärte er. „Reinhard und ich sind Vettern und Freunde. In unserer Freizeit treffen wir uns oft zum Schwimmen oder Wandern. Vielleicht haben Sie demnächst Lust, sich uns anzuschließen. In diesem Sinne sage ich: Auf Wiedersehen, Herr Nieburg.“

„Danke, Herr Preis!“, erwiderte Ulrich. „Es sieht so aus, als ob ich endlich doch noch eine Chance in meinem Leben bekommen würde! Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt.“

 

25. Juni 2006

 

Zurück zur Hauptseite