Sonntag mit Vati

 

Die Sonne schien schon warm vom wolkenlosen Himmel, als Familie Bruckmann auf der Terrasse ihres Hauses beim Frühstück saß.

„Oma hat gestern Abend noch angerufen“, sagte der Vater zu Nicole und Pascal. „Ihr wisst, dass sie in der letzten Woche Geburtstag hatte. Wir haben ihr ja ein Paket geschickt. Nun würde sie sich freuen, wenn wir heute zu ihr kämen, denn sie möchte mit uns eine Radtour durch den Wald machen.“

„Mit den Fahrrädern bis zu Oma?“, fragte Nicole entsetzt. „Ohne mich! Der Weg ist viel zu weit. Da müssen wir ja fünf Stunden hin und fünf Stunden zurück strampeln!“

„Und dann hat Timmy nachher bestimmt wunde Pfoten, wenn er die ganze Zeit mit uns laufen muss“, sagte Pascal.

„Wir fahren natürlich zuerst mit dem Auto“, entgegnete die Mutter.

„Die drei großen Fahrräder kommen auf den Dachgepäckträger, das kleine von Pascal passt in den Kofferraum“, schlug der Vater vor. „Seid ihr dann einverstanden?“

„Dann ja“, antworteten die Kinder und Pascal fügte hinzu: „Eigentlich finde ich das prima, wenn du sonntags mit uns spielst, aber bei Oma ist es auch immer schön. Sie denkt sich ja meistens für uns was Besonderes aus.“

Eine Stunde später machte die Familie sich auf den Weg. Timmy durfte zwischen Nicole und Pascal auf der Rückbank sitzen, weil Pascals Fahrrad auf seinem Platz lag.

Die Oma freute sich, als der Wagen ihres Sohnes vor ihrer Haustür hielt.

„Ich habe im Försterhof einen Tisch für uns bestellt“, erklärte sie. „Zum Mittagessen seid ihr heute alle von mir eingeladen.“

„Du bist Spitze, Oma!“, sagte Pascal.

„Fressbär!“, grinste Nicole.

„Nee“, widersprach Pascal, „ich meine das ja nicht bloß wegen dem Essen. Hast du vergessen, dass der Försterhof so einen tollen Spielplatz hat? Da war doch die riesige Gummipyramide zum Klettern und die große Rutsche und noch Schaukeln und ein Fort so.“

Schnell waren die Fahrräder abgeladen und der Ausflug konnte beginnen. Fröhlich radelten die drei Erwachsenen und die beiden Kinder durch den Wald.

„Wie weit ist es noch bis zum Försterhof?“, fragte Pascal nach einer Stunde.

„Wenn wir so gemütlich weiterfahren, brauchen wir noch ungefähr zehn Minuten“, erwiderte die Oma.

„Und wie geht unser Weg jetzt weiter?“, wollte Pascal wissen.

„Immer der Nase nach“, gab sein Vater lachend zurück.

„Wir sind den Weg doch im vorigen Sommer schon einmal mit Oma zum Försterhof gefahren“, erinnerte Nicole ihren Bruder.

„Das hab ich vergessen, da war ich doch noch klein und ging nicht einmal in die Schule“, erklärte er.

„Ich erinnere mich aber noch gut daran“, behauptete Nicole. „Wir müssen so lange diesen hellen Sandweg entlang fahren, bis auf der linken Seite eine Schutzhütte steht. Da biegen wir rechts ab. Neben dem Weg fließt ein Bach. Wenn wir dann auf der rechten Seite einen Hochstand sehen, ist es bis zu dem Lokal nicht mehr weit.“

„Das hast du ziemlich gut behalten“, mischte der Vater sich in das Gespräch ein. „Aber nach dem Hochstand kommen wir zuerst auf die Bundesstraße. Sie hat einen schönen Radweg, der mit einem Grünstreifen von der Straße getrennt ist. Wir müssen über die Autobahnbrücke fahren. Wenn wir die hinter uns haben, sehen wir das Hinweisschild zum Försterhof.“

„Ich glaube, Timmy riecht schon den Bach“, sagte die Mutter. „Schaut einmal, wie schnell er plötzlich trabt. Sicher hat er Durst.“

„Wisst ihr noch, wie er sich im vorigen Jahr im Wasser gewälzt hat?“, fragte die Oma. „Als er heraus kam und sich schüttelte, waren wir alle geduscht.“

„Da ist die Schutzhütte!“, rief Pascal. „Jetzt sind wir bald da!“

„Ich weiß auch, woran Pascal jetzt denkt“, behauptete Nicole und schaute lachend zu ihrem kleinen Bruder.

„Und was meinst du, woran ich denke?“, fragte Pascal.

„An Pommes mit Hähnchen und eine große Portion Eis mit Sahne.“

„Nee, da irrst du dich“, protestierte Pascal. „Ich hab gerade daran gedacht, wie Leon am Freitag in der Pause gesagt hat, er ist froh, wenn wieder Montag ist und er zur Schule kommen kann. Er findet das Wochenende nicht schön, weil sein Vater Samstag und Sonntag zu Hause ist.“

Nicole schüttelte ihren Kopf.

„Aber wenn Vati zu Hause ist, das ist doch prima“, sagte sie.

 „Das finde ich ja auch“, bestätigte Pascal, „aber Leon sagt, sein Vater sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher und guckt Sport, auch wenn Leon und sein Bruder lieber mal einen richtigen Film anschauen wollen. Und er und sein Bruder dürfen ihn auch nie mal was fragen. Und wenn sie laut sind, schmeißt ihr Vater sie raus auf die Straße, auch wenn es draußen regnet. Leon sagt, er ist froh, wenn sein Vater Montag wieder arbeiten muss."

„Und was hast du darauf geantwortet?", wollte die Oma wissen.

„Ich hab gesagt, dass ich den Samstag und den Sonntag ganz prima finde", erklärte Pascal, „denn dann ist mein Papa zu Hause und hat Zeit für meine Schwester und für mich. Wir machen dann auch immer irgend etwas Schönes zusammen, so wie basteln oder Rad fahren oder wandern oder Karten spielen oder so was Ähnliches.“

„Da hat Leon sicher gestaunt?“, meinte Nicole.

„Zuerst wollte der mir das gar nicht glauben“, erzählte Pascal. „Ich hab dann gesagt, ich schwöre, dass das wahr ist. Und dann hat Leon mich gefragt, ob ich ihm meinen Papa nicht mal ausleihen kann."

 

20. Mai 2006

 

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