Sankt Nikolaus und die Seeräuber

 

„Danke, Sankt Nikolaus!“, stöhnte Kapitän Jensen, als Lars, sein Schiffsjunge, das Schiff im Heimathafen mit den Trossen am Kai befestigte.

Der kleine Fischkutter „Seenixe“ war mit voller Fracht auf der Rückfahrt in einen Sturm geraten. Seine Mannschaft hatte alle Hände voll Arbeit gehabt, damit ihre Nussschale nicht vom Kurs abkam oder sogar kenterte.

„Warum bedankst du dich eigentlich bei Sankt Nikolaus, Käpten?“, fragte Lars.

„Das soll dir Jan Petersen erzählen“, erwiderte der Kapitän. „Der kennt sich am besten mit den Heiligen aus und behauptet immer, Sankt Nikolaus wäre der Patron der Seefahrer.“

Jan, der Steuermann, hatte die Worte des Kapitäns gehört.

„Komm heute Abend in den Haifisch, Junge“, forderte er Lars auf. „Dann werde ich dir die Geschichte vom Nikolaus erzählen.“

 

Am Abend saß die achtköpfige Mannschaft der „Seenixe“ im Haifisch beisammen.

„Erzählst du uns jetzt die Geschichte vom Nikolaus, Jan?“, fragte Lars gespannt, als jeder seinen Grog vor sich stehen hatte.

Jan nickte gemächlich.

„Was denkst du eigentlich, wer Sankt Nikolaus ist?“, erkundigte er sich.

„Ich glaube, das ist der Weihnachtsmann“, antwortete Lars. „Auf jeden Fall war er irgendein heiliger Mann.“

„War er nicht sogar ein Bischof?“, warf Uwe, der Bootsmann, ein.

„Das ist genau richtig“, bestätigte Jan. „Nikolaus war der Bischof von Myra.“

„Aber mein Vater sagt immer, das ist nur eine Märchenfigur, so wie der Klabautermann“, erklärte Lars.

„Da kannst du deinem Vater mal erzählen, dass er sich irrt“, widersprach Jan. „Den Bischof Nikolaus hat es wirklich gegeben, allerdings ist das schon viele, viele Jahre her.“

„Wie willst du das beweisen?“, wollte Kapitän Jensen wissen.

„Dann hört mir mal alle gut zu“, forderte Jan und begann seine Geschichte:

 

Im Vatikan, da wo der Papst lebt, gibt es ein großes Buch. In dem sind alle Namen der Bischöfe eingetragen, die an einem so genannten Konzil teilgenommen haben. Ein Konzil ist ein Treffen, zu dem der Papst alle Bischöfe der ganzen Welt an einen Ort einlädt, weil er etwas Wichtiges mit ihnen besprechen will.

Im Jahre 325 fand ein solches Konzil statt. Und bei den Namen der Teilnehmer steht auch „Nikolaus von Myra“.

Nikolaus wurde in Patras geboren. Ihr alle wisst, dass diese Stadt in Griechenland liegt.

Als Nikolaus erwachsen war, wurde er Priester und dann sogar Bischof. Dafür musste er Griechenland verlassen und nach Myra ziehen. Den Namen dieser Stadt findet ihr nicht mehr in unseren Karten, schon gar nicht in Griechenland, die Stadt heißt nämlich jetzt Demre und liegt an der Südwestküste der Türkei.

Nach seinem Tod wurde der Bischof Nikolaus in Myra begraben.

Warum aber ist sein Grab dann in Bari, also in Süditalien? Davon will ich euch heute diese Geschichte erzählen.

 

Es war an einem Sonntagabend im April des Jahres 1087. In dem Fischerdorf Bari in Süditalien am Mittelmeer saßen die Fischer Eleno, Giuseppe, Francesco, Gino und Marco in der Hütte bei Luigi, ihrem Kapitän. Sie rauchten ihre Pfeifen und tranken roten Wein. Nur wenige Leute wussten, dass diese sechs Männer nicht nur Fischer waren, sondern nebenher auch Seeräuber.

„Unsere letzte Kaperfahrt war ja wohl ein Reinfall“, sagte Luigi.

„Eleno hat alles vermasselt“, behauptete Giuseppe.

„Konnte ich ahnen, dass das Deck des Kauffahrers von Viehzeug wimmelte?“, verteidigte sich Eleno. „Als wir bei Tage von weitem Ausschau hielten, war nichts davon zu sehen.“

„Na, immerhin haben wir ein Schwein, zwei Ziegen und ein Dutzend Hühner erbeutet“, grinste Gino.

„Und das schwarze Schaf, über das ich gestolpert bin, als ich den Wächter überrumpeln wollte“, erinnerte ihn Eleno.

„Klar, so haben wir in der nächsten Zeit wenigstens ein bisschen Fleisch zum Essen“, nickte Francesco. „Immer nur Fisch und nichts als Fisch, das hängt mir langsam zum Halse heraus.“

„Eine Hand voll Geld von diesen reichen Kauffahrern wäre mir lieber gewesen“, seufzte Giuseppe. „Meine Kinder brauchen dringend neue Kleidung.“

„Jetzt wird es erst einmal Sommer, da laufen sie sowieso barfuß bis zum Hals“, winkte Luigi ab.

„Wir müssten einen Patron haben“, erklärte Marco nachdenklich.

„Einen Patron? Was ist das?“, wollte Gino wissen.

„Mein Vetter Romano aus Reggio hat mir das erklärt“, berichtete Marco. „Ein Patron, das ist ein Heiliger, den du um Hilfe bitten kannst und der dir dann auch wirklich hilft. Da hat es mal einen Bischof in der Türkei gegeben, zu dem beten Romano und seine Leute, wenn sie in Seenot geraten, dann hilft er ihnen. Sie sagen, Nikolaus ist der Patron der Seefahrer.“

„Das wäre der richtige Mann für uns“, sagte Luigi. „Wir holen ihn her. Wo kann man ihn finden?“

„Romano sagt, der ist schon seit siebenhundert Jahren tot und liegt in Myra begraben.“

„Na und?“ Luigi zuckte mit seinen Schultern. „Dann holen wir uns eben seine Leiche aus Myra.“

„Meinst du, dass nach so vielen Jahren noch etwas davon übrig ist?“, fragte Eleno.

„Dann nehmen wir nur die Knochen, die sind auf jeden Fall noch da. Wir packen meine große Seemannskiste aufs Schiff, fahren nach Myra und holen uns den Bischof Nikolaus. Er soll über unser Fischerdorf Bari wachen und uns armen Fischern und Piraten helfen.“

„So einen heiligen Bischof kannst du nicht einfach in deine Seemannskiste packen“, widersprach Eleno. „Sie ist für ihn nicht gut genug. Francesco und ich bauen einen feinen Schrein aus Pinienholz für ihn.“

„Dann fangt sofort damit an“, befahl Luigi. „In drei Tagen will ich nach Myra segeln. Aber diese Fahrt ist unser Geheimnis. Haltet euch also geschlossen! Sagt euren Frauen nur, dass wir einmal ein paar Tage lang unterwegs sein werden. Niemand darf davon Wind bekommen, wohin wir wirklich wollen.“

Fischer fahren fast immer abends zum Fischfang aus und kommen morgens zurück. An diesem Mittwochabend aber schlichen die sechs Männer erst zu ihrem Schiff, als es schon ganz dunkel war; denn niemand sollte sehen, dass Francesco und Eleno einen Sarg schoben, an dem sie Räder angebracht hatten.

Als sie den Totenschrein für den Heiligen an Deck gebracht hatten, ging Luigi ans Steuer. Die Anker wurden gelichtet, die Segel gesetzt, dann fuhr das Schiff in die Nacht hinaus.

Ihr wisst, wie weit der Weg von Bari nach Myra ist, darum könnt ihr euch denken, dass die Seeräuber mit ihrem langsamen Segelschiff mehrere Tage brauchten, bis sie die türkische Küste erreichten. Es war noch hell, darum konnten sie nicht sofort nach Myra segeln, sondern warfen kurz vor der Küste ihre Anker aus und warteten auf die Nacht.

Als es dunkel genug war, mussten Francesco und Gino als Wachen auf dem Schiff bleiben, die vier anderen Piraten fuhren mit dem Sarg im Beiboot zum Strand. Dort versteckten sie das Boot und liefen so schnell wie möglich nach Myra. Sie fanden den steinernen Sarg des heiligen Nikolaus in einem Seitenteil der Kirche.

„Verzeih uns, heiliger Bischof Nikolaus“, sagte Luigi. „Wir sind arme Fischer und bitten dich: Komm mit uns nach Bari, bleibe bei uns als unser Patron. Wir wollen dich immer verehren und dir dankbar sein, wenn du uns hilfst.“

Nikolaus antwortete natürlich nicht, aber es passierte den Leichendieben auch nichts. Kein Geist erschien und kein Blitz fuhr vom Himmel herab, während sie behutsam einen Knochen nach dem anderen in ihren hölzernen Schrein legten. Zuletzt schoben sie die sechs Riegel zu, die Eleno angebracht hatte, und machten sich auf den Weg zurück zum Strand.

Kurz bevor sie die letzten Häuser von Myra erreicht hatten, stand plötzlich der Nachtwächter der Stadt vor ihnen.

„Wo kommt ihr her und wo wollt ihr hin?“, fragte er. „Und was habt ihr da in dem Sarg?“

Marco, der die türkische Sprache am besten sprechen konnte, antwortete schnell: „Mein Onkel Ali ist gestorben. Er wollte im Meer begraben werden. Nun bringen wir seinen Sarg zu unserem Schiff. Wir wollen vier Seemeilen weit hinausfahren und ihn dort versenken.“

„Gut“, sagte der Nachtwächter. „Aber ich möchte deinen Onkel wenigstens einmal sehen. Vielleicht kenne ich ihn ja. Dann möchte ich ihm einen Abschiedsgruß sagen.“

„Die Riegel sind sehr fest zu“, behauptete Marco mit leicht zitternder Stimme. „Ich glaube nicht, dass du sie öffnen kannst.“ Und in seinen Gedanken betete er heiß und innig: „Heiliger Nikolaus, jetzt musst du uns helfen! Wenn du unser Patron werden willst, dann mach, dass er die Riegel nicht öffnen kann.“

Auch die drei anderen beteten Ähnliches still für sich und nicht weniger inständig flehend.

Nikolaus erhörte ihre Gebete. Der Nachtwächter zog und zerrte, aber die Riegel blieben fest verschlossen.

„Na, schön“, sagte er endlich, „geht weiter. Ich wünsche euch eine gute Reise.“

Erleichtert schoben die vier Piraten den Sarg weiter.

„Danke, heiliger Nikolaus“, sagte Luigi, als sie so weit waren, dass der Nachtwächter sie nicht mehr hören konnte.

„Er hat uns jetzt gezeigt, dass er uns nicht böse ist, weil wir ihn mitnehmen“, meinte Giuseppe.

„Wenn er uns wirklich immer hilft, so dass wir mit unserem Fischfang genug Geld verdienen, will ich nie wieder andere Schiffe heimlich bestehlen“, sagte Eleno.

„Ja“, nickte Luigi, „das wollen wir ihm versprechen.“

Sie erreichten unangefochten das Meer, luden den Sarg in ihr Beiboot und ruderten zu ihrem vor Anker liegenden Schiff zurück.

Froh und erleichtert segelten die sechs Seeräuber nach Hause. Am 8. Mai 1087 erreichten sie ihren Heimathafen. Die Bewohner des Dorfes waren natürlich erstaunt, als sie den Sarg sahen. Noch mehr aber wunderten sie sich, als sie erfuhren, wer darin lag.

„So ein heiliger Mann muss aber auch ein würdiges Grab haben“, erklärte Don Romano, der Pfarrer von Bari.

Darum bauten die Bewohner des kleinen Fischerdorfes für Nikolaus eine Kapelle mit einer Krypta, in die sie den Sarg stellten.

Bari ist heute eine große Stadt. Viele Pilger besuchen die Kirche Sankt Nicola. In jedem Jahr am 8. Mai feiern die Bewohner ein großes Fest für Sankt Nikolaus. Am Vorabend gibt es einen feierlichen Umzug durch die Straßen der Stadt. Am Fest selbst veranstalten die Fischer eine große Schiffsprozession auf dem Mittelmeer.

 

Jan holte einmal tief Luft und griff nach seinem Grog.

„Und jetzt sollen wir dir glauben, dass sich das alles wirklich so zugetragen hat?“, fragte Kapitän Jensen.

„Glaub es oder glaub es nicht, Käpten“, grinste der Steuermann. „Mein Vater hat es mir so erzählt, als ich noch ein kleiner Steppke war. Er mag wohl ein bisschen Seemannsgarn dabei gesponnen haben, aber der Kern der Geschichte ist wahr.“

 

30. November 2006

 

Veröffentlicht in der Anthologie "Seemannsgarn" - November 2007

Edition Leserunde - ISBN 978-3-940387-07-03 - 13,50 €

 

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