Schwarzer Donnerstag
 

Da reden die Leute immer davon, dass Freitag den 13. alles schief geht. So ein Unsinn! Utes schlimmster Tag seit Jahren war ein Donnerstag. Und auf dem Kalender stand eine große 12.
In der Nacht hatte der Wecker seinen Geist aufgegeben. Ute wurde erst wach, als die Nachbarin schellte, um Andy für den Kindergarten abzuholen.
„Nur Zähne putzen und Hände waschen“, befahl Ute, „und dann ganz schnell anziehen!“
Sie kochte Kakao und schmierte den Kindern schon die Butterbrote, denn ohne Frühstück sollten sie trotzdem nicht aus dem Haus gehen.
Der Schulbus war natürlich weg. Ute schickte Steffi mit dem Fahrrad und einem Entschuldigungsbrief zur Schule. Dann zog sie sich an und brachte Andy zum Kindergarten.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass es höchste Zeit wurde, Petra aus dem Krankenhaus abzuholen. Also fuhr sie zum Marienhospital, sprach kurz mit dem Arzt und nahm Petra mit. Auf dem Rückweg kaufte sie noch schnell im Supermarkt ein.
„Darf ich mich im Wohnzimmer auf die Couch legen?“, fragte Petra. „Dann kann ich Fernsehen gucken.“
„Natürlich“, antwortete Ute.
Sie holte ein Kissen und eine Wolldecke für Petra,   schaltete das Fernsehgerät ein und ging in die Küche, um die eingekauften Lebensmittel wegzuräumen. Dann sortierte sie die schmutzige Wäsche. Sie steckte die helle Kochwäsche in die Trommel und wählte das Programm. Als sie den Waschgang einschalten wollte, brach der Schaltknopf ab. Verzweifelt versuchte sie, die Maschine trotzdem irgendwie zum Laufen zu bewegen, aber vergeblich.
Inzwischen brachte die Nachbarin Andy aus dem Kindergarten zurück.
Wo war nur die Zeit geblieben? Der Junge heulte. Sein erst wenige Tage alter Anorak war zerrissen.

Während Ute den Schaden noch betrachtete, schellte eine weinende Steffi an der Tür. Ihr Vorderrad war platt und sie hatte ein ‘Mangelhaft’ in der Mathearbeit.
„Heute gibt es zum Mittagessen belegte Brote und Kakao“, entschied Ute. „Zum Kochen habe ich keine Zeit mehr und Petra darf nach der Mandeloperation sowieso nur etwas Eis essen.“
Andy setzte sich schon auf die Eckbank, während Steffi den Tisch deckte und Ute Kakao kochte.
Als Ute nach dem Essen den Tisch wieder abräumen wollte, stolperte sie über Blacky, den schwarzen Kater. Drei Gedecke und die Kaffeekanne lagen in Scherben auf dem Boden. Steffi und Andy wollten der Mutti helfen, dabei fasste Andy unglücklich in eine Scherbe. Das Blut tropfte in Küche und Diele auf den Boden, Andy heulte und natürlich war kein Stück Pflaster oder Verbandszeug zu finden. Steffi kam schließlich auf die Idee, ein Papiertaschentuch um die Wunde zu wickeln.
„Raus jetzt aus der Küche!“, brüllte Ute die Kinder unbeherrscht an.
Steffi und Andy verschwanden ins Kinderzimmer. Ute fegte den ganzen Müll zusammen, schaufelte ihn in den Putzeimer und brachte ihn sofort bis in die Mülltonne im Garten. Nachdem sie Küche und Diele gewischt, die restlichen Sachen vom Tisch geräumt und gespült hatte, ging sie ins Kinderzimmer. Steffi weinte still vor sich hin.
„Was ist los?“, fragte Ute und legte ihren Arm um Steffis Schulter.
„Wir müssen die Mathearbeit verbessern, aber ich kann die Aufgaben nicht“, schluchzte Steffi.
„Ich helfe dir gleich“, versprach Ute, „und dein Fahrrad flick ich dir auch. Lauf jetzt bitte schnell zur Apotheke und hol ein Paket Pflaster.“
Aber Utes Portemonnaie war nirgendwo zu finden. Steffi nahm schließlich Geld aus ihrer Spardose und verließ das Haus. Ute suchte in allen möglichen Ecken und Taschen weiter nach ihrem Portemonnaie. Vergebens.
Dann klingelte das Telefon.
„Du musst mal eben zu mir kommen“, forderte ihre Mutter. „Meine Fenster müssen dringend geputzt werden.“
„Aber nicht mehr heute, Mutter“, protestierte Ute. „Bei mir ist die Hölle los. Du weißt, dass Christian Montag für zwei Wochen auf Dienstreise gefahren ist. Petra ist aus dem Krankenhaus zurück, Steffi braucht noch Hilfe bei den Hausaufgaben, Andy ...“
„Du wolltest ja unbedingt drei Blagen haben! Und das bei einem Mann, der dauernd unterwegs ist. Jetzt sieh zu, wie du fertig wirst!“, unterbrach die Mutter wütend und hängte ein.
Ute war den Tränen nahe. Sie ging in ihr Schlafzimmer und wechselte die Batterien ihrer Weckuhr aus. Gerade wollte sie ihr Bett machen, als sie Petra jammern hörte. Schnell lief sie ins Wohnzimmer. Die Couch war voll Blut, auf dem Teppich lag eine Blutlache und immer noch quoll Blut aus Petras Mund. Ute gab ihr ein Taschentuch.
„Ich bringe dich sofort ins Krankenhaus zurück!“, sagte sie und wollte ihren Schlüsselbund aus der Wohnungstür ziehen, aber da steckte er nicht.
In diesem Augenblick klingelte es. Ute öffnete. Auf der Matte stand ihre Schwiegermutter.
„Auch das noch!“, stöhnte Ute. „Du hast mir gerade noch gefehlt! Ich hab keine Zeit für dich! Petra muss sofort ins Krankenhaus zurück, sie hat heftige Nachblutungen. Wo ist bloß mein Zündschlüssel?“
„Du wirst doch so aufgeregt, wie du bist, nicht Auto fahren wollen!“, sagte die Schwiegermutter. „Ruf ein Taxi!“
„Ich finde mein Portemonnaie nicht!“
„Macht nichts, ich gebe dir das Geld.“
Ute telefonierte, während ihre Schwiegermutter ins Badezimmer ging, ein Handtuch und einen nassen Waschlappen holte und Petra das Gesicht und die Hände abwusch.
„Halt dir das Handtuch vor den Mund, Kind“, sagte sie zu Petra und wandte sich an Ute: „Nimm für Petra ein paar Sachen mit. Sie muss bestimmt im Krankenhaus bleiben. Mach dir keine Sorgen! Ich bleibe hier und passe auf Steffi und Andy auf, bis du wieder zurück bist.“
Wortlos ging Ute ins Kinderzimmer und packte eine Tasche für Petra. Als sie und ihre Schwiegermutter Kind und Reisetasche durch den Vorgarten zum Taxi schleppten, kam Steffi von der Apotheke zurück. Sie schaute entsetzt auf ihre bleiche, blutverschmierte Schwester und fing fürchterlich an zu weinen.
„Ich will nicht, dass Petra stirbt!“
Oma nahm sie in den Arm und tröstete sie: „Sei ruhig, Steffi! Petra kommt in ein paar Tagen gesund und munter wieder. Wofür hast du das Pflaster gekauft?“
„Andy hat sich in einer Scherbe geschnitten.“
Oma ging mit Steffi ins Kinderzimmer. Sie schaute sich Andys Finger an und klebte ein Pflaster auf den Schnitt.
„Kannst Du mir bei den Hausaufgaben helfen, Oma?“, fragte Steffi.
„Natürlich!“
„Aber ich weiß nicht, wie man geteilt rechnet.“
Sie war schon wieder den Tränen nahe.
„Macht nichts“, tröstete Oma, „ich erkläre es dir.“
Eine halbe Stunde später war Steffi fertig.
„Jetzt weiß ich, wie die Aufgaben gehen“, sagte sie strahlend.
„Kannst du auch einen kaputten Anorak nähen, Oma?“, fragte Andy zögernd.
„Wenn Du mir zeigst, wo deine Mutti Nähzeug hat“, lachte Oma.
„In der Küche steht ein Nähkasten“, wusste Steffi.
Oma ging in die Küche. Sie sah die gefüllte Waschmaschine und den abgebrochenen Schalter.
„Da kenne ich einen Trick“, sagte sie.
Wenige Minuten später lief die Maschine.

Kurz nach Mitternacht brachte ein Taxi Ute nach Hause zurück. Ihre Schwiegermutter öffnete ihr die Tür.
„Wie geht es Petra?“, fragte sie besorgt.
„Sie ist noch einmal operiert worden“, antwortete Ute und ließ sich erschöpft im Wohnzimmer in einen Sessel fallen. „Ich bin bei ihr geblieben, bis sie für kurze Zeit wach war. Jetzt schläft sie.“
„Steffi und Andy schlafen auch, allerdings wollte Andy unbedingt in Papas Bett. Wir können ihn ja gleich in sein Zimmer bringen. Das Wohnzimmer ist, wie du siehst, nur auf die Schnelle gereinigt. Damit musst du dich morgen noch einmal gründlich beschäftigen.“
„Hat Steffi ihre Schularbeiten gemacht?“
„Klar! Ich habe ihr die Aufgaben erklärt. Und Andys Anorak ist auch wieder in Ordnung. Da war nur die Naht aufgerissen. Deine Schlüssel und dein Portemonnaie habe ich übrigens im Kühlschrank gefunden, als ich für die Kinder und mich Abendessen machen wollte.“
Ute atmete erleichtert auf.
„Danke, Wilma“, sagte sie. „So einen Horrortag möchte ich nie wieder erleben. Ich bin fix und alle!“
„Ich habe übrigens meine Nachbarin angerufen. Sie kümmert sich um meine Katze. Wenn du gestattest, fahre ich jetzt nicht mehr nach Hause, sondern lege mich in Petras Bett und bleibe bis morgen Mittag“, schlug die Schwiegermutter vor. „Steffi bekommt ja morgen Ferien. Ich nehme sie und Andy eine Woche lang mit zu mir, dann kannst du dich um Petra kümmern und dich von diesem verhexten Tag erholen.“
„Wer mir noch einmal etwas von einer bösen Schwiegermutter erzählt, dem kratze ich die Augen aus“, erwiderte Ute lachend.

 

10. August 2005

 

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