Aus der Schule geplaudert ...  

Tatsachenberichte einer Lehrerin

 

Dass ich einmal Lehrerin wurde, das wusste ich schon, als ich im zweiten Schuljahr war. Damals hat mich mein Lehrer verdroschen, weil ich nie still sitzen konnte. Als er fertig war, habe ich gesagt: „Wenn ich groß bin, werde ich Lehrerin, dann kann ich auch anderleuts Kinder verhauen.“

 

Wie oft ich mich im Gymnasium wegen eines Streiches beim Direx melden musste, weiß ich nicht mehr so genau. Als ich bei der Zeugnisausgabe nach dem Abitur gefragt wurde, welchen Beruf ich ergreifen möchte, und ich sagte: „Lehrerin“, da schlugen sämtliche Kollegen der Schule sämtliche Hände über sämtlichen Köpfen zusammen und meine Klassenlehrerin seufzte: „Armes Deutschland, wenn man so etwas auf deine Jugend los lässt!“

 

Am 10. Mai 1954 wurde Deutschlands Jugend auf mich los gelassen!

Angefangen habe ich in einem Kölner Vorort in einem 7. Schuljahr mit 67 Mädchen, die saßen immer sechs in einer Viererbank. Da gab es für mich nicht viel zu lachen! Die Gören probierten echt alles aus, um herauszufinden, wie weit sie mit mir gehen konnten.

Aber da ich selbst in der Schule nicht gerade ein Engel gewesen war, wusste ich, wie man auf eingeölten Tafeln schreiben kann, wie man mit Maikäfern oder mit toten und lebenden Mäusen umgeht ...

Als sie mir dann Niespulver auf die Tafel gestreut hatten, bekam ich so heftiges und unstillbares Nasenbluten, dass ich zum Arzt musste.

Die armen Kinder waren völlig geschockt. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich eine Gerinnungsschwäche im Blut habe! Seitdem war ich vor ihren Streichen sicher.

 

Ostern bekam ich dann das 1. Schuljahr, 52 kleine Mädchen. Die waren sooo brav. Fast zwei Stunden lang ließen sie mich reden und guckten mich nur mit großen Augen andächtig an.

Dann zeigte Sibillchen auf und meinte: „Weeste, Frollain, du bis esu ja janz nett, äwer wannste ens deutsch mit uns spreche täts, dann kunnte mer dich och verstohn!“

Ich hab dann versucht, mit denen das zu sprechen, was die für Deutsch hielten.

 

Renate kam sehr unregelmäßig zur Schule, darum machte ich einen Hausbesuch. Nun wusste ich von Renate, dass es Papa, Mama, fünf große Brüder und Renatchen zu Hause gab, aber die Wohnung bestand nur aus zwei Zimmern.

Durch die nicht vorhandene Tür konnte ich vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer schauen. Ich sah nur zwei Betten und die Couch im Wohnzimmer und mir entfuhr die Frage: „Wie schlafen Sie denn hier mit acht Personen?“

„Och“, meinte die Mutter, „dat klappt esu janz jut, de Hälfte von uns sitzt sowieso immer in der Klingelpütz.“ (so heißt das Kölner Gefängnis)

 

Nach zwei Jahren wurde ich nach Duisburg versetzt. Dort machte ich auch meine zweite Prüfung.

Der Tag stand unter einem schlechten Stern. Dicker Nebel. Die Prüfungskommission kam eine halbe Stunde zu spät, die Kinder waren deshalb schon ganz nervös. Ich auch. Im Haus krakeelten die Handwerker. Hier wurde gehämmert, geklopft und gesägt, da pfiff einer die Wacht am Rhein ...

Der Unterricht lief vielleicht zehn Minuten, da klopfte es an der Tür. Ich hin, machte einen Spalt auf und sagte: „Hier können Sie jetzt nicht herein, hier ist gerade Prüfung!"

Tür zu. Klopft der nochmals, macht die Tür auf und sagt: „Schrank!"

Ich sag: „Ich hab keinen Schrank bestellt!", und mach die Tür zu.

Da hechtet mein Schulrat durch den Raum, holt den Herrn herein und stellt ihn vor: „Oberregierungsrat Schrank!"

Die Prüfung hab ich trotzdem bestanden.

 

Nach den Osterferien wurde ich an die Sonderschule versetzt. Mein neuer Rektor bat drei Kolleginnen, je acht Schülerinnen oder Schüler abzugeben, die dann meine Klasse werden sollten.

Als er die drei Zettel mit Namen sah, die ihm von den drei Kolleginnen überreicht wurden, schaute er mich prüfend an, dann meinte er: „Na, Sie sind ja noch jung und haben gute Nerven. Am besten nehmen Sie den Klassenraum im Keller, dann hören wir Sie nicht so laut.“

Er rief die Kinder auf dem Schulhof auf und schickte sie nach unten. Als ich dann hinunter kam, tobten die zwanzig Jungen und vier Mädchen wie verrückt im Raum herum. Ich schloss die Tür zu, setzte mich ans Pult und wartete.

Nach einigen Minuten kam ein Junge ans Pult und fragte: „Äh, wat wills du denn hier?“

Ich antwortete: „Ich bin eure neue Lehrerin.“

Er drehte sich um und brüllte lachend: „Äh, habt ihr dat gehört? Die will unsere neue Lehrerin sein!“

Ich nutzte die Sekunden der absoluten, erstaunten Ruhe, indem ich aufstand und sagte: „Ich mache euch einen Vorschlag: Wenn ihr vier Stunden lang ruhig seid und mit mir hier lernt, dann erzähle ich euch jeden Tag in der fünften Stunde immer eine Geschichte.“

„Äh, kannste denn überhaupt Geschichten?“, fragte der Junge.

„Na, klar!“, gab ich zurück.

„Auch von Seeräubers?“

„Auch von Seeräubern.“

„Auch von Indianers?“

„Auch von Indianern.“

Da stemmte sich ein Junge, groß und schwer wie ein Walross, von seinem Platz hoch, schaute sich drohend um und sagte: „Wer jetzt noch mal die Schnauze aufmacht, dem hau ich eine rein!“

Damit war das Schuljahr gerettet!

 

Ich hatte Hofaufsicht. Zwei Burschen der Oberklasse, Kerle wie Kleiderschränke, gingen aufeinander los. Da musste ich laut Dienstanweisung eingreifen. Ich drängte mich durch den Kreis der Zuschauer und brüllte die Burschen an: „Sofort aufhören!“

Hoffnungslos! Sie wälzten sich auf der Erde. Ich griff in die beiden Schöpfe und versuchte die Kampfhähne hoch und auseinander zu ziehen. Der eine trollte sich, der andere holte aus und boxte voll in meine Magengrube. Mein Gehirn setzte aus, ein JiuJitsu-Griff, der Bursche lag und blieb liegen.

Die Umstehenden fingen an zu zählen: „Eins, zwei ... ... ... acht, neun!“ Und dann ein Freudengeheul: „Hoi! Frollein hat ihn KO geschlagen!“

Seitdem brauchte ich auf handgreiflich Streitende nur zuzugehen, dann spritzten sie schon auseinander.

 

Entschuldigungsbriefe waren oft Raritäten.

Jaquelines Mutter schrieb:

Werthe Frollein

Schackeliene kann nich im Schuhle komen Schackeliene hat Piriole

Hoch vol achtung

Frau Welk

 

Überhaupt die Fremdwörter!

Beim Elternsprechtag meinte ein Vater: „Wissen Se, dat unser Matthias en Frollein hat, dat find ich gar nich so gut. Dä Jung brauch en Mann, der ihm richtig multiviert.“

„Och", gab ich zurück, „ich hab den Eindruck, dass der Matthias genug multiviert ist! Der kann mal Seemann werden! Den Wortschatz für die Reeperbahn hat er schon. Oder er wird Klempner. Er hat nämlich jetzt schon die Finger ständig an seiner Wasserleitung!"

 

Erwins Mutter war von einer besseren Dame kaum zu unterscheiden.

„Unseren Erwin“, flötete sie, „den müssen Sie jetzt mal an die Kanarie nehmen, der Junge kommt doch so in das Popolaritätsalter.“

 

Wie vornehm Erwins Mutter wirklich war, erfuhr ich einige Zeit später. Erwin hatte die Angewohnheit, im Unterricht immer mit offenem Mund zu träumen.

„Erwin“, sprach ich ihn an, „mach den Mund zu, dann siehst du intelligenter aus!“

„Meine Mutti sagt immer“, grinste Erwin, „Schnauze zu, Scheiße wird kalt.“

 

Anka, jüngste von zehn Kindern, erzählt mir eines Tages: "Meine Mutter ist eigentlich meine Oma, meine älteste Schwester Gertrud ist meine Mutter!"

Die Geschichte interessierte mich, also machte ich einen Hausbesuch. Das hätte ich besser nicht getan!

Mutter kochte sofort eine Brühe, genannt Kaffee, und setzte ‚selbst gebackene' Plätzchen auf. Farbe: grau in grau. Dann erzählte sie derart aus dem Nähkörbchen, dass ich rote Ohren bekam.

Die zehnjährige Anka stand mit offenem Mund daneben und hörte interessiert zu.

Als es noch pikanter wurde, warf ich einen warnenden Blick auf das Kind.

„Äh, Anka“, sagte Muttern, „geh du emal raus! Nä, Frollein? En bissken Moral muss sein!“

 

Vier Geschwister, Spätaussiedler aus Polen, besuchten unsere Schule: Manni saß beim Kollegen Süß, die Zwillinge Renate und Helga hatte ich, Rita, die Jüngste, saß bei Frau Bachmann.

Manni schwänzte hoffnungslos die Schule. Selbst wenn er uns von Leuten des Ordnungsamtes zugeführt wurde, war er spätestens nach der 10-Uhr-Pause wieder verschwunden. Kollege Süß tobte. Unser Schulleiter versetzte Manni zurück in meine Klasse. Von Stund an marschierte Manni fleißig zur Schule, machte sogar seine Hausaufgaben, ich konnte nicht über ihn klagen.

Eines Tages aber fehlte Manni. Die Zwillinge waren da. Ich fragte sie, was mit Manni wäre, aber sie antworteten nur mit Grinsen und Achselzucken. Ich schickte also ein Kind zu Frau Bachmann und ließ Rita holen.

Rita lachte über das ganze Gesicht.

„Manni? Manni is kraank. Waar luustig bei uuns geestern! Taante is koomen aus Pellewuurm. Haat Manni grosses Kaasten Bier gekauft und gaanzes Familiä haat gesoofen. Uun Manni hat auch gesoofen. Uun in Naacht haat Manni immer aus Feenster gekoozt und Taante haat in Muuters Schuh gekoozt. Waar grosses Feest!“

Nachdem wir genügend gelacht hatten und Rita wieder in ihre Klasse gehen sollte, fragte ein Schüler: „Wieso heißen Renate und Helga eigentlich Schwarz und Rita heißt Lenz?“

„Als der Herr Schwarz gestorben ist“, versuche ich die Sache zu klären, „hat die Frau Schwarz den Herrn Lenz geheiratet ...“

Da dreht Rita sich an der Tür um und schreit: „Waas? Schwaarz gestoorben? Nä, Schwaarz nix gestoorben, Schwaarz aabgehauen, verduuftet.“

 

Auf dem Schulhof drückte mir ein Kind einen Brief in die Hand und war schon wieder verschwunden. Mein Name stand auf dem Kuvert, also war der Brief für mich. Ich öffnete.

Sehr verehrte Frau K.!

Jonny und Witty können leider nicht zur Schule kommen.

Ergebenst

Ihr Vico Torriani

Ich guckte noch mal hin. Das stand da wirklich, in fehlerfreiem Deutsch!

Jonny? An unserer Schule gab es keinen Jonny. Witty? Roswitha vielleicht, von Frau Bachmann? Deren Bruder Walter war bei mir.

Ich kam in die Klasse. Walter fehlte.

„Hat der Walter zu Hause einen Spitznamen?“, fragte ich meine Schüler.

Werner lachte.

„Dem seine Mutter nennt ihn immer Jonny. Wissen Sie, die spinnt ’n bisschen, die hält sich für’n großen Sänger.“

„Für eine Sängerin?“, warf ich ein.

„Nee, für’n Sänger.“

„Und dann singt die immer laut durch die ganze Siedlung“, schrie Paul dazwischen. Er johlte mit möglichst tiefer Stimme und viel Schmalz: „Jonny hat Sehnsucht nach Hawaii ...“

Na, ja, nun war ich wieder ein bisschen schlauer.

 

Ein paar Wochen später fehlte Jonny. Am nächsten Tag brachte er mir seine Entschuldigung:

Sehr verehrte Frau K.!

Jonny hatte sich derart die Därme voll geschlagen, dass er die ganze Nacht kotzen musste.

Wer nicht hören will, muss fühlen.

Ergebenst

Ihr Rudolf Schock.

 

Von Familie Klopp hatten wir fünf Kinder, drei rotzfreche Jungen, zwei ganz liebe Mädchen. Freddy und Alexandra saßen bei mir.

Ein Kollege hatte Paul, den ältesten Jungen, geschlagen, und Vater Klopp lag seitdem mit dem Kollegen vor Gericht.

Freddy schlachtete das täglich aus. Er provozierte mich, wo er konnte. Eines Tages, nachdem meine Geduld mit ihm schon fast zu Ende war, riss er seinem Nachbarn Kurt plötzlich die Buntstifte weg, brach sie durch, hüpfte damit durch die Klasse, warf die Stücke herum und brüllte: „Kamellen, dä Prinz kütt!“

Dann baute er sich vor mir auf, grinste mich frech an und meinte „Jetzt möchten Sie mir ja gern eine runterhauen, aber Sie wissen genau, dass mein Vater Sie dann anzeigt!"

Ich sah, wie die andern Schüler mich erwartungsvoll anschauten. Wenn jetzt nichts geschah, war es mit meiner Autorität und mit der Disziplin in der Klasse vorbei.

Ich grinste also zurück: „Weißt du was, Freddy? Eine Anzeige von deinem Vater kostet mich fünfzig Mark. Das ist der Spaß mir wert!"

Dann schlug ich ihn blitzschnell einmal von rechts und einmal von links gezielt mit drei Fingern auf die Wangen. Es klatschte ziemlich laut.

Freddy starrte mich einen Augenblick sprachlos an, dann setzte er sich und war den Rest des Vormittags ganz lieb.

Ich fertigte vorsichtshalber in der Pause zusammen mit meinem Schulleiter eine Niederschrift über den Vorfall an.

Am nächsten Morgen stand Vater Klopp auf dem Schulhof.

„Ihr Besuch!", meinte mein Rektor.

Ich ging also auf den Schulhof.

„Guten Morgen, Herr Klopp! Sie wollen sicher zu mir? Ich bin die Lehrerin von Freddy!"

Da griff der nach meiner Hand und schüttelte sie, dass ich dachte, der wollte mir den Arm ausrenken.

„Ich wollt mich bloß bei Sie bedanken, dat Sie dem frechen Kerl mal wat vor die Schnauze gehauen haben!"

 

An Friedhelms Zeugnis musste ich viel schreiben, immer die langen Wörter mangelhaft und ungenügend. Müde von der Arbeit vergaß ich, die leer bleibenden Zeilen vorschriftsmäßig zu streichen.

Als Friedhelm mir sein Zeugnis am nächsten Tag zurückbrachte, stand unter Bemerkungen:

„Miet dises Zeuchniß bien Ich nich zu Friden!"

 

15. November 2006

 

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