Schatten der Vergangenheit

 

Sie sind wieder da, die Schatten der Vergangenheit!

Ich dachte, ich hätte sie in all den Jahren, die dazwischen liegen, endgültig verbannt, aber sie sind wieder da, die Erinnerungen an meine Erlebnisse im Krieg.


Dezember 1942

Ein Heulen schreckt mich aus dem Schlaf. Alarm!

Ich springe aus dem Bett. Anziehen – in die Küche, das Portemonnaie und die Lebensmittelkarten in die Tasche stecken.

„Bist du fertig, Kind?“ Oma steht hinter mir. „Komm schnell!“

Bei Alarm darf das Licht nicht eingeschaltet werden. Wir tappen durch das dunkle Treppenhaus. Auf der Straße ist es stockfinster, die Straßenlaternen dürfen nicht brennen, aber ich habe Augen wie eine Katze. Wir laufen zum Bunker, so schnell wie Oma es schafft. Schon leuchten rundum die Scheinwerfer auf. Die erste Flak-Batterie beginnt zu schießen.

Geschafft!

Wir haben den Bunker erreicht. Schwer atmend lassen wir uns auf einer freien Holzbank nieder. Bleiche Gesichter rundum. Man spricht nur leise. Eine alte Frau lässt ihren Rosenkranz durch ihre Finger gleiten. Ihre Lippen bewegen sich stumm.

Die Luft ist warm und stickig. Ich schließe meine Augen. Der Körper eines Kindes verlangt in der Nacht nach Ruhe. Ich schlafe ein.

„Entwarnung!“

Omas Stimme weckt mich. Die Tür des Bunkers ist weit geöffnet. Kühle, frische Luft strömt herein. Ich atme tief ein und aus. Wir gehen durch die Morgendämmerung nach Hause. Oma kocht Kaffee. Ich bekomme auch einen Schluck in meine Milch.

Dann muss ich zur Schule. Der Weg zum Gymnasium führt am Bahnhof vorbei. Ihm hat der Angriff in dieser Nacht gegolten. Im weiten Umkreis sind die Häuser zerstört. Männer vom Sanitäts-Hilfs-Dienst, kurz SHD, suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Ich schaue nach links. Von dem Haus, das dort gestanden hat, ist nur eine halbe Mauer übrig. An ihr klebt etwa in der Höhe der ersten Etage eine Frau in einem hellen Nachthemd mit rosa Blumen. Ihre weit aufgerissenen Augen starren mich an.

Ich renne weiter, habe das Gefühl im Nacken, dass die Augen der Toten mir nachstarren.
Plötzlich leuchtet etwas Helles auf dem Boden vor mir. Ich gehe näher.

Eine Hand! Sie ist kleiner als meine. Die Hand eines Kindes. Sie sieht aus, als sei sie aus Gips.

Warum ist sie nicht so blutig wie das, was daneben liegt?

Ein schwarzer Herrenschuh mit einem grauen Socken und einem schwarz behaarten Stück Bein.
Ich schüttele mich. Ich fange an zu rennen. Nur weg von dieser Straße des Grauens!

Ein Mann vom SHD hält mich fest.

„Geh nach Hause, Mädchen! Heute ist keine Schule. Das Mädchen-Gymnasium gibt es nicht mehr.“

Mir graut vor dem Rückweg. Die Bilder stehen noch vor mir. Ich will sie nicht noch einmal sehen! Ich weiche in eine Seitenstraße aus.

Keine Schule? Dann gehe ich für eine Stunde in den Wald. Dort kann ich die Bilder des Grauens vielleicht vergessen.

Ich fange wieder an zu rennen. Und ehe ich mich versehen habe, stehe ich erneut vor Trümmern. Männer vom SHD ziehen Leichen aus dem Keller. Sie sind im kochenden Wasser ihrer Heizungsanlage verbrüht. Die Männer legen sie auf die Straße und werfen Säcke über die bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsenen Gesichter.

Ich muss erbrechen.

Nur noch nach Hause!

 
Mai 1943

Zuerst ist es wie immer. Ein Heulen schreckt mich aus dem Schlaf. Alarm! Ich springe aus dem Bett.

Anziehen – in die Küche, das Portemonnaie und die Lebensmittelkarten in die Tasche stecken.

„Bist du fertig, Kind?“ Oma steht hinter mir. „Komm schnell!“

Wir tappen durch das dunkle Treppenhaus. Und dann beginnt die Flak zu schießen. Der Alarm ist zu spät gekommen. Wir können nicht mehr in den Bunker. Uns bleibt nur noch die Flucht in den Luftschutzkeller unseres Hauses. Hinter uns kommen Frau Ringe mit ihrem achtjährigen Sohn Dieter und das alte Ehepaar Lange. Von draußen dringt schon das Dröhnen der schweren Bomber und das Hämmern der Flak-Geschütze herein, dazwischen das Heulen und Krachen der Bomben.

Plötzlich reißt es uns von unseren Stühlen. Es donnert und poltert. Um uns erbebt alles. Die einsame Glühbirne an der Kellerdecke erlischt.

Pechschwarze Nacht umgibt uns.

Wir rappeln uns auf, tasten nach unseren Stühlen, stellen sie wieder auf, setzen uns und rufen unsere Namen.

Ja, alle sind noch da.

Dieter weint. Ich spüre, dass auch mir die Tränen über das Gesicht laufen. Mein Herz klopft wild.

„Ich schau mal, was passiert ist“, sagt Herr Lange.

Wir hören, dass er sich durch den Kellerraum tastet.

„Die Tür lässt sich nicht mehr öffnen“, stellt er fest. „Wir sind verschüttet. Wir können Gott danken, dass die Stützbalken die Decke dieses Raumes gehalten haben.“

Dieter weint lauter. Ich denke an das, was jetzt alles in Trümmern über uns liegt. Omas wunderschöne Möbel, alte Bauernmöbel, noch von Hand gearbeitet mit wunderbaren Schnitzereien ...

Und dann hören wir das Gluckern. Nach wenigen Minuten wissen wir auch, was es bedeutet. Die Wasserrohre sind geplatzt. Wasser strömt in den Keller, eiskaltes Wasser.

Die Zeit rinnt dahin – wie eine Ewigkeit.

Wir stehen schon auf unseren Stühlen. Ich zittere vor Angst und Kälte. Dieter weint nicht mehr, er schreit. Bald wird er still sein, denn er ist ein Stück kleiner als ich und mir steht das eiskalte Wasser schon bis zum Hals.

In vier Tagen werde ich elf Jahre alt. Ob ich das noch erlebe?

Wie lange dauert es, bis der Keller bis zur Decke voll gelaufen ist? ... bis wir nicht mehr atmen können? ... bis wir ertrinken?

Plötzlich Geräusche draußen. Klopfen. Hämmern. Ein Lichtstrahl dringt durch die Mauer.

Frische Luft!

Langsam sinkt der Wasserspiegel. Endlich ist das Loch groß genug. Wir waten durch das restliche Wasser, werden von den Männern des SHD ins Freie gezogen.

„Vorsicht!“

Der Vorgarten des Hauses ist ein großer Krater. Die Bombe ist durch das Haus gesaust, hat sich tief in den Rasen eingegraben und ist dann erst explodiert.

Eine Frau mit einer Armbinde vom roten Kreuz nimmt Dieter und mich an die Hand und führt uns weg in einen warmen, hellen Raum. Die Erwachsenen sind uns gefolgt. Wir müssen uns ausziehen und werden in Decken gewickelt. Meine Decke ist grau und kratzig. Sie hat einen seltsamen Geruch. Egal! Sie ist warm und trocken. Allmählich höre ich auf zu frieren. Jemand drückt mir einen Teller mit einer heißen Milchsuppe in die Hand.

Dieter schreit nicht mehr. Er hält seinen Teller fest. Mit strahlenden Augen sagt er: „Hm, lecker!"

Meine Hände zittern so, dass ich den Löffel kaum zum Mund führen kann.

Irgendwann bin ich dann wohl auf dem Stuhl sitzend vor Erschöpfung eingeschlafen. Eine Schwester weckt mich. Sie reicht mir meine trockene Kleidung.
„Zieh dich wieder an, Kind!“

 
Juni 1944

Ich bin nach Württemberg evakuiert worden. Hier gibt es keinen Alarm. Wir können nachts schlafen und am Tag zur Schule gehen.

Das Haus meiner Pflegeeltern steht ein bisschen außerhalb der kleinen Stadt. Ungefähr fünfhundert Meter führt mein Weg durch freies Feld. Dann kommen die ersten Häuser und dort ist die Straße von Bäumen gesäumt.

Der Feldweg ist asphaltiert, rechts und links trennen ihn Gräben von den Feldern und Wiesen. Jetzt im Sommer ist nur noch wenig Wasser darin.

Wenn Flugzeuge über mich hinweg fliegen, habe ich immer ein ungutes Gefühl in der Magengrube. Ich schaue hoch, sehe die Hakenkreuze auf den Flügeln und bin beruhigt.

Aber nein, die kleine Maschine, die dort ganz niedrig angebrummt kommt, hat bunte Ringe.

„Ratatatatatatata ...“

Der Asphalt vor mir auf der Straße platzt in kleinen Stückchen auf. Ich mache einen Sprung in den Graben, presse mich fest in das feuchte Gras der Böschung.

Das Flugzeug ist vorbei. Ich springe auf, renne vorwärts. Dann stockt mir fast der Atem. Das Flugzeug fliegt eine Schleife und kommt zurück. Ich springe in den Graben an der anderen Seite des Weges.

„Ratatatatatatata ...“

Wieder entsteht eine zackige Spur im Asphalt.
Vorbei! Ich renne weiter, werfe mich schon wieder auf der anderen Seite in den Graben.

„Ratatatatatatata ...“

Ich muss die Häuser und Bäume erreichen! Dort kann der Pilot nicht mehr so tief fliegen!

Aufspringen – vorwärts rennen – rechts in den Graben springen ...

„Ratatatatatatata ...“

Aufspringen – vorwärts rennen – links in den Graben springen ...

„Ratatatatatatata ...“

Wie oft hat sich das grausame Spiel wiederholt? Ich weiß es nicht mehr. Ich erreiche das erste Haus, dann breche ich völlig erschöpft zusammen.

Eine Frau fängt mich auf und zieht mich ins Haus. Ich höre ihre Worte: „So ein Schwein! Er muss doch gesehen haben, dass sie noch ein Kind ist!“

 

Bin ich mit zwölf Jahren noch ein Kind? Oder wird ein Mensch im Krieg schneller erwachsen?

Werde ich mich jemals von diesen Erinnerungen befreien können? Oder werden sie mich für immer als Schatten begleiten?

 

19. November 2006

 

Veröffentlicht in der Anthologie SpruchReif - Februar 2008

Engelsdorfer Verlag     ISBN     978 - 3-86703-654-3 / 13,60 €

 

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