Gabis Entschluss

 

Es war ein strahlender Donnerstag im Mai 1950. Durch die geöffnete Terrassentür drang das Zwitschern der Vögel aus dem Garten in das Esszimmer, in dem die Feldbusch-Kinder um den großen Tisch saßen.

Die Gesichter der drei Kleinen sahen verweint aus. Auch Gabis Augen waren gerötet. Karl-Heinz und Helmut, die beiden Großen, blickten bleich und stumm vor sich hin.

Vor ziemlich genau drei Jahren, auch an einem Tag Mitte Mai, hatten sie die Nachricht erhalten, dass ihr Vater in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben war. Ihre Mutter hatte diese Nachricht nicht verkraftet. Sie war zusammengebrochen und hatte sich von ihrem Schock nicht mehr erholt. Ständig war sie seitdem krank gewesen und am letzten Sonntag hatten ihre sechs Kinder endgültig Abschied von ihr nehmen müssen. Eben waren sie von der Beerdigung in ihr Haus zurückgekehrt.

Karl-Heinz, der Älteste, hatte gestern eigentlich mit zwei Freunden seinen einundzwanzigsten Geburtstag feiern wollen, doch daran dachte er jetzt nicht. Er hob endlich seinen Kopf, schaute seine Geschwister nacheinander an und brach das bedrückende Schweigen.

„Wir sollten auf jeden Fall versuchen“, sagte er langsam, „unser Haus zu halten und uns nicht trennen zu lassen.“

„Wer sollte uns trennen?“, fragte Helmut.

„Dienstag stand bereits eine Fürsorgerin auf der Matte“, erklärte Karl-Heinz. „Sie wollte wissen, ob wir Verwandte hätten, die sich um uns kümmern könnten. Als ich ihr sagte, dass wir niemanden hätten, wollte sie Lothar, Wolfgang und Ingrid sofort mitnehmen und in ein Kinderheim bringen. Ich bin ausgerastet und habe ihr gesagt, sie soll wenigstens so viel Anstand besitzen, uns nicht zu belästigen, so lange unsere Mutter noch über der Erde liegt. Dann habe ich ihr die Tür gezeigt.“

„Das heißt, dass sie spätestens Montag wieder aufkreuzen wird, wenn nicht schon morgen“, meinte Gabi.

„Damit rechne ich“, nickte Karl-Heinz, „darum müssen wir uns eine brauchbare Lösung einfallen lassen, die wir ihr fix und fertig servieren können.“

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte Gabi.

„Auf jeden Fall werde ich sofort das Sorgerecht für unsere drei Kleinen beantragen. Nachdem die Frau vom Amt weg war, habe ich sofort meinen Chef angerufen und um Rat gebeten. Er hat mir ein paar Tipps gegeben und mich bis Mittwoch nächster Woche beurlaubt, damit ich alles Notwendige in Ruhe erledigen kann.“

Eine Weile herrschte betretenes Schweigen. Lothar, Wolfgang und Ingrid schauten ihren großen Bruder ängstlich an, aber sie rührten sich nicht.

„Wie sieht es mit dem Geld aus?“, erkundigte Gabi sich endlich. „Haben wir so viel, dass wir alle sechs davon leben können?“

„Die Beerdigungskosten sind durch Mutters Sterbegeld-Versicherung gedeckt und es bleibt sogar noch etwas davon übrig“, erklärte Karl-Heinz. „Unser Haus ist schuldenfrei, es sind nur einmal jährlich Steuern und andere Abgaben an die Stadt zu bezahlen. Für dieses Jahr habe ich das bereits im Februar erledigt. Die Waisenrente von Vaters Dienststelle und die Zahlungen für Kriegswaisen müssten eigentlich weiter überwiesen werden, auch für Helmut, so lange er noch in der Ausbildung ist. Davon lassen sich die Haushaltskosten bestreiten, also Lebensmittel, Wasch- und Putzmittel und Ähnliches. Mein Einkommen brauchen wir für die Kosten wie Koks für unsere Heizung, Strom, Kleidung für uns, Schulbücher und so weiter. Das heißt, wir können zwar keine großen Sprünge machen, aber bei einigermaßen vernünftiger Kalkulation müssten wir mit unserem Geld auskommen, auch wenn Mutters Rentenanteile jetzt wegfallen. Unser größtes Problem sieht im Augenblick anders aus.“

„Wo siehst du ein Problem, so lange wir hier zusammen bleiben können und Geld zum Leben haben?“, fragte Helmut.

„Ich darf euch daran erinnern, dass Lothar erst in einem halben Jahr neun wird, Wolfgang ist gerade sieben und Ingrid wird nächsten Monat fünf. Die drei dürfen nicht stundenlang allein gelassen werden. Es muss also jemand im Haus sein, der sie betreut und auch den Haushalt versorgt.“

„Das heißt, wir müssten so etwas wie eine Haushälterin oder Kinderfrau anheuern“, stellte Helmut fest.

„Richtig“, bestätigte Karl-Heinz. „Nur kostet so eine Angestellte leider so viel Geld, wie wir nicht übrig haben, selbst wenn wir sie nur für ein paar Stunden am Vormittag beschäftigen, damit sie dafür sorgt, dass die Kleinen sauber gewaschen und pünktlich zur Schule gehen und mittags ein warmes Essen bekommen.“

„Wir sind schon groß“, warf Lothar zaghaft ein. „Wir brauchen keine Kinderfrau mehr. Und wir können uns doch weiter mittags einfach bloß ein Butterbrot schmieren, wie wir das immer gemacht haben, wenn Mutti krank war. Und abends kocht Gabi wieder für uns.“

„Wenn wir mal allein hier im Haus sind, machen wir auch bestimmt keinen Quatsch“, fügte Wolfgang hinzu.

„Das könnt ihr den Leuten vom Jugendamt nicht erzählen“, erklärte Karl-Heinz. „Für Kinder in eurem Alter besteht nun einmal Aufsichtspflicht, da führt kein Weg dran vorbei.“

„Danach hat bisher kein Mensch gefragt“, sagte Helmut mit einem spöttischen Unterton. „Mehr als ein Jahr lang war es selbstverständlich, dass wir uns allein versorgten und nebenher sogar noch unsere kranke Mutter hier zu Hause pflegten oder im Krankenhaus besuchten.“

„Das stimmt“, nickte Karl-Heinz, „aber nun lebt Mutter leider nicht mehr und damit ist das Amt zum Einschreiten berechtigt.“

„Ich will aber nicht in ein Kinderheim“, sagte Ingrid und fing an zu weinen, „ich will bei euch hier zu Hause bleiben.“

Auch Lothar und Wolfgang schluckten und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Gabi hatte nachdenklich vor sich hin geschaut. Jetzt hob sie ihren Kopf.

„Seit mehr als einem Jahr habe ich neben der Schule den ganzen Haushalt allein versorgt. In den letzten vier Monaten habe ich auch Mutter noch hier zu Hause gepflegt. Ich glaube, ihr könnt nicht behaupten, dass es während dieser Zeit bei uns drüber und drunter gegangen wäre. Die Wohnung war immer halbwegs sauber und aufgeräumt, eure Wäsche war gewaschen und gebügelt und jeden Abend stand pünktlich ein warmes Abendessen auf dem Tisch. Habe ich Recht?“

„Klar, Schwesterchen! Du hast bestens für uns alle gesorgt“, lobte Karl-Heinz.

„Du hast wirklich prima gekocht“, erklärte Lothar.

„Und du hast auch nie gemeckert, wenn wir uns beim Spielen schmutzig gemacht haben“, sagte Wolfgang.

„Für Mutter war es eine große Beruhigung, dass hier alles reibungslos lief“, fügte Helmut hinzu. „Sie hat oft gesagt, dass du ein gutes Hausmütterchen bist und dich auch richtig lieb um die Kleinen kümmerst.“

„Ich weiß“, bestätigte Gabi. „Leider aber hat mein Einsatz hier zur Folge, dass ich in der Schule nicht mehr zurecht komme. Die Versetzung in die Klasse 12 kann ich nicht mehr schaffen. Meine letzten Klassenarbeiten habe ich gut in den Teich gesetzt. Wir haben jetzt Ende Mai. Was ich versäumt habe, kann ich in den sechs Wochen bis zu den Versetzungszeugnissen unmöglich aufholen.“

„Dann wiederholst du die Klasse“, meinte Karl-Heinz. „Dafür haben wir doch alle Verständnis!“

Gabi schüttelte ihren Kopf.

„Das bringt uns aber nicht weiter und löst unser Problem nicht“, fuhr sie fort. „Und selbst wenn wir stundenweise eine Frau einstellen würden, käme weiterhin mindestens ein Teil der Hausarbeit neben der Schule auf mich zu. Darum mache ich euch einen Vorschlag: Die offizielle Schulpflicht habe ich schon lange hinter mir, hatte mit Klasse 10 sogar die Mittlere Reife. Ich melde mich morgen in der Schule ab und übernehme hier den Haushalt.“

Einen Augenblick schauten alle überrascht zu Gabi, dann fragte Karlheinz: „Menschenskind, Gabi, Schwesterherz, das würdest du tun?“

„Und dein Berufswunsch?“, warf Helmut ein. „Wolltest du nicht Ärztin werden?“

„Im Augenblick erscheint es mir wichtiger, unseren drei Kleinen ein Zuhause zu erhalten“, antwortete Gabi. „Wenn die Zicke vom Amt wieder erscheint, werden wir ihr sagen, dass Karl-Heinz bereits volljährig ist und Helmut in drei Wochen achtzehn wird. Wir haben dann also zwei Erwachsene im Haus. Und wenn ich den Haushalt führe, kann ich dafür sorgen, dass Lothar, Wolfgang und Ingrid sowohl beaufsichtigt sind als auch ihre Pflege und ihre regelmäßigen Mahlzeiten bekommen. Damit dürfte ja wohl alles in Ordnung sein.“

„Das hoffe ich auch“, nickte Karl-Heinz. „Mein Chef hat gesagt, dass unsere Kinderheime voll gestopft sind mit Kindern, die auf der Flucht aus dem Osten ihre Eltern verloren haben. Er meinte, wenn wir eine halbwegs brauchbare Lösung finden könnten, würde man mir gern das Sorgerecht für meine Geschwister überlassen. Wir müssten es uns dann wohl gefallen lassen, dass ab und zu eine Fürsorgerin vorbei kommt und schaut, ob alles in Ordnung ist.“

„Das könnte ich durchaus verstehen“,  sagte Gabi, „und ich hätte auch nichts dagegen.“

„Allerdings müssen unsere drei Zwerge uns drei Großen etwas versprechen“, schaltete Helmut sich ein.

„Was denn?“ wollte Ingrid wissen.

„Wenn Gabi euch zu Liebe von der Schule abgeht und hier die ganze Arbeit übernimmt, müsst ihr versprechen, dass ihr tut, was sie euch sagt, und nicht frech zu ihr seid.“

„Richtig!“, erklärte Karl-Heinz. „Denkt immer daran, wenn ihr Gabi so ärgert, dass sie den Kram schmeißt und abhaut, sitzt ihr drei Tage später im Kinderheim.“

„Aber ihr zwei Großen müsst auch etwas versprechen“, fügte Gabi ernst hinzu.

„Und was, bitte?“, wollte Helmut wissen.

„Alle Arbeit, die innerhalb unserer Wohnung anfällt wie kochen, putzen, waschen, bügeln und so weiter will ich übernehmen, aber Garten, Gerätehütte, Kohlenkeller, Heizung und Straße sind eure Aufgaben.“

„Das dürfte doch wohl selbstverständlich sein!“, erklärte Karl-Heinz. „So weit ich neben meiner Arbeit noch Zeit habe, helfe ich dir auch gern im Haus.“

„Ich ebenfalls“, warf Helmut ein.

„Und unsere Kleinen müssen bereit sein, ab und zu für mich zum Einkaufen zu gehen, wenn ich mal etwas vergessen habe“, sagte Gabi. "Dafür dürfen sie auch die Rabattmarken sammeln, damit sie ein bisschen Taschengeld haben."

„Wenn du nachmittags zum Einkaufen gehst“, sagte Lothar, „komm ich mit dir. Dann nehme ich unseren Bollerwagen mit, damit du nicht so schwere Taschen an dein Fahrrad hängen musst.“

„Das wäre eine Idee!“, stimmte Gabi zu. „Wenn wir mit dem Wägelchen gehen, kann ich zum Beispiel aus der Markthalle einmal einen ganzen Sack Kartoffeln oder eine Kiste Äpfel mitnehmen oder bei Bölke einen Eimer Marmelade kaufen. In größeren Mengen bekommen wir die Sachen billiger.“

„Dann muss Helmut aber mal nach der Karre gucken“, meinte Wolfgang. „Da eiert nämlich eins von den vier Rädern. Und von den beiden Seitenwänden sind ein paar Sprossen kaputt.“

„Das repariere ich am Wochenende“, versprach Helmut.

„Übrigens habe ich eine Bitte an dich, Karl-Heinz. Du hast doch gesagt, dass du bis Mittwoch Urlaub hast. Könntest du bitte zu unserer Schule fahren und mich abmelden? Davor graut mir nämlich! Ich kenn doch meine Klassenlehrerin. Die bequatscht mich so lange, bis ich ihr verspreche, dass ich doch nicht abgehe und bis zum Abi in der Schule bleibe.“

„Klar, Schwesterchen. Ich suche morgen unseren Direx heim. Ich denke, dass er sich noch an mich erinnert. Er hat bestimmt Verständnis für deinen Entschluss in unserer Lage.“

„Danke, Karl-Heinz.“ Gabi stand auf. „So, und jetzt gehen wir zur Tagesordnung über. Ingrid, du verschwindest bitte in dein Zimmer und räumst das ganz fein auf. Lothar und Wolfgang, ihr holt eure Tornister aus euren Zimmern und setzt euch heute einmal an den Esszimmertisch. Helmut, gehst du bitte zu Wilhelms und fragst Ilse und Stefan, welche Hausaufgaben die beiden für morgen machen müssen? Und hilfst du dann unseren Jungen ausnahmsweise, damit sie bis zum Abendessen mit der Schularbeit fertig sind?“

„Geht in Ordnung“, nickte Helmut. „Kommt, ihr Zwerge!“

Die Vier verließen das Esszimmer. Gabi wandte sich an Karl-Heinz.

„Könntest du bitte noch nach Bölke fahren und ein paar Kleinigkeiten einkaufen? Ich schreib dir schnell einen Zettel. Während du weg bist, gehe ich durch alle Zimmer und sorge dafür, dass es bei flüchtiger Betrachtung überall ordentlich aussieht. Die Fürsorgerin soll hier nichts finden, was sie beanstanden kann. Und auch in der Schule und im Kindergarten darf sie keine Klagen über Lothar, Wolfgang und Ingrid hören, das werde ich den Kleinen noch ganz besonders eindringlich erklären.“

Karl-Heinz umarmte seine Schwester.

„Du bist Spitze, Gabi“, sagte er. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen! Ich habe jetzt keine Sorgen mehr und denke, dass wir drei Großen es schaffen, unseren drei Kleinen ein geordnetes Umfeld zu erhalten, in dem sie sorglos aufwachsen können. Sobald wir alle Formalitäten erledigt haben und zur Ruhe gekommen sind, finden wir sicher auch zu unserer früheren Fröhlichkeit zurück.“

„Vati und Mutti gucken jetzt vom Himmel aus zu, was wir hier machen“, sagte Lothar, der gerade mit seinem kleineren Bruder wieder herein kam und sich an den Esszimmertisch setzte.

„Ja“, nickte Wolfgang ernsthaft und wischte energisch seine letzten Tränen ab, „und dann sehen sie, dass wir ganz brav und fleißig sind, und dann sind sie bestimmt beruhigt.“

„Ich glaube“, fügte Karl-Heinz hinzu, „dass Vater und Mutter sich ganz besonders freuen würden, wenn wir demnächst auch wieder miteinander musizieren, singen und lachen würden, wie in alten Zeiten.“

17. Januar 2007

 

Veröffentlicht in der Anthologie Kinder - Spruchreif 2008

1-2-Buch - ISBN: 978-3-940445-38-4  - 13.80 €

 

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