Das einsame Haus

 

Irgendwo musste Gert Holzer ein Hinweisschild übersehen haben. Jedenfalls hatte er sich in den einsamen Wirtschaftswegen, in die er durch die Umleitung geschickt worden war, jetzt völlig verfahren.

„Wo sind wir hier?“, erkundigte Vera sich.

„Genau kann ich das im Moment auch nicht sagen“, gestand Gert, „aber du weißt doch, dass ich mich bisher immer wieder zurechtgefunden habe.“

Ein bleicher Vollmond stand in einem dunkelblauen, von unzähligen Sternen übersäten Himmel. Nach Norden auf den Großen Bären zu, die Richtung konnte eigentlich nicht falsch sein. Irgendwann und irgendwo musste doch einmal  eine Ortschaft kommen, von der aus er sich wieder orientieren konnte.

Die Straße war schmal. Wenn er langsam fuhr, verspürten sie auch die Unebenheiten des Weges nicht zu sehr. Ein Hase rannte einige Meter im Scheinwerferlicht vor ihnen her und rettete sich ins Gebüsch am Straßenrand. Und dann, ganz plötzlich und unvermutet, erstarb der Motor; der Wagen versuchte noch ein paar krampfhaft zuckende Vorwärtsbewegungen und blieb stehen.

Gert betätigte den Anlasser. Er gab nur ein paar unregelmäßige, jammernde Laute von sich.

„Kein Benzin mehr?“, wollte Vera wissen.

Der vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Der Tank ist gut halb voll“, stellte Gert fest.

Er stieg aus und öffnete die Motorhaube. Warum schaute er sich eigentlich dieses Durcheinander von Schrauben, Schläuchen, Metall- und Kunststoffteilen an? Von der Reparatur eines Autos hatte er sowieso keine Ahnung. Hilflos blickte er sich um und sah etwa hundert Meter seitlich am Abhang ein Haus. Es war völlig dunkel.

„Ich geh zu dem Haus dort und frage, ob ich einmal telefonieren darf“, sagte er in den Wagen hinein.

„Hast du dein Handy nicht bei dir?“

„Doch, aber es ist nicht aufgeladen.“

„Wofür hast du das Ding überhaupt?“,  fragte sie bissig.

„Und wofür hast du dir eins gekauft, wenn du es schon nach drei Wochen verloren hast?“, konterte er und wandte sich ab.

Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, als er Vera im Auto zurückließ und den schmalen, steinigen Weg zu dem einsamen Haus hinaufstolperte. Noch ehe er es erreicht hatte, ging im Erdgeschoss das Licht an. Ein matter Strahl fiel durch die Fensterläden. Dann öffnete sich die Tür, als wäre er erwartet worden. Ein schlanker Mann von mittlerer Größe schaute den späten Gast entsetzt an.

„Entschuldigen Sie bitte die nächtliche Störung“, begann Gert. „Mein Auto ist ungefähr hundert Meter von hier stehen geblieben. Offenbar ein Motorschaden. Und bei meinem Handy ist der Akku leer. Könnte ich bitte bei Ihnen telefonieren, damit wir abgeschleppt werden?“

„Komm rein, Junge, und keine falsche Bewegung!“

Eine Hand griff nach Gerts Arm. Er wurde in die Stube gezogen. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss.

„Was soll das?“, fragte Gert ärgerlich.

„Keine Mätzchen, Junge, sonst muss ich dir wehtun.“

Neben dem schmächtigen Mann, der die Tür geöffnet hatte, stand ein riesiger Kerl und hielt eine Pistole in seiner Hand.

„Was wollen Sie von mir?“, gab Gert wütend zurück.

„Dein Auto will ich, Junge. Wer sitzt da noch drin?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Das geht mich ‘ne Menge an. Sag es schnell, oder ich schleich mich hin und guck selbst nach. Aber dann knallt ’s.“

Der schmächtige Mann mischte sich mit zitternder Stimme ein: „Geben Sie lieber Antwort, sonst ...“

„Halt die Schnauze!“, schrie der Hüne. Er wandte sich wieder an Gert. „Wer sitzt in deinem Auto?“

„Meine Frau.“

„Was ist mit der Karre los?“

„Ich weiß es nicht. Der Motor starb plötzlich ab und lässt sich nicht mehr starten.“

„Kein Benzin mehr?“

„Der Tankanzeiger zeigt auf halb voll.“

„Dann ist es für mich kein Problem, die Karre wieder in Gang zu bringen. Pass mal gut auf, Junge. Du gehst jetzt zu deiner Frau und sagst ihr, sie soll mit dir hier ins Haus kommen, weil ihr hier übernachten müsst. Wenn mein Boss und ich dein Auto kriegen, geben wir dir und deiner Frau und auch dem Hänfling hier mit seiner Frau und ihren drei Blagen eine Chance. Wenn nicht, dann ballern wir unsere Pistolen leer, bis ihr ausseht wie Siebe. Kapierst du? In zehn Minuten bist du mit deiner Puppe hier, sonst fangen wir mit dem Baby an.“

„Bitte, Herr ...“, begann der schmächtige Mann flehend.

„Halt die Schnauze!“, brüllte der Gangster wieder.

Er öffnete die Tür und stieß Gert hinaus. So schnell der holperige Weg es erlaubte, rannte Gert zu seinem Wagen. Als er einstieg, spürte Vera seine zitternden Hände und erkannte im bleichen Mondlicht, dass sein Gesicht schneeweiß war.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen.

Er atmete schwer, schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

„Gert, bitte, was ist in dem Haus? Erzähl mir, was geschehen ist. Kommt Hilfe?“

Er schüttelte wieder seinen Kopf. Allmählich wurde er ruhiger. Mit einem Blick auf die Uhr im Armaturenbrett sagte er: „Nein, wir bekommen keine Hilfe, aber wenn wir zusammen zum Haus gehen und zwei Gangstern unser Auto überlassen, können wir vielleicht eine Familie mit drei Kindern retten.“

„Was für Gangster?“, fragte Vera irritiert.

„Sie haben sich in dem Haus da oben einquartiert und halten einen Mann mit seiner Frau und drei Kindern gefangen. Wenn wir beide in zehn Minuten nicht da oben im Haus sind, wollen sie einen nach dem anderen töten.“

„Lass uns fliehen, Gert!“, sagte Vera ängstlich.

„Das hat keinen Zweck“, antwortete er. „Der Mond scheint so hell, dass sie uns von oben aus beobachten können. Uns bleibt eigentlich gar keine andere Wahl, als möglichst schnell hinaufzugehen. Der eine hat gesagt, dass ich dich holen soll und sie nur unser Auto wollen. Wenn sie es bekommen, wollen sie uns und der Familie nichts tun. Wir müssen versuchen, ob sie Wort halten.“

„Aber unser Auto ist kaputt.“

„Der Kerl sagt, er kann es reparieren, das ist kein Problem für ihn.“

„Vielleicht schaffen wir es, dass die Polizei hier ist, bevor sie mit der Reparatur fertig sind. Sobald sie das Haus verlassen, telefonieren wir“, meinte Vera.

„Natürlich! Komm!“, nickte Gert, obwohl er fest davon überzeugt war, dass die Gangster das Telefon unbrauchbar gemacht hatten.

Sie stiegen aus und gingen langsam auf das Haus zu.

„Keine Minute zu früh!“, sagte der Gangster, der ihnen die Tür öffnete. „Wir wollten uns gerade um das Baby kümmern.“

„Quatsch nicht, Jocko!“, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. „Hau lieber ab und guck, dass du die Karre schnell in Gang kriegst! Ich habe keine Lust, hier Wurzeln zu schlagen!“

In einem Sessel lag zurückgelehnt ein ebenfalls sehr großer Mann. Sein linker Arm und sein Kopf waren verbunden. Seine rechte Hand spielte mit einer Pistole.

„Okay, Boss!“, erwiderte der mit Jocko angeredete Gangster und schrie Gert an: „Wo ist dein Autoschlüssel?“

„Der steckt im Zündschloss“, antwortete Gert.

„Wehe, wenn nicht!“, drohte Jocko und verschwand.

Der schmächtige Mann hatte am Tisch Platz genommen und seinen Arm um eine schmale, blasse Frau gelegt, die neben ihm saß und leise weinte.

Der Boss winkte jetzt mit seiner Pistole und befahl Vera und Gert: „Setzt euch auch an den Tisch, damit ich euch alle gut im Blick habe! Und kein Wort!“

Sie gehorchten. Der Boss stand auf und humpelte zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt und lauschte in die Dunkelheit. Oben im Haus begann jetzt ein Baby zu schreien.

„Darf ich zu meinem Kind gehen?“, fragte die Frau zaghaft und wollte aufstehen.

„Schnauze halten und sitzen bleiben!“, brüllte der Gangster und spielte nervös mit seiner Pistole.

Die Frau duckte sich erschrocken hinter ihren Mann.

„Setz dich so hin, dass ich dich richtig sehen kann!“, brüllte der Boss sie an.

Er lauschte wieder durch den Türspalt. Einige Minuten vergingen, dann hörten sie das Summen eines Motors. Das Auto kam und hielt vor dem Haus.

„Ihr habt Schwein, dass wir heute unseren sozialen Tag haben!“, sagte der Boss spöttisch. „Aber bis ihr zu Fuß das nächste Telefon gefunden habt, sind wir schon in Afrika.“

Er verließ das Haus, stieg ein und das Auto entfernte sich. Die Frau sprang auf und lief die Treppe hoch zu ihren Kindern. Der Mann wollte ihr folgen, aber Gert hielt ihn fest.

„Wo ist Ihr Telefon?“, fragte er hastig.

„Da drüben neben dem Fernseher, aber die Kerle haben das Kabel aus der Wand gerissen“, antwortete der Mann achselzuckend.

„Nur das Kabel zerrissen? Sonst nichts?“, lachte Gert erleichtert. „Geben Sie mir schnell einen Schraubenzieher und ein Stück Isolierband oder etwas Ähnliches. Ich bin Strippenzieher bei der Telekom. In spätestens fünf Minuten läuft die Fahndung nach den Burschen.“

15. April 2006

 

Veröffentlicht in der Anthologie "Alles außer Mord" - März 2008

Edition Leserunde - ISBN 978-3-940387-12-7 - 13,50 €

 

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