Das geheimnisvolle Paket

 

Frau Reiche schaute überrascht auf das große Paket, das der Postbote ihr am ersten Freitag im April überreichte. Eine Kinderhand hatte groß und deutlich mit einem dicken, blauen Filzstift darauf geschrieben:

Für Corinna Reiche

Buchenstraße 38

47 259 Duisburg

Nicht für sie, sondern für ihre zwölfjährige Tochter Corinna hatte jemand ein Paket geschickt.

Wer war der Absender? Links oben in der Ecke stand er, klein mit dünnen, schwarzen Druckbuchstaben:

Die Wölflinge

Sankt Nikolaus

47 608 Neufeld

„Für dich, Corinna“, sagte die Mutter und stellte das Paket auf die Eckbank.

„Von wem?“, fragte Corinna erstaunt und schaute auf den Absender. „Sankt Nikolaus? Ein Paket vom Nikolaus eine Woche nach Ostern? Was ist da drin?“

„Mach es auf, dann siehst du es!“, antwortete die Mutter. „Aber sei bitte vorsichtig, damit die Kordel und das Packpapier nicht kaputt gehen, das kann ich noch gebrauchen.“

Corinna knüpfte mühsam die vielen Knoten auf und rollte die Kordel sorgfältig zusammen. Behutsam löste sie das Klebeband, mit dem die Ecken zugeklebt waren, und faltete das Packpapier ordentlich auf.

Jetzt stand ein großer Karton vor ihr. Erwartungsvoll öffnete sie den Deckel. Staunend schaute die Mutter auf die Sachen, die Corinna auspackte:

- ein schwarzer Anorak mit gelb und blau kariertem Futter,

- eine dunkelblaue Jeans mit einem gestickten Drachen auf der Tasche,

- zwei Jogginganzüge, einer blau mit einem schwarz-weißen Panda, einer grün mit einem blau-grauen Delphin,

- vier bunte Frotteeschlafanzüge mit verschiedenen Mustern,

- ein weißes, ein rotes, ein gelbes und ein blaues T-Shirt,

- vier Paar bunte Kniestrümpfe und vier Paar weiße Tennissocken,

- ein Paar blaue Gummistiefel mit einem gelben Stoffrand, der mit einer blauen Kordel zugezogen werden konnte.

Jetzt lag auf dem Boden des Kartons nur noch ein Brief. Corinna nahm ihn heraus, schnitt das Kuvert auf und zog ein Blatt heraus.

Pfadfinder Sankt Georg * Stamm Neufeld

So stand in großen Druckbuchstaben ganz oben. Darunter hatte eine Kinderhandschrift geschrieben:

„Liebe Corinna,

die sechs Pfadfindergruppen vom Stamm Neufeld fahren vom 29. Juli bis 26. August ins Zeltlager am Diemel-See. Wir würden uns alle freuen, wenn Du mit uns fahren würdest. Die Kosten übernimmt unsere Pfadfinderkasse. Bitte schreib uns bald, ob Du mit uns kommen darfst. Unsere Gruppenleiterin Marion würde Dich dann am 28. Juli um 18 Uhr abholen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Wölflinge

Dann standen kreuz und quer eine Reihe von Unterschriften. Corinna las:

„Annabelle, Beatrix, Carolin, Dorit, Esther, Franka, Gundi, Hille, Inga, Kira, Lara, Nadja, Patrizia, Rachel, Sandra und Marion.“

Jetzt wusste sie auch, wem sie das Paket zu verdanken hatte. Aber das durfte Mutter nicht wissen. Sie hatte etwas gegen Corinnas Freundschaft mit Kira, der Tochter des Chefarztes vom Unfallkrankenhaus.

„Die sind zu vornehm für uns. Bei den Ansprüchen, die solche Leute haben, können wir nicht mithalten“, hatte sie gesagt und war froh, dass die Familie an den Niederrhein gezogen war.

„Wo liegt Neufeld und wer kennt dich dort so gut, dass er deine Adresse und deine richtige Kleidergröße weiß?“, fragte die Mutter, die inzwischen die Sachen Stück für Stück untersucht hatte.

„Bitte, Mutti, lass mich mitfahren!“, bettelte Corinna, ohne die Frage zu beachten. „Wir sind noch nie in den Sommerferien verreist. Ich weiß, dass wir uns das nicht leisten können, weil Vati gestorben ist und du nur ganz wenig Geld als Rente bekommst, aber jetzt hätte ich alles umsonst und sogar genug zum Anziehen.“

„Zuerst wüsste ich gern, wer die Kleidung gekauft und das Paket an dich geschickt hat“, erwiderte die Mutter. „Alles ist nagelneu.“

„Das ist doch egal“, meinte Corinna. „Die Wölflinge, so heißen die jüngsten Pfadfinder, das hat eine von meinen Klassenkameradinnen mal erzählt. Die Mädchen von dieser Pfadfindergruppe wollten vielleicht einfach nur etwas Besonderes tun. Das ist bei den Pfadfindern doch so. ‚Täglich eine gute Tat’, heißt es bei denen.“

Die Mutter dachte eine Weile nach. Endlich nickte sie und sagte: „So eine Reise kann ich dir nicht bieten. Vier Wochen Ferien am Diemel-See, diese Chance will ich dir nicht verderben. Am besten legst du die Sachen in den Karton zurück und schiebst ihn vorläufig unter dein Bett. Dann setz dich an deinen Tisch und schreib an die Kinder. Zeig mir den Brief aber! Ich möchte nicht, dass Fehler darin sind und wir uns blamieren.“

„Danke Mutti!“, jubelte Corinna und umarmte ihre Mutter.

Dann packte sie die Sachen ordentlich ein und verschwand im Kinderzimmer. Als sie eine halbe Stunde später wieder in die Küche kam, legte sie der Mutter ihren Antwortbrief auf den Tisch. Die Mutter las:

Liebe Marion und liebe Wölflinge,

ich danke Euch ganz herzlich für die Einladung und für die schönen Sachen, die alle genau für mich passen und die ich auch ganz toll finde. Meine Mutti hat mir erlaubt, dass ich mit Euch fahren darf. Ich freue mich riesig auf das Zeltlager mit Euch, weil ich nämlich noch nie in den Ferien irgendwo hin gefahren bin. Bitte schreibt mir einmal einen Brief. Ich hätte gern eine Brieffreundin, von der ich manchmal Post bekomme. Ich schreibe auch bestimmt zurück.

Viele Grüße sendet Euch

Corinna.

Die Mutter schaute sich auch das Kuvert an.

An die Wölflinge

Pfarrgemeinde Sankt Nikolaus

47608 Neufeld

„Das hast du gut gemacht“, lobte sie. „Schreib noch das Datum dazu. Ich hole dir eine Briefmarke, dann kannst du deinen Brief sofort zum Briefkasten bringen, wenn du Dennis vom Kindergarten abholst.“

Während die Mutter ins Wohnzimmer ging, schrieb Corinna unter den Brief:

Danke, Kira! Ich freue mich auf unser Wiedersehen! Freundschaft kennt keine Entfernung!

Duisburg, den 15. April

Dann steckte sie den Brief schnell in das Kuvert und klebte es zu.

 

5. April 2005

 

Veröffentlicht in der Anthologie Kinder - Spruchreif 2008

1-2-Buch - ISBN: 978-3-940445-38-4  - 13.80 €

 

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