Das lang erwartete Fest

 

„Ich werde neunzig Jahre alt.“

Die Worte meiner Großmutter klingen noch heute in meinen Ohren nach.

Oma hatte neun Kinder, zwei Söhne und sieben Töchter. Ihre Tochter Erna blieb in einer Gallenoperation, ihr Sohn Edmund schaffte als Pionier mit seinem Lkw in Russland den Weg nicht durch ein Minenfeld.

Ich wuchs bei meiner Oma und ihrer Tochter Elisabeth auf. Opa besuchte uns nur einmal im Monat, denn er wohnte und arbeitete als Förster bei einem Grafen in Kettwig.

Wenn Oma wirklich einmal ernsthaft krank wurde, sagte sie tröstend zu mir: „Keine Angst, ich sterbe noch nicht! Ich werde neunzig Jahre alt.“

Eines Tages bekam sie einen Schlaganfall. Ich weinte und lief ziemlich verstört herum, denn ich liebte Oma sehr. Aber vier Wochen später saß sie schon wieder auf ihrer Bettkante und lächelte mich an.

„Hattest du Angst, ich wäre gestorben?“, fragte sie. „Diesmal bin ich dem Totengräber noch einmal von der Schüppe gesprungen. Ich habe doch gesagt, dass ich neunzig Jahre alt werden will.“

Als sie achtzig war, musste sie ihren Mann begraben. Ihre Tränen weinte sie nur zu Hause. Auf dem Friedhof in Neviges stand sie hoch aufgerichtet und ernst an seinem Grab. Sie hatte darauf bestanden, dass eine Doppelgrabstätte gekauft wurde.

„In zehn Jahren möchte ich hier neben ihm begraben werden“, sagte sie.

Jahr für Jahr freute sie sich auf ihren Geburtstag, denn dann kamen auch ihr Sohn aus Soest und ihre Töchter aus Stadtlohn und Rees. Ihre Töchter aus Duisburg und Düsseldorf besuchten sie einmal im Monat. Auch ihre dreiundzwanzig Enkelinnen und Enkel kamen ab und zu, um der Uroma ihre Kinder vorzustellen.

Dann nahte der Tag, an dem Oma neunzig Jahre alt wurde. Schon Wochen vorher fieberte sie diesem Fest entgegen. So nervös hatte ich die sonst so ruhige und besonnene Frau nie zuvor gesehen. Immer wieder kam sie mit neuen Fragen.

„Ist genug Wein im Haus? Habt Ihr auch Sekt eingekauft? Wie viele Torten backt ihr selbst? Wie viele habt ihr bestellt? Wer ist schon zum Mittagessen hier? Was wollt ihr kochen?“

Endlich war der 7. Oktober gekommen. Oma stand früh auf, wusch sich sorgfältig, zog ihr bestes schwarzes Kleid an und kam zum Frühstück. Tante Elisabeth und ich gratulierten natürlich zuerst.

Gegen elf erschien ein Fotoreporter von der Rheinischen Post, wenige Minuten später der Herr Bürgermeister. Die Herren waren sehr erstaunt, wie gut sie sich mit dieser alten Dame unterhalten konnten.

„Trinken die Herren Wein? Oder lieber Kaffee?“

Pünktlich zum Mittagessen erschienen Omas Sohn Ernst mit Frau und ihrem ältesten Sohn, Ihre Tochter Maria mit ihrem ältesten Enkel und ihre Tochter Käthe. Oma saß strahlend am Tisch. Sie hatte den totalen Überblick.

„Ernst, nimm doch noch ein Stück Braten. Maria, möchtest du noch ein Glas Wein?“

Ein Stündchen zog sie sich zur Mittagsruhe zurück. Dann trafen nach und nach die anderen Verwandten ein. Es waren so viele, dass ich bei den Nachbarn um ein paar Stühle bat. Oma wechselte mit jedem Einzelnen ein paar Worte. Sie freute sich riesig über die vielen Blumen und die anderen Geschenke.

Zum Kaffee trinken bat ich die Gäste, die meiner Generation angehörten, in unsere große Wohnküche, denn im Wohnzimmer fanden sie keinen Platz mehr, obwohl wir schon Tische angebaut hatten. Wir hörten das lebhafte Gespräch von nebenan, in dem auch immer wieder Omas Stimme zu erkennen war.

Kurz vor zweiundzwanzig Uhr verabschiedeten sich die letzten Gäste. Oma atmete einmal ganz tief ein und aus, als Tante Elisabeth und ich uns zu ihr setzten.

„Das war ein wunderschöner Tag“, seufzte sie mit leuchtenden Augen. „Und so viele Blumen habe ich bekommen. Und all die anderen schönen Geschenke.“

Sie stand auf und ging noch einmal zu ihrem Gabentisch. Jedes einzelne Teil nahm sie in ihre Hand und betrachtete es eingehend. Dann drehte sie sich langsam zu Tante Elisabeth und mir um.

„Jetzt bin ich müde“, sagte sie. „Helft ihr mir bitte ins Bett?“

Sie zog sich sonst immer allein aus, aber Tante Elisabeth und ich konnten verstehen, dass sie nach diesem ereignisreichen und anstrengenden Tag um Hilfe bat.

Am nächsten Morgen kam Oma nicht zum Frühstück. Als ich an ihr Bett trat und ihre Hand anfasste, schaute sie mich mit großen Augen an.

„Lass mich noch ein bisschen schlafen, Kind“, bat sie.

Ich schaute fast stündlich nach ihr. Sie schlief tief und fest mit leicht geröteten Wangen.

Auch an den nächsten Tagen wollte Oma nicht mehr aufstehen, sie wollte nur noch schlafen. Manchmal schaute sie Tante Elisabeth oder mich, wenn wir zu ihr ins Zimmer kamen, mit großen Augen an.

„Kann ich bitte noch ein Schlückchen Sekt haben?“, fragte sie dann leise.

Und wenn sie getrunken hatte, legte sie sich wieder in ihr Kissen zurück und schlief weiter.

Genau eine Woche nach dem lang erwarteten Fest schlief Oma für immer ein.

„Ich werde neunzig Jahre alt!“

Ja, das Ziel hatte sie erreicht.

 18. Oktober 2007

 

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