Das Erbe

 

„Was mag der Alte mit seinem ganzen Geld gemacht haben?“

Der Alte. Diese Worte seines Vaters brannten in Conradin wie Feuer.

Gestern hatten sie seinen geliebten Opa begraben, Mutters Vater. Mit viel Theater und im ganz großen Stil natürlich, wie es bei den Berghofs grundsätzlich sein musste. Nun saß die Familie beim Frühstück.

„Wahrscheinlich hat er es mit vollen Händen an die Pfleger verschenkt, um sich beliebt zu machen, oder für ein Tierheim gestiftet“, antwortete seine Mutter auf die Frage ihres Mannes. „Sparen kannte er nicht. Außerdem war er doch in der letzten Zeit nicht mehr richtig zurechnungsfähig.“

Was wussten seine Eltern von Opas letzter Zeit? Sie hatten ihn vor fünfzehn Jahren ins Altenheim gebracht und nie wieder besucht, obwohl er nur neun Kilometer entfernt lebte. Sie ahnten nicht einmal, dass Conradin viele Stunden bei ihm zugebracht hatte. 

„Weißt du, Conni“, hatte Opa einmal lächelnd zu ihm gesagt, „deine Eltern sind Erfolgsmenschen. In ihrem Leben hat so ein alter Mann wie ich keinen Platz.“

„Ein Kind wie ich auch nicht“, hatte Conradin bitter geantwortet.

Sein Vater war Direktor der Deutschen Bank, seine Mutter besaß in der Nähe der Bank eine Boutique, in der sie teure Damenbekleidung und Modeartikel verkaufte. Jeden Morgen fuhren die beiden, jeder im eigenen Wagen natürlich, zur dreißig Kilometer entfernten Stadt und kamen erst abends gegen 21 Uhr zurück.

Tante Gabi, Mutters ältere Schwester, hatte jahrelang den Haushalt und Conradin versorgt. Sie hatte ihren Mann früh durch einen Unfall verloren und war froh, dass sie im Haus ihres Schwagers für die Betreuung des Kindes freies Wohnen angeboten bekam, da sie nur eine geringe Rente bezog.

Jeden Dienstagnachmittag war Tante Gabi mit Conradin zum Opa gefahren, anfangs mit dem Bus, später mit ihren Fahrrädern. Opa hatte sich immer sehr darüber gefreut.

Als Conradin zwölf Jahre alt wurde, machte Herr Berghof seiner Schwägerin klar, dass der Junge jetzt keine Betreuung mehr nötig habe und es an der Zeit wäre, dass sie sich eine eigene Wohnung suchte.

„Mein Sohn hat sein eigenes Konto, auf das ich monatlich tausend Euro einzahle. Davon kann er täglich in einer Imbiss-Stube essen gehen. Für die Hausarbeit bekomme ich eine Putzfrau.“

Seit dieser Zeit war Conradin fast jeden Nachmittag zum Opa gefahren. Mit seinen Eltern hatte er nie darüber gesprochen. Sie fragten sowieso nicht, wie ihr Sohn den Tag verbrachte. Die Hauptsache war, dass er in seinem Bett lag, wenn sie nach Hause kamen, sonst bekam er von Vater Prügel mit einem Bambusstock.

Opa hatte Conradin in sein Geheimnis eingeweiht. Der alte Mann hatte sich, sofort nachdem er ins Altenheim gebracht worden war, auf halbem Wege zwischen den beiden Dörfern ein Stück Land gekauft. Darauf hatte er sich ein  Wochenendhaus bauen lassen. Jeden Tag unmittelbar nach dem Mittagessen war er die drei Kilometer vom Altenheim zu seinem Haus spaziert. Bei schlechtem Wetter hatte ihn auch manchmal ein Pfleger oder eine Putzfrau mit dem Auto ein Stück weit mitgenommen oder er hatte sich ein Taxi bestellt, das ihn bis in die Nähe seines kleinen Anwesens gebracht hatte.

Den ganzen Nachmittag hatte Opa in seinem Garten gearbeitet. Rundum hatte er einen hohen, festen Zaun anbringen lassen und eine Hecke aus Koniferen als Sichtschutz davor angepflanzt. Das Tor war mit einem Riegel und einem großen Schloss versehen. Dieses Schloss hatte ein Geheimnis. Man brauchte dafür nämlich keinen Schlüssel. Es sprang auf, wenn man sagte: „Lass mich bitte ein!“

Sobald man eingetreten war, gingen Tor, Schloss und Riegel automatisch zu, bis man bat: „Lass mich bitte raus.“

Das Gartenhaus war über den ungefähr fünfhundert Meter entfernten Bauernhof der Familie Scheven an das Stromnetz, an Wasserversorgung und sogar an die Kanalisation angeschlossen. Es konnte mit einem Nachtspeicherofen beheizt werden, hatte ein schön möbliertes Wohn-Schlafzimmer, eine Kochnische mit Elektroherd und Kühlschrank sowie eine Toilette mit Dusche.

Den wenigen Leuten, die von seinem Privatbesitz wussten, hatte der alte Mann das Versprechen abgenommen, seinen Töchtern und seinem Schwiegersohn auch nach seinem Tod niemals etwas davon zu verraten.

Conradin hatte in Opas Haus oder Garten seine Schulaufgaben gemacht, hatte sich bis zum Abend mit ihm unterhalten und ihn dann zum Altenheim begleitet, bevor er mit seinem Fahrrad nach Hause gefahren war.

Im letzten halben Jahr konnte Opa nicht mehr aufstehen, aber Conradin hatte ihn so oft wie möglich besucht, hatte ihm Erdbeeren und Blumen aus seinem Garten gebracht und erzählt, dass er den Rasen gemäht und das Unkraut gejätet hatte.

Vor drei Wochen hatte Opa ihm ein blaues Sparbuch übergeben.

„Mein lieber Junge“, hatte er dazu gesagt, „dieses Geld ist nur für dich ganz allein. Meine Tochter Gabi, die sich zuerst noch um mich gekümmert hat, war schon seit drei Jahren nicht mehr bei mir und hat mir Weihnachten zuletzt einen Gruß geschickt. Aber du hast mich alten Mann nicht vergessen, darum sollst du auch mein einziger Erbe sein. Du siehst, dass ich dieses Sparbuch auf deinen Namen hier bei der Volksbank angelegt habe. Versteck es gut, damit deine Eltern es nicht finden. Es ist außerdem vorsichtshalber mit einem Stichwort gesperrt. Wenn du Geld abheben willst, musst du deinen Geburtsort auf den Beleg schreiben.“

Mit Erstaunen hatte Conradin gesehen, dass auf dem Buch fast zwanzigtausend Euro eingetragen waren. Ein Vermögen für einen sechzehnjährigen Jungen!

„Haus und Grundstück gehören dir, sobald ich tot bin“, hatte Opa gesagt. „Das habe ich beim Kauf bereits notariell eintragen lassen. Die Nebenkosten werden von der Gemeindeverwaltung bei Scheven abgebucht, ebenfalls meine Stromrechnung. Der Bauer hat mich jedes Jahr im März, Juni, September und Dezember besucht und sich sein Geld geholt. Du kannst ja zu ihm gehen und eine neue Vereinbarung mit ihm treffen. Er weiß, dass du mein Erbe bist.“

„Du wirst wieder gesund, Opa, und wirst noch mindestens zehn Jahre leben“, hatte Conradin gesagt.

Aber der alte Mann hatte seinen Kopf geschüttelt.

„Mach mit der Hütte und dem Garten, was du willst. Aber denke daran, dass es immer gut ist, wenn du einen Platz hast, der dir gehört und an dem du wirklich zu Hause bist.“

 

„Was träumst du?“, herrschte die Stimme seines Vaters Conradin an. „Beeil dich, damit du pünktlich zur Schule kommst! Der Bus wartet nicht auf dich!“

Der Junge war aus seinen Gedanken aufgeschreckt.

„Bin schon weg!“, sagte er und stand auf. „Tschüss!“

„Kämm deine Haare!“, rief seine Mutter ihm noch nach.

Conradin antwortete nicht. Er nahm seine Schultasche und verließ sein Elternhaus. Nachdenklich ging er zur Bushaltestelle.

„Du hast Recht, Opa“, sagte er halb laut vor sich hin. „In deinem Haus und Garten werde ich ab heute so zu Hause sein, wie ich es in meinem Elternhaus niemals war. Dein Schloss wird mir immer Sicherheit geben. Es hält meine Eltern fern, denn sie können das Tor nie öffnen, weil sie das Wort bitte nicht kennen.“

 

10. März 2007

 

Autorenforum "Spruchreif": Sieger im Monatswettbewerb März 2007 

 

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