Es gibt keinen Nikolaus

 

„Morgen kommt der Nikolaus! Ich freu mich! Ich freu mich! Morgen kommt der Nikolaus!“, sang Christoph sein selbst erfundenes Lied nicht schön aber laut durch das Haus.

Sein großer Bruder Ingo war im August in die Schule gekommen. Seitdem wusste er natürlich alles viel, viel besser als sein kleiner Bruder, der nur in den Kindergarten ging, und es war ja wohl klar, dass er dem Dummchen so etwas auch sofort unter die Nase reiben musste.

„Es gibt keinen Nikolaus“, hörte Mutter ihren Großen erklären. „Das mit den Geschenken und so, das machen alles die Eltern.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach Christoph. Seine Stimme klang ein bisschen weinerlich. „Ich will, dass es einen Nikolaus gibt. Ich will einen Teller Lecker haben. Und ich will auch den Elefanten, den ich mir gewünscht habe.“

„Nun heul mal nicht gleich! Vielleicht hat Mutti den Elefanten ja für dich gekauft“, versuchte Ingo sein Brüderchen zu trösten.

„Ich will den aber vom Nikolaus haben!“, trotzte Christoph.

„Der Nikolaus ist schon lange tot, der bringt dir nichts“, beharrte Ingo auf seiner Meinung.

Christoph schien eine Weile zu überlegen. Auf einmal sagte er so leise, dass Mutter es unten in der Küche kaum verstehen konnte: „Ich weiß was. Wir stellen ja heute Abend einen Teller ins Wohnzimmer und singen dabei. Der Lars hat gesagt, er und seine Schwester müssen am Nikolausabend jeder einen Stiefel auf den Balkon stellen. Mutti guckt bestimmt heute Abend wieder Fernsehen. Dann schleichen wir uns heimlich raus und stellen unsere Stiefel vor die Haustür. Wenn dann morgen früh da was drin ist, gibt es wirklich einen Nikolaus.“

„Na, gut, wenn du meinst“, antwortete Ingo in mitleidigem Ton.

 

Pünktlich wie jeden Abend mussten die beiden Jungen zu Bett gehen. Ingo durfte noch ein bisschen lesen. Aber auch Christoph konnte nicht einschlafen. Die beiden Jungen lauschten. Endlich hörten sie, dass Mutter den Fernseher eingeschaltet hatte. Leise stiegen sie aus ihren Betten und schlichen die Treppe hinunter. Wie gut, dass die Tür von dem Schrank, in dem ihre Schuhe standen, nicht quietschte! Jeder holte einen Stiefel heraus. Ganz leise öffnete Ingo die Haustür und stellte die beiden Stiefel auf die oberste Stufe.

„Es schneit“, flüsterte er dabei.

„Schade, dass wir uns keinen Schlitten gewünscht haben“, gab Christoph ebenso leise zurück.

 

Am nächsten Morgen weckte Mutter ihre beiden Jungen zehn Minuten früher als sonst, denn sie sollten ja noch nach ihren Nikolausgeschenken schauen können, ehe sie zum Kindergarten und zur Schule fahren mussten.

„Es hat heute Nacht ganz viel geschneit“, sagte sie, als sie die Blendläden im Kinderzimmer öffnete.

So schnell wie an diesem Morgen zogen Ingo und Christoph sich selten an. Dann ging es die Treppe hinunter und zuerst zur Haustür. Da standen die beiden Stiefel und aus jedem ragte ein großer Weckmann in einer durchsichtigen Tüte. Als die Jungen ihre Stutenkerle aus den Stiefeln zogen, steckten darunter bei jedem sogar noch zwei Äpfel und eine Tafel Schokolade.

„Und es gibt doch einen Nikolaus!“, jubelte Christoph.

Im Wohnzimmer standen auch noch die Teller, die sie gestern Abend dort aufgestellt hatten. Sie waren mit Nüssen, Spekulatius und Bonbons gefüllt. Neben Christophs Teller stand der Elefant, bei Ingo lag ein Buch „Geschichten vom Nikolaus“.

Ingo war ein wenig nachdenklich geworden. Er setzte sich auf seinen Platz im Esszimmer und sprang wie elektrisiert wieder auf.

„Ein Schlitten!“, rief er.

Wirklich, im Garten, ein großes Stück von der Terrasse entfernt, stand auf dem dicken Schnee, der den Rasen bedeckte, ein Schlitten. Die beiden Jungen vergaßen ihr Frühstück und rannten hinaus.

„Und keine Fußspuren“, stellte Ingo bewundernd fest und fügte nach einer Weile zögernd hinzu: „Jetzt glaube ich auch, dass es wirklich einen Nikolaus gibt!“

 

 26. November 2006

 

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