Das Autorenforum www.spruchreif.net hat auf einer internen Seite einen Nachruf verfasst.  Obwohl sich die Autorin (J. Paesold) und meine Mutter nur über das Internet kannten, sind die Texte und Gedankensplitter so treffend ausgewählt, dass die verschiedenen Facetten des Charakters und der Mentalität meiner Mutter sehr deutlich dargestellt werden. Nach Rücksprache mit der Autorin veröffentliche ich den Nachruf hier. (G. Kutasi)


Mosaiksteine - zur Erinnerung an Hildegard

Vor wenigen Tagen hat Hildegard den Weg vollendet, dessen Ziel sie schon länger vor Augen hatte. Selten ist es uns möglich, den letzen Abschied so bewusst zu gestalten. Ihr aber ist es gelungen, uns auf Ihr Farewell vorzubereiten. In ihren Texten hat sie uns eine lebendige Erinnerung geschenkt. Danke, Hildegard!

Ich lernte Hildegard zuerst als „hgkts“ – ein Kürzel für Hildegard Kutasi, kennen.

In einer ihrer ersten Nachrichten an mich schrieb sie:

„Übrigens,  der Name Hildegard bedeutet im germanischen Sprachgebrauch "starke Beschützerin", aber so stark komme ich mir gar nicht vor. Ich möchte es zwar gern sein und laufe darum bei manchen Diskussionen, z.B. in Kirchensite, unter dem Decknamen Raphael - der Schutzengel und Wegbegleiter im AT ...“

Mit der Zeit pflegte sie ihren Namen und ihre Signatur zu verändern, um sie ihrer aktuellen Lebenssituation anzupassen. Ich sehe darin ein Symbol, wie wichtig es für sie war, ihr Leben aktiv zu gestalten. Sie war das älteste Mitglied des Spruchreifforums und sie war stolz darauf. Nach ihrem an Erfahrung reichen Berufsleben als Lehrerin widmete sie sich vor allem dem Schreiben und dem Gedankenaustausch im Forum. Dabei war sie eine geduldige und kompetente Beraterin für so manche Neulinge im Forum, die viel von ihr lernen durften. Sie nahm nicht nur an den Texten, sondern vor allem auch am Leben der Verfasser Anteil und so manche Freundschaft entstand. Hildegards Tod hat eine große Lücke hinterlassen. Die Erinnerung an sie, an ihr warmes Wesen und ihre mutige Entschlossenheit, bleibt jedoch unzerstörbar. 

Einige ihrer Texte und Kommentare sollen nun stellvertretend zitiert werden und ein kleines Mosaik bilden:
"In Memoriam Hildegard"

Ich bin ich

Als ich ein Kind war, wünschte ich mir eines:
ich wollt kein Mädchen sein, sondern ein Knabe!
Dann hätt’ ich wie mein Bruder jede Gabe
an Geist und Schönheit, davon hat ich keines.

Als ich dann älter wurde, lernte ich erfassen:
Ich war ein Mensch zu viel auf dieser Welt,
war unerwünscht, der Sohn alleine zählt.
Trotzdem konnt’ meine Mutter ich nie hassen.

Ich dankte meiner Oma, meinen Tanten
und blickte fröhlich lächelnd ins Gesicht
all denen, die mich überflüssig nannten.

Den Weg vom Schatten fand ich hin zum Licht
trotz Schwierigkeiten, die mich übermannten.
Heut will ich nicht mehr anders sein. Ich nicht!

31. März 2008

Schreiben bedeutete für Hildegard vor allem auch eine Möglichkeit, Dinge zu verarbeiten.

Sie beschrieb ihre Haltung so:

Schreiben, das habe ich schon von Kind an getan, aber nicht, um die Geschichten zu veröffentlichen.

Für mich hatte es den Grund,
  1. Klarheit zu gewinnen: Was ich schreibe, muss ich in meinen Gedanken ordnen, in Form bringen, in die richtigen Worte kleiden ...
  2. Wenn ich das Problem aufgeschrieben habe, ist es nicht mehr in mir, es liegt vor mir, ich kann davon Abstand gewinnen ...
  3. Ich erkenne jetzt die Ursachen des Problems, meist sind es mehrere, ich kann planen, wie ich sie einzeln angehen kann ...
  4. Über meinen Text finde ich Möglichkeiten zur Lösung meines Problems ...


Hildegard war mit Leib und Seele Lehrerin, wobei ihre Mischung aus Humor und Geduld besonders wirksam war.  Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein konnte, Kind zu sein.  Kinder und junge Menschen in schwierigen Lebensumständen und aus chaotischen Verhältnissen  unterstützte sie besonders gern. Das  kommt auch in ihren Texten zum Ausdruck.

... Dass ich einmal Lehrerin wurde, das wusste ich schon, als ich im zweiten Schuljahr war. Damals hat mich mein Lehrer verdroschen, weil ich nie still sitzen konnte. Als er fertig war, habe ich gesagt: „Wenn ich groß bin, werde ich Lehrerin, dann kann ich auch anderleuts Kinder verhauen.“
 
Wie oft ich mich im Gymnasium wegen eines Streiches beim Direx melden musste, weiß ich nicht mehr so genau. Als ich bei der Zeugnisausgabe nach dem Abitur gefragt wurde, welchen Beruf ich ergreifen möchte, und ich sagte: „Lehrerin“, da schlugen sämtliche Kollegen der Schule sämtliche Hände über sämtlichen Köpfen zusammen und meine Klassenlehrerin seufzte: „Armes Deutschland, wenn man so etwas auf deine Jugend los lässt!“
 
Am 10. Mai 1954 wurde Deutschlands Jugend auf mich los gelassen!
Angefangen habe ich in einem Kölner Vorort in einem 7. Schuljahr mit 67 Mädchen, die saßen immer sechs in einer Viererbank. Da gab es für mich nicht viel zu lachen! Die Gören probierten echt alles aus, um herauszufinden, wie weit sie mit mir gehen konnten.
Aber da ich selbst in der Schule nicht gerade ein Engel gewesen war, wusste ich, wie man auf eingeölten Tafeln schreiben kann, wie man mit Maikäfern oder mit toten und lebenden Mäusen umgeht ...
Als sie mir dann Niespulver auf die Tafel gestreut hatten, bekam ich so heftiges und unstillbares Nasenbluten, dass ich zum Arzt musste.
Die armen Kinder waren völlig geschockt. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich eine Gerinnungsschwäche im Blut habe! Seitdem war ich vor ihren Streichen sicher. ...
 
... Nach den Osterferien wurde ich an die Sonderschule versetzt. Mein neuer Rektor bat drei Kolleginnen, je acht Schülerinnen oder Schüler abzugeben, die dann meine Klasse werden sollten.
Als er die drei Zettel mit Namen sah, die ihm von den drei Kolleginnen überreicht wurden, schaute er mich prüfend an, dann meinte er: „Na, Sie sind ja noch jung und haben gute Nerven. Am besten nehmen Sie den Klassenraum im Keller, dann hören wir Sie nicht so laut.“
Er rief die Kinder auf dem Schulhof auf und schickte sie nach unten. Als ich dann hinunter kam, tobten die zwanzig Jungen und vier Mädchen wie verrückt im Raum herum. Ich schloss die Tür zu, setzte mich ans Pult und wartete.
Nach einigen Minuten kam ein Junge ans Pult und fragte: „Äh, wat wills du denn hier?“
Ich antwortete: „Ich bin eure neue Lehrerin.“
Er drehte sich um und brüllte lachend: „Äh, habt ihr dat gehört? Die will unsere neue Lehrerin sein!“
Ich nutzte die Sekunden der absoluten, erstaunten Ruhe, indem ich aufstand und sagte: „Ich mache euch einen Vorschlag: Wenn ihr vier Stunden lang ruhig seid und mit mir hier lernt, dann erzähle ich euch jeden Tag in der fünften Stunde immer eine Geschichte.“
„Äh, kannste denn überhaupt Geschichten?“, fragte der Junge.
„Na, klar!“, gab ich zurück.
„Auch von Seeräubers?“
„Auch von Seeräubern.“
„Auch von Indianers?“
„Auch von Indianern.“
Da stemmte sich ein Junge, groß und schwer wie ein Walross, von seinem Platz hoch, schaute sich drohend um und sagte: „Wer jetzt noch mal die Schnauze aufmacht, dem hau ich eine rein!“
Damit war das Schuljahr gerettet! ...


Im Forum kam es manchmal auch zu Diskussionen über Glaubensfragen. Hildegard bezog dann in der für sie charakteristischen Art Stellung:

„Ich glaube an Gott. Mit seinem "himmlischen Bodenpersonal" rassele ich ab und zu aneinander, denn ich schlucke auch nicht alles, was man mir serviert. Darum kann ich aber nicht sagen, dass der Glaube an einen Gott  schlecht ist.“

Hildegards Antwort auf einen lyrischen Text mit dem Titel: „Gott ist ein Ignorant“ lautete:

Fragt dich ein Hungernder: „Wo ist Gott?",
dann gib ihm Brot und sage: „Hier!"
Mahatma Ghandi


Dann begann der Kampf gegen die schwere Krankheit. Lange Wochen im Krankenhaus, immer wieder Stunden zwischen Leben und Tod, mühsame Zeiten der Chemotherapie, ... Doch Hildegard gab nicht so schnell auf. Aber die Schatten ihrer schweren Krankheit werden auch in ihren Texten spürbar.



Trostlosigkeit

Ich suche nach Freude,
nach Worten von Glück und Frieden,
aber ich kann sie nicht finden.

Ich will heraus aus meinem Tief,
aus meinen Depressionen,
aber niemand hilft mir,
niemand sagt ein Wort,
das mich tröstet und aufbaut.

Alle sprechen nur von Unglück,
von Tod und Selbstverletzung,
von Krieg und Gewalt ...

Ich suche einen Engel,
der von Liebe und Treue spricht,
der Frieden in mein Herz senkt,
der mir den Glauben wiederbringt,
dass es das Gute noch gibt.

26. Februar 2008


Am 22. Dezember 2008 ist sie es, die als erste allen anderen frohe und besinnliche Weihnachten wünscht:


Wann fängt Weihnachten an?
(Verfasser unbekannt)

Wenn der Schwache dem Starken die Schwäche vergibt,
wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt,
wenn der Habe-was mit dem Habe-nichts teilt,
wenn der Laute bei dem Stummen verweilt
und begreift, was der Stumme ihm sagen will,
wenn das Leise laut wird und das Laute still,
wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos,
das scheinbar Unwichtige wichtig und groß,
wenn mitten im Dunklen ein winziges Licht
Geborgenheit und helles Leben verspricht,

dann, ja dann
fängt Weihnachten an!


Wenige Tage später, am 28.12.2008,  stellt sie ihr letztes Gedicht ein:

Farewell

Lebewohl – Abschied
ohne Wiederkehr.

Blau – ist die Farbe
der Gelassenheit,
der unendlichen Ferne,
der Ruhe und Sehnsucht,
des klaren Himmels,
des weiten Meeres,
des Grenzenlosen ...

Dann kommt der Nebel,
er hüllt mich ein,
nimmt mir die Klarheit,
bedrückt und ängstigt mich.
Wie lange noch
wird es mir gelingen,
ihn zu vertreiben,
mir wieder klare Sicht
in die Ferne zu schaffen?

Lebt wohl, Freunde!
Ich fühle, dass der Abschied
ohne Wiederkehr
nicht mehr weit ist.


Vier Wochen später, am 29.1.2009 wird es traurige Gewissheit.

Liebe Mitglieder des Forums,

Das chinesische Jahr des Stieres hat begonnen. Der Stier, Symbol für Stärke, Kraft und Ausdauer. Stier, das Sternzeichen meiner Mutter, Hildegard Kutasi.

Wie ein Stier hat sie von Kindheit an immer gekämpft. Zuletzt hat unsere Liebe einige Wochen stark mit dem Tod gerungen. Immer wieder hat sie ihre ganze Kraft gezeigt. Ein Kampf, der nicht mehr zu gewinnen war. Der Tod hat gesiegt.

So lasst uns für unsere Verstorbene beten, dass Gott sie in sein Reich aufnimmt, ihr ewiges Licht leuchtet und sie in Frieden ruhen wird. Amen.

Mit freundlichen Grüßen
Harald-Christoph Kutasi

Doch das letzte Wort soll Hildegard selbst erteilt werden.
In ihrem Gedicht vom 15. März 2008 schrieb sie:


Was ist das Leben?
(nach einem schwedischen Märchen)

An einem Sommertag hat sich’s begeben
am Mittag und bei hellem Sonnenschein:
Der Buchfink zwitschert in den Wald hinein:
„Geschöpfe alle, sagt, was ist das Leben?“

Die Rose öffnet ihre zarten Blätter.
„Entwicklung“, spricht sie, „ist des Lebens Sinn.“
Der Schmetterling fliegt taumelnd zu ihr hin.
„Leben heißt fröhlich sein bei Sonnenwetter.“

Die Ameise schleppt einen Grashalm schwer.
„Das Leben bringt mir Arbeit nur und Plag.“
Die Biene summt: „Für mich ist jeder Tag
Vergnügen, wenn zur Arbeit ich flieg her.“

Der Maulwurf stöhnt: „Ich kämpfe und ich leide
im Dunkeln in der Erde feuchter Nacht.“
„Sich neigen unter eine höh’re Macht,
das ist das Leben“, sagt die Trauerweide.

Der Adler ruft: „Ich strebe stets nach oben,
wo Freiheit mich und klare Luft umfängt.“
Schon hat der Tag zum Abend sich gesenkt.
Der Uhu ruft: „Die Nacht, die will ich loben.

Wenn andre schlafen, das ist meine Zeit.“
Die Stunden gehen und der Sonne Licht
erscheint. Die helle Morgenröte spricht:
„Das Leben heißt: Beginn der Ewigkeit.“