Die Mutprobe

 

Die Klasse 5 a des Neuenburger Gymnasiums hatte jetzt schon zehn Tage im Schullandheim an der Ahr verbracht. Bisher hatte der Wettergott es gut mit ihnen gemeint und ihnen täglich strahlenden Sonnenschein geschickt.

Die Hitze des Tages erwärmte noch den Speisesaal, als Studienrat Schwan seinen Jungen und Mädchen nach dem Abendessen erklärte: „Für den heutigen Abschiedsabend gibt es zwei Angebote. Wer spielen und basteln möchte, geht mit meiner Frau ins Fernsehzimmer. Die anderen kommen für eine Mutprobe mit mir in den Tagesraum. Wilfried und Richard, euch erinnere ich daran, dass ihr euch bei der Wanderung am ersten Nachmittag abgesetzt hattet. Ihr seid von beiden Veranstaltungen ausgeschlossen. Meldet euch bitte beim Herbergsvater. Er hat Arbeit für euch.“

„Ja, Herr Studienrat“, erwiderte Wilfried, stand auf und ging zur Tür. Als er Richards erstaunten Blick sah, fügte er hinzu: „Was sein muss, muss sein. Komm, Ricky.“

„Warum bekommen wir heute eine Strafe für den ersten Tag?“, erkundigte Richard sich, als sie über den Flur liefen. „Herr Schwan hatte uns doch selbst weggeschickt.“

„Das ist richtig, aber hat er gerade etwas von Strafe gesagt?“, fragte Wilfried. „Er hat uns nur an den ersten Nachmittag erinnert, darum nehme ich an, dass er wieder einen besonderen Auftrag für uns hat. Doch das konnte er uns nicht vor allen Kameraden erzählen.“

„Unsere Mutprobe ist eine Schatzsuche“, erklärte Herr Schwan seiner Gruppe im Tagesraum. „Sie beginnt, sobald es dunkel genug ist. Den Weg, den ihr dabei gehen müsst, kennt ihr inzwischen im Schlaf. Ihr geht über die Wiese zur Ahr, über die Brücke, den sandigen Weg am Bahndamm entlang und durch den Tunnel in den Wald. Ungefähr hundert Meter weiter steht links eine grüne Bank. Ist so weit alles klar?“

„Ja!“, riefen alle Kinder und Martin fügte hinzu: „Meinen Sie die Bank mit dem Schild vom Wanderverein?“

„Richtig! An der Bank liegt ein weißer Karton, der nicht zu übersehen ist, den bringt ihr mir her.“

„Dazu gehört doch kein Mut“, schrie Kay.

„Sag das nicht, Kay, es darf nämlich immer nur einer allein gehen.“

„Kann ich meine Taschenlampe mitnehmen?“, fragte Hanni.

„Nein, wir haben einen klaren Sternenhimmel und der Mond scheint hell genug. Ich möchte bei keinem eine Taschenlampe sehen.“

„Aber im Tunnel ist es dunkel“, warf Achim ein, „und unter den Bäumen im Wald ganz bestimmt auch.“

„Das ist richtig“, gab Herr Schwan zu, „doch der Ausgang des Tunnels und der Weg im Wald sind trotzdem zu erkennen.“

„Ich will zuerst gehen!“, rief Kay.

„Aber wenn Kay den Schatz holt, ist das Spiel ja zu Ende“, sagte Alex.

„Nein, es gibt noch andere Möglichkeiten. Wie und wo, das erkläre ich euch, wenn jemand den Schatz bringt. Es ist dunkel genug, Kay, du kannst jetzt gehen“, sagte Herr Schwan und drückte auf seine Stoppuhr.

Richard lag gut versteckt im Ufergestrüpp auf der anderen Seite der Ahr. Er schwitzte in seinem dunklen Jogginganzug. Im Schein der Außenlampe des Hauses sah er Kay über die Wiese kommen. Als er fast am Fluss war, warf Richard in kurzen Abständen kleine Steine in das Wasser. Kay blieb jedes Mal stehen und lauschte, ging dann zögernd und immer langsamer ein paar Schritte weiter über die Brücke, bis er den Sandweg erreicht hatte. Jetzt zerbrach Richard einen dürren Ast und stöhnte. Kay stand einige Sekunden wie erstarrt, dann rannte er über die Brücke und die Wiese zurück zum Haus.

Als Nächste erschienen nacheinander Hanni, Frank, Olaf, Uwe, Nadine, Klaus und Martin. Keiner von ihnen kam weiter als bis an das Ende der Brücke.

Wilfried saß im Wald am Ausgang des Tunnels und beobachtete den Eingang, der im Mondlicht schwach zu erkennen war. Er langweilte sich.

‚Wann geht es denn bloß los?’, dachte er. ‚Oder hat Richard schon alle so erschreckt, dass sie sich nicht mehr weiter gewagt haben?’

Endlich hörte er Schritte. Am Eingang erschien Alex. Wilfried legte sich auf den Boden und rief in den kühlen, feuchten Tunnel hinein: „Huhuu, huhuu, huhuu.“

„Huhuu“, klang das Echo zurück

Alex blieb stehen.

„Huhuu, huhuu, huhuu!“, rief Wilfried noch einmal und rollte eine leere Blechdose in den Tunnel.

„Nein!“, schrie Alex und rannte zurück, so schnell ihn seine Beine trugen.

Wieder verging für Wilfried eine lange Zeit, während Richard beobachten konnte, wie Manfred, Inge und Marcel umkehrten. Dann hörte er schnelle Schritte und sah Reinhild, die am Eingang stehen blieb. Er rief wieder sein „Huhuu“ in den Tunnel hinein und schepperte mit der Blechdose.

Reinhild kam langsam näher und ging zögernd an Wilfried vorbei, der hinter einen Busch gekrochen war, sein Gesicht auf die Erde legte und seine hellen Haare unter der Kapuze seines Anoraks verbarg. Sie hatte die Hälfte des Waldwegs zurückgelegt, da erhob sich hinter der Bank, die im Mondlicht schwach zu sehen war, eine große, weiße Gestalt. Reinhild blieb völlig erstarrt stehen, dann warf sie sich auf die Erde und schrie um Hilfe.

„Ruhig, Reinhild, ganz ruhig!“, hörte sie hinter sich eine vertraute Stimme.

Sie blickte auf und fragte überrascht: „Wilfried, du?“

„Komm, steh auf!“, sagte Wilfried. „Ich bringe dich zur Brücke zurück.“ Er legte seinen Arm um Reinhilds Schulter und spürte, wie sie zitterte. „Du warst ganz großartig!“, fuhr er fort. „Weißt du, dass bisher noch keiner so weit gekommen ist wie du? Aber verrate bitte nicht, was du hier im Wald erlebt hast. Verdirb das Spiel nicht. Gib Herrn Schwan diesen Zettel, ohne ein Wort zu sprechen, geh dann ins Fernsehzimmer und sag Frau Schwan, dass du doch lieber in ihrer Gruppe mitspielen möchtest.“

„Was steht auf dem Zettel?“, fragte Reinhild.

„Nichts“, antwortete Wilfried. „Herr Schwan weiß, was das bedeutet.“

Richard sah, wie Reinhild ins Haus ging. René, der als Nächster kam, kehrte auf dem Sandweg kurz vor dem Tunnel um. Kurze Zeit später lehnte Herr Schwan sich aus einem der weit geöffneten Fenster des Tagesraums zum Zeichen, dass jetzt der Letzte kommen würde. Es war Achim. Als er über die Brücke ging und die Steinchen ins Wasser plätscherten, lehnte er sich über das Geländer.

„Hallo, ihr Fische, springt ihr schön?“, rief er.

Gerade hatte er den Weg am Bahndamm erreicht, da hörte er das Knacken eines Astes. Er blieb stehen. Deutlich verstand Richard die Worte: „Jetzt habe ich einen Vogel oder einen Hasen wach gemacht.“

Achim ging weiter den sandigen Weg entlang. Richard stöhnte. Achim blieb wieder stehen und fragte laut: „Was kann das sein? Ein Tier, das ich nicht kenne? Aber gefährlich ist es nicht. Raubtiere gibt es hier nicht.“

Er marschierte weiter. Hinter ihm knisterte und raschelte es, aber Achim schaute sich nicht um. Jetzt hatte er den Eingang des Tunnels erreicht.

„Huhuu, huhuu, huhuu“, tönte es ihm entgegen.

„Hallo, bist du eine Eule?“, fragte Achim laut.

„Eule?“, antwortete das Echo.

„Huhuu, huhuu, huhuu!“, rief Wilfried und ließ die Blechdose rollen.

„Habe ich dich erschreckt? Entschuldige bitte. Das wollte ich ganz bestimmt nicht“, bedauerte Achim.

Er legte eine Hand an die Mauer und tastete sich zum Ausgang, der zum dunklen Wald hin kaum zu erkennen war. Wilfried raschelte mit dem Gebüsch, in das er sich schnell zurückzog.

„Was für ein Tier hab ich denn jetzt geweckt?“, fragte Achim.

Wilfried röchelte und schnarchte.

„Dich kenne ich nicht“, sagte Achim.

Er setzte seinen Weg fort, ohne sich umzuschauen. Ein seltsames Pfeifen ertönte hinter ihm, ein zweites antwortete ganz in seiner Nähe. Achim ging schneller. Fast hatte er die Bank erreicht, da sah er eine weiße Gestalt, die sich dahinter aufrichtete. Sie schien immer größer zu werden.

„Ein Gespenst“, schrie Achim entsetzt und lief ein paar Schritte zurück. Dann blieb er stehen, ging zögernd wieder vorwärts und rief: „Hallo, Waldgeist, du bist bestimmt ein guter Geist. Lass mich bitte an die Bank ran. Ich will nur den Schatz suchen. Die anderen haben ihn nicht gefunden. Ich bin der Letzte, der kommt. Wenn ich weg bin, wirst du nicht mehr gestört.“

Die Gestalt hob den rechten Arm hoch und winkte. Langsam ging Achim näher auf die Bank zu. Das Gespenst verschwand, tauchte wieder auf und hielt jetzt etwas Helles in der ausgestreckten Hand.

„Nimm den Schatz und trage ihn nach Hause“, brummte der Herbergsvater, der in dem weißen Umhang steckte. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich folge dir, damit dir nichts geschieht. Aber du darfst nicht rennen und dich nicht umschauen, sonst jagen meine wilden Brüder dir den Schatz wieder ab.“

Achim nahm den kleinen, weißen Karton, der mit einer Kordel zugeschnürt war, und sagte: „Danke für den Rat. Gute Nacht, Waldgeist!“

Erleichtert ging er den Weg zurück und lauschte dabei auf die leisen Geräusche, die ihn begleiteten, aber er zwang sich, nur vorwärts zu schauen.

„Das ist bloß der Waldgeist“, sagte er laut. „Er tut mir nichts, er beschützt mich vor seinen wilden Brüdern.“

„Was ist denn in dem Paket?“, wollte Kay wissen, als Achim Herrn Schwan den kleinen Schuhkarton überreichte.

„Du darfst deinen Schatz auspacken, Achim“, sagte Herr Schwan.

Achim holte ein Buch und eine Tüte Bonbons aus dem Karton.

„Das ist für dich, Achim“, erklärte Herr Schwan. „Du hast die Belohnung für deinen Mut ehrlich verdient.“

„Danke, Herr Studienrat“, erwiderte Achim glücklich.

„Wo hast du den Schatz gefunden?“, fragte Alex.

In diesem Augenblick traten Wilfried und Richard mit Reinhild ein. Während sie wortlos Platz nahmen, schaute Herr Schwan auf den Zettel, auf dem er aufgeschrieben hatte, wie viel Zeit jeder gebraucht hatte, und sagte: „Achim war sechzehn Minuten unterwegs, alle anderen waren viel schneller wieder hier, einige schon nach vier Minuten. In so kurzer Zeit konnten sie höchstens bis an die Brücke gekommen sein. Du warst in neun Minuten zurück, Alex.“

„Ich bin den ganzen Weg gerannt. Aber den Schatz habe ich an der Bank nicht gefunden“, entgegnete Alex.

„Der Waldgeist hat gesagt, ich muss langsam gehen, sonst nehmen mir seine wilden Brüder den Schatz wieder ab“, verteidigte Achim sich.

„Haha, er hat Gespenster getroffen“, schrie Kay.

„Wo war denn ein Geist?“, fragte Alex. „Ich habe niemanden gesehen.“

„Er stand hinter der Bank und hat mir den Schatz gegeben.“

„Nicht im Tunnel?“, erkundigte Alex sich.

„Nein, da war nur eine Eule.“

„Ich bin schon an der Brücke umgekehrt“, gestand Frank.

„Ich auf dem Weg am Bahndamm“, sagte Marcel.

„Ich auch“, gaben Martin und Uwe zu.

„Was meinst du dazu, Wilfried?“, fragte Herr Schwan.

Wilfried stand auf. Er ging zu Achim, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: „Nur einer hatte den Mut, bis zur Bank zu gehen.“

„Ich hatte auch keine Angst“, prahlte Kay.

„Warum hast du den Schatz dann nicht geholt?“

„Ich habe ihn nicht gefunden“, behauptete Kay. „Er lag nicht an der Bank. Alex kann das bestätigen.“

„Warst du wirklich an der Bank im Wald?“, fragte Wilfried ernst.

„Was geht dich das an?“, fragte Kay spöttisch. „Du musstest doch mit Richard Strafarbeit machen.“

Wilfrieds Augen blitzten für eine Sekunde zornig auf, dann mahnte er ganz ruhig und beherrscht: „Hab jetzt wenigstens den Mut, die Wahrheit zu sagen, Kay! Warst du an der Bank?“

Kay senkte verlegen seinen Kopf, dann gestand er leise: „Nein, ich bin nur bis über die Brücke gegangen.“

Wilfried sah, dass Richard nickte. Er wandte sich an Alex: „Und du?“

„Ich war bloß bis im Tunnel“, gab Alex zögernd zu.

„Du warst nur am Eingang des Tunnels“, berichtigte Wilfried ihn. „Achim war der Einzige, der den ganzen Weg bis zur Bank gegangen ist. Wer bis dorthin kam, brauchte den Schatz nicht zu suchen.“

„Woher weißt du das?“, fragte Alex. „Du warst doch gar nicht dabei.“

„Du kannst deinen Kameraden jetzt erzählen, wobei ihr Herrn Lohmann heute Abend helfen musstet“, sagte Herr Schwan.

„Wir haben aufgepasst, dass keinem von euch etwas passierte“, erklärte Wilfried. „Richard hatte sich im Gebüsch auf der anderen Seite der Ahr versteckt. Er hat Steine ins Wasser geworfen und mit dürren Ästen geknackt. Ich lag im Ausgang des Tunnels und habe die Eule nachgemacht. Leider hatte ich nur dreimal Gelegenheit dazu.“

„Was hat denn so gescheppert?“, wollte Alex wissen.

„Eine leere Blechdose, die in den Tunnel rollte.“

„Und Herr Lohmann war der Waldgeist?“, fragte Olaf.

„Ja, er stand hinter der Bank. Richard konnte euch alle beobachten. Ich habe zuerst Alex gesehen, der am Eingang des Tunnels umkehrte. Dann kam Reinhild. Sie ist durch den Tunnel und noch den halben Weg in den Wald gegangen und erst in Panik geraten, als sie das Gespenst sah. Darum bin ich zu ihr gegangen, habe sie beruhigt und zur Brücke zurückgebracht. Zuletzt marschierte Achim mutig bis zur Bank.“

„Was war das für ein Pfeifen im Wald?“, erkundigte Achim sich. „Mal klang es weit weg und mal neben mir.“

„Richard sollte dem Letzten folgen. Er hat gepfiffen, um sich bei mir anzumelden und ich habe geantwortet, damit er mich fand. Wir sind dir nachgeschlichen und haben uns hinter deinem Rücken von Herrn Lohmann sehen lassen. Das war für ihn ein Zeichen, dass niemand mehr kam. Als du zurückgegangen bist, waren wir bis zur Ahr dicht hinter dir. An der Brücke mussten wir warten, bis du im Haus warst, dann konnten wir auch über die erleuchtete Wiese gehen.“

„Aber ich hatte die ganze Zeit richtige Angst“, gestand Achim ehrlich. „Der Weg mit all den Geräuschen war unheimlich und das Gespenst erst recht.“

„Wer keine Angst hat, kann auch keinen Mut haben“, sagte Herr Schwan. „Mut haben heißt, die Angst überwinden.“

(aus dem Buch: Wilfried)

8. März 2005

 

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