Lichter in der großen Stadt

 

Vor einiger Zeit stieg ich im Westfalenpark in Dortmund abends auf den Turm und blickte weit über die Stadt.

Lichter – so weit ich schauen konnte.

Lichter in allen Farben.

Die vielen hell erleuchteten Fenster in den Häusern, die Straßenlaternen, die Autos je nach Richtung mit hellen oder roten Lampen, ein Notarztwagen mit kreisendem Blaulicht, die Ampeln mit ihren wechselnden Phasen rot-gelb-grün-gelb-rot, ein von drei Seiten angestrahlter Kirchturm, die unzähligen bunten Lichtreklamen an den Kaufhäusern ...

Es flimmerte vor meinen Augen. Und plötzlich dachte ich an eine Zeit, in der es andere Lichter in unseren Städten gab.

 

In meiner Kinderzeit waren wir nach Einbruch der Dunkelheit hauptsächlich auf den Mond und die Sterne angewiesen. Ich liebte es, unter dem nächtlich Gestirn meinen Weg nach Hause zu laufen oder auch nur auf unserem Balkon zu stehen und die Himmelslichter zu bewundern.

In manchen Nächten aber, wenn Mond und Sterne sich hinter Wolken versteckt hatten, umgab uns draußen pechschwarze Finsternis.

Die Fenster der Häuser waren verdunkelt. Wehe, wenn sich irgendwo ein Lichtschimmer durch eine Ritze stahl! Das konnte, falls die falschen Leute es bemerkten, unter Umständen teuer werden.

Straßenlaternen gab es zwar, aber sie spendeten keine Helligkeit, sondern standen nur unnütz als Hindernisse am Wegrand.

Natürlich konnte man Taschenlampen mitnehmen, aber draußen durften nur solche benutzt werden, die mit einem Dynamo betrieben wurden. Nicht jeder besaß so eine Lampe, denn sie waren verhältnismäßig teuer. Nur selten wurden sie einem Kind anvertraut.

Damit wir nicht im Dunklen mit anderen Leuten zusammenstießen, trugen wir an unserer Kleidung Leuchtplaketten. Es konnte wohl manchmal unheimlich und beängstigend wirken, wenn in der Dunkelheit plötzlich in ein bis eineinhalb Meter Höhe ein grünliches Glühwürmchen auftauchte, das beim Näher kommen größer wurde und eine Gestalt annahm. Während die Erwachsenen in der Regel runde, phosphoreszierende Leuchtplaketten trugen, gab es für Kinder Tierfiguren. Ich war zum Beispiel sehr stolz auf meinen hellgrünen Elefanten.

Panik kam in uns auf, wenn in den Nächten plötzlich künstliche Lichter am Himmel auftauchten. Sobald es Alarm gab und wir so schnell wie möglich den Luftschutzbunker aufsuchten, liefen wir lieber durch völlige Dunkelheit. Wenn nämlich die Scheinwerfer der Flak-Batterien ihre hellen Strahlen über den Himmel schickten, wussten wir, dass die feindlichen Flugzeuge im Anflug waren und wir uns beeilen mussten, um den Bunker noch rechtzeitig zu erreichen.

Noch schlimmer war es, wenn die Leuchtraketen, die von der Vorhut der feindlichen Flieger abgeschossen wurden, wie Christbäume über unserer Stadt am Himmel standen. Sie gaben uns die Gewissheit, dass der Bombenhagel auf uns niedergehen würde.

Nach einem Großangriff war unsere Stadt trotz Verdunklungsgebot hell erleuchtet von den brennenden Häusern. Dieses Licht hatten wir uns nicht gewünscht. Dann wären wir lieber in tiefster Finsternis nach Hause gegangen. Wie viele Lebenslichter waren wohl in so einer Nacht ausgelöscht worden?

 

In dieser Woche beginnen die Lichtwochen in den Städten. In unserer Stadt ist jede Straßenlaterne noch zusätzlich mit einem kerzenbesetzten Tannenzweig geschmückt. Von einer Straßenseite zur anderen spannen sich Bögen und Ranken aus Lichtern. Ein riesiger, aus Glühbirnen geformter Rentierschlitten mit einem Nikolaus hängt über der Einfahrt zur Tiefgarage. Beleuchtete Tannenbäume stehen an Straßenecken, auf Plätzen und in vielen Vorgärten. In den Fenstern der Häuser brennen Kerzen.

Lichter in der großen Stadt für Weihnachten. Fest des Lichtes und des Friedens auf Erden.

Wir wollen hoffen, dass nie wieder eine Zeit für uns kommt, in der wir die Lichter löschen oder verbergen müssen, weil der Friede verloren gegangen ist.

 

 22. November 2007

 

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