Klassentreffen

 

An der Tür zum großen Festsaal des Gasthofs zur Linde in Duisburg war ein großes Schild befestigt:

Heute ab 17 Uhr Klassentreffen des Mercator-Gymnasiums

Es war noch nicht so spät, aber einige der ehemaligen Kameraden waren bereits angekommen. Sie saßen und standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich lebhaft. Nur einer der fünfzigjährigen, ein gut gekleideter, mittelgroßer, schlanker Herr hatte niemanden begrüßt, sondern sich allein an einen Tisch gesetzt und ein alkoholfreies Bier bestellt.

„Gehört der Einsiedler da drüben, der mit den schwarz gefärbten Locken, eigentlich auch zu uns?“, fragte Paul Finke seinen Freund Heinz Fortmann.

„Klar! Erkennst du den nicht mehr?“, erwiderte Heinz erstaunt. „Das ist doch Albert Cox.“

„Ach, unser Stiesel und Streber“, erinnerte Paul sich. „An den habe ich gar nicht mehr gedacht. War der nicht aus Süddeutschland hier zugezogen?“

„Nein, er behauptete zwar immer, er käme aus München, aber seine Eltern sind schon vor seiner Geburt hergezogen. Seine Großeltern wohnten noch dort und sie fuhren in den Ferien öfter zu ihnen, darum erzählte er jedem, der es hören oder nicht hören wollte, er wäre Münchener. Er probierte doch auch ab und zu ein paar Brocken Bayrisch zu sprechen.“

„Stimmt, ich erinnere mich jetzt auch“, bestätigte Paul und fügte lachend hinzu: „Weißt du noch, wie seine Mama ihn immer herausputzte? Der kam doch im Anzug und im Seidenhemd mit Fliege zur Schule wie ein vornehmer Herr. Und wenn er sich schmutzig gemacht hatte, zog er eine riesige Schau ab wegen seiner teuren Markenkleidung.“

„Dabei benahm er sich wie ein Baby“, meinte Heinz abfällig. „Man merkte, dass er ein verwöhntes Einzelkind war. Seine Mutter war Kindergärtnerin und behandelte ihn noch wie ein Kleinkind, als er schon zum Gymnasium ging. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er bei jeder Kleinigkeit tödlich beleidigt war und heulte. Freunde hatte er auch nicht in unserer Klasse.“

„Außerdem gab er an wie ein Sack Seife. Er behauptete, er bekäme jede Woche einen Hunderter als Taschengeld. Aber wenn du mal 50 Pfennig für die Klassenkasse haben wolltest, machte er Theater.“

„Ich fand, dass er überhaupt ein unangenehmer Vogel war. Alles wollte er besser wissen und selbst wenn er Stuss redete, war er der Meinung, dass er Recht hätte. Wenn er es so wollte, musste der Himmel grün und die Wiese lila sein.“

„Auf jeden Fall besaß er mit achtzehn schon seinen Führerschein und ein eigenes Auto.“

„Wohnte er nicht in deiner Nähe?“

„Klar, ich war sogar schon in der Grundschule mit ihm zusammen.“

„Weißt du, welchen Beruf er jetzt hat?“

„Nein, seit dem Abi habe ich nichts mehr von ihm gehört und gesehen. Seine Eltern sind auch weggezogen. Komm, wir sprechen ihn einfach an.“

Die beiden nahmen ihre Biergläser und gingen auf Albert zu.

„Hallo, Albert“, sagte Paul. „Dürfen wir uns zu dir setzen?“

„Bitte“, antwortete Albert mit einer Miene, die deutlich sagte, dass er lieber allein geblieben wäre.

Die beiden achteten nicht darauf, stellten ihre Gläser ab und nahmen Platz.

„Was hast du in den dreißig Jahren seit unserem Abi getrieben, Albert?“ begann Paul das Gespräch.

„Ich habe in München und Berlin Mathematik, Physik und Chemie studiert und bin Studienrat geworden. Mein Referendarjahr habe ich zwar noch in Berlin gemacht, aber dann bin ich in meine alte Heimat nach München gezogen. Seit zwanzig Jahren lehre ich am Max-Planck-Gymnasium und bin inzwischen Oberstudienrat.“

„Bist du den weiten Weg von München bis hier mit deinem Auto gefahren?“, fragte Heinz.

„Ich habe schon längst kein Auto mehr. In München gibt es genug öffentliche Verkehrsmittel, die mich überall hin bringen, wohin ich will. Und bei weiten Strecken kann ich mir einen Flug leisten.“

„Wohnst du in München oder hast du mit deiner Familie ein eigenes Haus im Grünen?“, erkundigte Paul sich.

„Ich habe keine Familie und was soll ich als Alleinstehender mit einem Haus? Ich habe eine hübsche Appartementwohnung in einem Hochhaus in der Nähe meiner Schule, das reicht.“

„Hast du denn in einem Appartement noch Platz für deine Katzen?“, wollte Heinz wissen. „Oder züchtest du keine Angorakatzen mehr?“

„Nein, die Katzenzucht habe ich während meiner Studienzeit ganz an meine Mutter abgegeben. Dafür hatte ich damals schon keine Zeit mehr und jetzt erst recht nicht. Ich sammele nämlich Antiquitäten.“

„Aber Antiquitäten nehmen doch eine Menge Platz ein. Bringst du die in einem Appartement unter, oder hast du dir einen Lagerraum gemietet?“

„In meinem Wohnzimmer wird eine Wand nur von einem Bücherregal völlig eingenommen. Ich habe mich nämlich vor allem auf geschichtliche Werke spezialisiert. Geschichte war ja schon in der Schule, wie ihr euch vielleicht erinnert, mein Lieblingsfach.“

„Geschichte? Dann hast du dir sicher kürzlich auch im Fernsehen die interessante Sendung über die Ausgrabungen in der Gegend von Arnsberg angeschaut?“, fragte Paul.

„Im Fernsehen? Was soll ich mit einem Fernseher?“, fragte Albert. „Soll ich eine Menge Gebühren zahlen für den Quatsch, der da geboten wird? Mich interessieren andere Dinge als Liebeskitsch, Sport und Krimis. Ich kann selbst denken und brauche nicht andere für mich denken zu lassen.“

„Übrigens ist heute auf dem Ludgeriplatz eine Ausstellung von Antiquitäten“, warf Heinz ein. „Ich war eben kurz da und habe sogar ein paar handgeschriebene Bibeln und andere uralte Bücher gesehen.“

Albert sprang auf.

„Auf dem Ludgeriplatz, sagst du?“, fragte er aufgeregt. „Da muss ich sofort hin! Ich suche noch ein paar Sachen, die ich unbedingt haben muss! Möglicherweise finde ich sie da.“

„Aber unser Klassentreffen fängt doch in zehn Minuten erst an“, meinte Paul mit einem Blick auf seine Armbanduhr.

Albert antwortete nicht mehr. Ohne sich von Paul und Heinz oder einem anderen Teilnehmer des Treffens zu verabschieden, griff er nach seinem Mantel und Hut und verließ eilig den Saal.

„Den sind wir los“, stellte Heinz grinsend fest. „Er hat sich nicht sehr verändert.“

„Nein, ein Spinner bleibt ein Spinner, auch nach dreißig Jahren“, lachte Paul. „Aber für mein Gefühl führt er ein ganz armseliges Leben. Keine Familie, vermutlich auch keine Freunde, nur seine alten Bücher. Ich möchte nicht mit ihm tauschen.“

„In München gibt es genug öffentliche Verkehrsmittel, die mich überall hin bringen, wohin ich will. Und bei weiten Strecken kann ich mir einen Flug leisten“, ahmte Heinz Alberts Stimme nach. „Immer noch der protzige Angeber!“

„Ich verstehe nicht, warum der überhaupt die weite Strecke von München bis hier gekommen ist.“

„Vielleicht wollte er sich einmal im Leben einen Flug leisten, wenn er schon so großkotzig davon spricht.“

„Hoffentlich hat er wenigstens sein Bier bezahlt“, sagte Paul.

„Warum sollte er?“, fragte Heinz spöttisch. „Er hat es ja schließlich nur halb ausgetrunken, da kann der Wirt doch nicht verlangen, dass er es ganz bezahlt.“

 

2. August 2005

 

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