Christoph


Christoph ging mit seiner Mutti einkaufen. In der Metzgerei reichte die Verkäuferin ihm eine Scheibe Wurst und sagte: „Da, Kleiner, das ist für dich.“

Christoph nahm die Wurst wortlos an.

„Was sagt man denn?“, fragte die Mutter.

Christoph schüttelte seinen Kopf und meinte: „Nichts, die hat ja auch nicht ‚Bitte’ gesagt.“

 

Christoph hatte sich beim Spielen ziemlich schmutzig gemacht. Oma, die ihre Enkelkinder betreute, wenn Mutti arbeiten musste, hatte dafür kein Verständnis. Sie schimpfte mit ihm und gab ihm einen Klaps auf den Po.

„Wenn ich groß bin“, sagte Christoph trotzig, „dann werde ich Stornsteinfeger, dann darf ich mich immer dreckig machen.“

 

Im Lebensmittelladen bekam Christoph von der Kassiererin einen Lutscher geschenkt.
„Danke“, sagte er, hielt seine andere Hand hin und erklärte: „Und ich brauch noch einen für meinen kleinen Bruder.“


Mutti nahm Christoph zum ersten Mal mit in die Sonntagsmesse. In der Kirche gab es so viel zu sehen. Christoph wollte alles Mögliche wissen und erklärt haben.

„Pst!“, sagte Mutti und legte einen Finger auf ihren Mund.

Christoph flüsterte nur noch.

„In der Kirche schwätzt man nicht!“, erklärte Mutti ihm leise.

Christoph schwieg, bis der Pastor mit der Predigt begann. Da sagte er ganz laut und empört: „Aber der da oben, der darf laut reden!“

 

Bonbons, die Christoph geschenkt bekam, sammelte er in einer bunten Blechdose und nahm nur sehr sparsam ab und zu eines heraus, weil er lieber Schokolade oder Obst aß.

Eines Tages kamen Muttis Kolleginnen und Kollegen zu Besuch. Christoph spielte eine Weile mit seinem Brüderchen im Kinderzimmer, dann erschien er auf einmal mit seiner Dose und bot den Damen und Herren seine Bonbons an.

„Danke, Christoph“, meinte eine ältere Dame, „iss du deine Bonbons schön allein.“

„Nehmen Sie ruhig“, sagte Christoph, „die mag ich sowieso nicht.“

 

Mutti fuhr oft mit den Kindern ins Schwimmbad. Sie zog dort einen dunkelblau und weiß gestreiften Badeanzug an.

Eines Tages besuchten sie den Zoo in Duisburg. Bei den Zebras blieb Christoph stehen und rief: „Guck mal, Mutti, Pferdchen im Badeanzug.“

 

Am Sonntag kam Onkel Hans zu Besuch. Er hatte eine ausgeprägte Stirnglatze und nur noch einen schmalen Kranz von Haaren.

Nachdem er wieder abgefahren war, meinte Christoph mitleidig: „Der arme Onkel Hans, der muss sich immer so ein großes Gesicht waschen.“

 

Als Christoph in die Schule kam, war er ganz begeistert von seiner hübschen, jungen Lehrerin.

„Wenn ich groß bin, heirate ich die“, erklärte er seiner Mutti.

„Wenn du groß bist, ist deine Lehrerin schon eine alte Frau“, belehrte Mutter ihn.

„Nein“, sagte Christoph überzeugt, „die wird nie alt, so wie die aussieht.“

Nach ein paar Wochen kam Christoph ziemlich enttäuscht aus der Schule.

„Nun haben wir den Salat“, sagte er. „Nun hat mir einer meine Frau weggeschnappt. Morgen haben wir schulfrei, weil sie heiratet.“

 

Aus dem Nachbarhaus klang oft grausam falsches Klaviergeklimper. Manchmal seufzte Mutter dann: „Schreck lass nach! Volker übt wieder!“

In der Schule war am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien eine Feier. Als Christoph nach Hause kam, erzählte er davon.

„Im Flur stand ein großer o Tannenbaum, Rektor Jäger hat eine Rede geredet und Volker hat was auf dem Klavier vorgeübt.“

 

Christoph hatte seinen Anorak in der Schule vergessen. Mutter schickte ihn zurück.

Im Flur arbeitete gerade eine der Putzfrauen mit der großen Bohnermaschine. Christoph schaute ihr kurze Zeit interessiert zu, dann suchte er seinen Anorak und lief nach Hause.

„Stell dir vor, Mutti“, erzählte er aufgeregt, „die Frau Markus macht mit dem Rasenmäher den Flur blank.“

 

Den Religionsunterricht erteilte der Herr Pastor. Weil Christoph ihn besonders mochte, passte er auch immer gut auf.

Der Herr Pastor erzählte, wie Jesus den Tempel reinigte. Er warf die Tische der Geldwechsler um, trieb die Viehhändler hinaus und sagte zu den Taubenhändlern: „Schafft die Dinge fort!“

Christoph zeigte auf.

"Klar", meinte er. „Mit den Tauben musste der schön vorsichtig umgehen, da konnte ja mal der heilige Geist bei sein.“

 

„Warum bitten wir beim Vater unser um unser tägliches Brot?“, fragte der Herr Pastor.

Christoph antwortete: „Weil, wenn das Brot älter wird, dann wird das doch schimmelig.“

 

Am Nachmittag hatte Christoph bei einem Freund einen Wildwestfilm angeschaut, bei dem die Cowboys eine riesige Herde getrieben hatten.

Als Mutter ihm abends ‚Gute Nacht’ wünschte, entschied er: „Ich hab es mir überlegt, ich werde doch kein Cowboy. Das ist mir echt zu aufregend. All die Hörner!“

 

Christoph war nicht gerade der bravste Schüler. Vom dritten Schuljahr an kamen dauernd Klagen über ihn, weil er so unruhig war und störte. Nur beim Lesen konnte er stundenlang still sitzen. Am liebsten las er Geschichten von Indianern und Seeräubern. Wenn sie besonders interessant waren, nahm er sein Buch auch heimlich mit zur Schule und las während des Unterrichts.

Eines Tages verpetzte ihn eine Klassenkameradin: „Herr Jäger, der Christoph liest gerade ein Indianerbuch!“
Herr Jäger winkte ab und sagte: „Lass ihn lesen, dann stört er wenigstens nicht!“

 

Über Christophs Leistungen konnte Mutter eigentlich nicht klagen, aber einmal kam er tatsächlich mit einer Vier in der Mathearbeit nach Hause.

„Wie konnte das denn passieren?“, fragte Mutter entsetzt.

„Tja“, meinte Christoph lässig, „das kann meines Erachtens nur am Wetter gelegen haben.“

 

Wenige Tage später kam Christoph ganz empört mit einem Aufsatz nach Hause und behauptete: „Herr Jäger hat mir Fehler angestrichen, die gar keine Fehler sind.“

Mutter schaute sich die Arbeit an. Thema: ‚Was Mutter alles tun muss’. Sie fand Christophs Version:

Staubsauber (Staubsauger) , Tabrett (Tablett), Glühwürstchen (Brühwürstchen), Apfelkaputt (Apfelkompott).

Der Rektor hatte leider kein Verständnis für Christophs Logik und hatte die Wörter dick und rot unterstrichen.

 

Eines Tages wurde Christoph mit Kaugummi erwischt und sollte 20 Sätze vom Kaugummi schreiben. Er schrieb:

Wenn ich groß bin, gehe ich nach Amerika, da darf ich Kaugummi kauen.

In Amerika dürfen alle Leute Kaugummi kauen, auch die Kinder.

Die Amerikaner haben das Kaugummi nämlich erfunden.

Meine Mutti sagt, bei denen heißt das nicht Kaugummi, sondern ‚Schuwing Gam’.

Das Kaugummi ist gut für die Gesunderhaltung der Zähne.

Wenn ich also Kaugummi kaue, tu ich was für meine Gesundheit.

Bloß mein Lehrer weiß nicht, dass das Kaugummi gesund ist.

Er gibt mir Strafarbeit auf, weil ich Kaugummi gekaut habe, und nennt das Übungsarbeit.

Ich wollte die Arbeit über Kaugummi eigentlich gar nicht schreiben.

Darum habe ich mich bei meiner Mutter beschwert wegen der Kaugummi-Strafarbeit.

Ich hab gedacht, Mutti sagt, ich brauch die Kaugummigeschichte nicht zu schreiben.

Strafarbeiten sind nämlich verboten, auch bei Kaugummi.

Aber Mutti hat gesagt: „Wenn du schon so blöd bist, dass du dich beim Kaugummikauen erwischen lässt, dann schreib auch die Arbeit.“

Und nachher hat sie noch gesagt: „In Zukunft kau bloß noch Kaugummi in der Pause oder wenn du mit Eiko Gassi gehst.“

Ich habe ihr erklärt, dass Kaugummi die Zähne sauber hält.

Mutti meint, Zähne putzen ist besser als Kaugummi kauen.

Dabei schmeckt Kaugummi viel besser als Zahnpasta.

Meine Mutti sagt, es ist unhöflich, wenn man redet und dabei Kaugummi im Mund hat.

Sie will lieber, dass ich zweimal im Jahr zum Zahnarzt gehen muss, statt Kaugummi zu kauen.

Erwachsene, die was gegen Kaugummi haben, wissen eben nicht, was für Kinder gut ist.

 

10. Oktober 2006

 

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