Florian und der Bankraub

 

Auch Kinder können manchmal der Polizei helfen, sie müssen nur ihre Augen aufmachen und ganz gut aufpassen, was um sie herum geschieht.

Und wenn sich wirklich in ihrer Nähe etwas zuträgt, dann sollen sie nicht den Helden spielen und denken, dass sie die Verbrecher selbst fangen können und müssen. So etwas tun bloß die Kinder in Geschichten, die für Bücher oder Fernsehfilme erfunden wurden und gar nicht wahr sind.

Nein, Verbrecher einfangen, dafür ist die Polizei da. Aber die Beamten sind ja in dem Augenblick, wo etwas passiert, nicht am Tatort. Darum brauchen sie Hilfe von den Leuten, die etwas gesehen haben, die also Augenzeugen waren.

Florian hat das genau richtig gemacht. Er wohnte gegenüber der Sparkasse in Saaldorf. Und an einem Freitagnachmittag Ende Juni, als er auf der Straße vor seinem Elternhaus spielte, passierte dort etwas.

 

Marietta Heitmann, die Bankangestellte, öffnete pünktlich eine Minute vor halb drei die Tür der Sparkasse. Um diese Zeit kam fast nie ein Kunde in die Bank, darum kehrte Herr Hammanns, ihr Chef, selten vor drei Uhr aus seiner Mittagspause zurück. Er wusste, dass er sich auf Frau Heitmann und ihre Pünktlichkeit verlassen konnte.

Marietta hatte gerade ihren Computer hochgefahren, als die alte Frau Nienhauser in die leere Schalterhalle trat. Sie steuerte sofort auf den mittleren der drei Schalter zu, stellte ihre große Handtasche darauf und kramte umständlich darin herum.

„Guten Tag, Frau Nienhauser“, sagte Marietta, während sie aufstand und auf die Kundin zuging.

„Guten Tag, Frau Heitmann“, grüßte die alte Dame zurück. Sie hatte ihre Scheckkarte endlich gefunden und legte sie vor sich hin. „Ist meine Rente schon auf mein Konto überwiesen?“

„Ich schau einmal nach, Frau Nienhauser“, erwiderte Marietta freundlich.

Sie wusste, dass die alte Frau mit den Automaten in der Bank große Probleme hatte.

„Diese neumodischen Dinger sind mir unheimlich“, hatte sie einmal gesagt. „Solche Kästen, die alles automatisch machen, hatten wir nicht, als ich jung war, und ich will auch nicht mehr lernen, wie man mit diesen elektrischen Geräten umgeht.“

Frau Nienhauser konnte darum ihre Kontoauszüge und auch ihr Geld nicht selbst an den Automaten ziehen. Sie ging lieber an den Schalter und ließ sich bedienen.

Marietta Heitmann wusste die Kontonummer von Frau Nienhauser schon auswendig. Sie wandte sich ihrem Computer zu und tippte die nötigen Eingaben.

Während sie noch auf den Monitor schaute, öffnete sich die Tür und Marietta hörte, wie Frau Nienhauser sagte: „Nicht so stürmisch, junger Mann, erst bin ich jetzt dran! Das ist ja eine Unverschämtheit!“

Marietta blickte auf. Ein Mann hatte Frau Nienhauser an die Seite geschoben, ihre Handtasche und die Scheckkarte auf den Boden gefegt und einen Beutel auf den Schalter gelegt.

Die tief in die Stirn gezogene Mütze und der Schal, der über Mund und Nase gebunden war, ließen keinen Zweifel in Marietta aufkommen. Der Mann war ein Bankräuber! Jetzt zog er auch noch eine Pistole aus seiner Hosentasche.

„Alles Geld hier rein!“, befahl er mit einer durch den Schal gedämpften Stimme. „Und keine Mätzchen! Ich schieße, wenn Sie Alarm geben.“

Mariettas Herz klopfte wild vor Angst. Sie zögerte einen Augenblick. Sofort richtete der Mann seine Pistole auf ihren Kopf.

Frau Nienhauser hatte ihre Handtasche und ihre Scheckkarte aufgehoben. Als sie sich wieder aufrichtete, begriff sie auch, was der ungestüme Mann wollte.

„Das ist ja ein Überfall!“, schrie sie entsetzt.

„Schnauze! Und keine Bewegung!“, brüllte der Mann sie an.

Frau Nienhauser schwieg erschrocken. Sie starrte den Bankräuber an, lehnte sich an den Nebenschalter und rührte sich nicht mehr.

Marietta spürte, wie ihre Beine weich wurden. Der Mann schwenkte seine Pistole zwischen ihr und Frau Nienhauser hin und her und schimpfte nervös: „Dalli! Sonst knallt es!“

„Das meiste Geld ist unter Verschluss“, erklärte Marietta mit zitternder Stimme, „darüber kann ich nicht verfügen. Die Schlüssel hat der Chef.“

„Geben Sie alles, was da ist! Auch den ganzen Schrott, den ich da sehe!“

Er zeigte auf drei Zählbretter mit Münzen.

Mit zitternden Händen packte Marietta mehrere Bündel mit Geldscheinen in den Beutel und leerte auch die Münzen hinein. Der Mann griff danach. Er stieß Frau Nienhauser heftig noch ein Stück weiter zur Seite, dass sie taumelte und fast gefallen wäre. Während er seine Pistole auf Marietta gerichtet hielt, ging er rückwärts zur Tür.

„Keine Dummheiten!“, warnte er noch, dann war er draußen.

Marietta hörte, wie der Motor eines Autos aufheulte, und drückte auf den Alarmknopf. dann ließ sie sich in ihren Stuhl am Schreibtisch sinken. Ihre Nerven versagten. Sie weinte fassungslos.

Frau Nienhauser humpelte auf die Straße. Sie übertönte noch das Heulen der Alarmanlage mit ihrem Geschrei: „Hilfe! Überfall! Hilfe! Überfall!“

Einige Leute aus der Nachbarschaft eilten herbei. Sie beruhigten die alte Frau und die schluchzende Marietta Heitmann, die am ganzen Körper bebte.

Als der Funkstreifenwagen vor der Bank hielt, erschien auch Herr Hammanns. Marietta hatte sich ein bisschen erholt. Sie erzählte ihm und den Polizisten mit zitternder Stimme, was geschehen war.

„Ausgerechnet dann, wenn ich einmal ein paar Minuten später komme, muss so etwas passieren“, erklärte Herr Hammanns den Polizeibeamten großspurig. „Ich hätte sofort Alarm gegeben und von mir hätte der Bursche keinen Cent bekommen, aber Frauen sind eben zu ängstlich und haben schwache Nerven.“

„Nee, Herr Hammanns“, sagte Frau Nienhauser, „jetzt geben Sie mal nicht an wie ein Sack Seife! Sie kommen nicht nur heute einmal ein paar Minuten später, sondern jeden Tag und mindestens eine halbe Stunde. Und wenn Sie hier gewesen wären, hätten Sie auch das Geld herausgegeben und nicht den Helden gespielt. Der Kerl hätte nämlich ganz bestimmt geschossen, wenn er nichts bekommen hätte. Der hat immer mit seiner Pistole herumgefuchtelt und die war nicht von Pappe, die war echt. Mein Mann hatte früher genau so eine, die nannte er Walther und die muss bei uns zu Hause noch irgendwo herumliegen.“

„Können Sie den Täter beschreiben?“, fragte der ältere der beiden Polizisten Frau Heitmann.

Marietta schüttelte ihren Kopf und schluckte.

„Ich habe nur die Pistole gesehen“, antwortete sie, „und dann musste ich ja das Geld einpacken.“

„Aber ich hab mir den Kerl ganz genau angeguckt“, erklärte Frau Nienhauser. „Es war ein großer, schwerer Mann, bestimmt ein Meter achtzig und neunzig Kilo. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover mit ein paar dünnen weißen Streifen in den Ärmelbündchen und am Kragen und eine ziemlich alte, verwaschene blaue Jeans-Hose. Gestrickte Handschuhe hatte er an, die waren schwarz, und er hatte sich einen weißen Wollschal um Nase und Mund gebunden. Seine dunkelgrüne Pudelmütze hatte er bis auf die Augenbrauen gezogen. Trotzdem hab ich gesehen, dass er fast schwarze Augen hatte. Er legte für das Geld einen dreckigen Stoffbeutel auf den Schalter, da war ein grüner Baum drauf und die Aufschrift: ‚Der Umwelt zuliebe’. Und er sprach mit einer sehr tiefen, heiseren Stimme, das konnte man hören, obwohl das ja durch den Schal gedämpft klang.“

„Das haben Sie sehr gut beobachtet“, lobte der Polizist.

Er machte sich Notizen, fragte noch einmal nach einigen Einzelheiten und schrieb sich den Namen und die Adresse von Frau Nienhauser auf. Dann wandte er sich an die neugierige Menge, die sich in der Schalterhalle versammelt hatte.

„Hat jemand etwas von dem Fluchtfahrzeug gesehen?“, fragte er laut.

Nein, die Leute waren alle erst von der Alarmglocke und von Frau Nienhausers Geschrei herbeigelockt worden.

Da drängte sich Florian durch die Menge.

„Ja“, rief er, „von dem Auto, da weiß ich alles von.“

Erstaunt schauten die Leute auf den kleinen Jungen und ließen ihn durch, bis er vor dem Polizisten stand.

„Du hast also das Auto des Bankräubers gesehen?“, fragte der ältere der beiden Beamten ungläubig.

„Klar!“, behauptete Florian stolz. „Pass mal auf, Herr Polizist, ich heiße Florian Seidel und bin fünf Jahre alt. Die Räuber haben ganz genau so einen blauen Ford, wie mein Papa hat, darum hab ich mir den Mann, der da drin saß, gut angeguckt. Der hatte ganz lange, schwarze Haare und dann einen schwarzen Bart, der ging so unter der Nase her und über die Backen bis hier hin an die Ohren und noch so über das Kinn.“

Florian zeigte an seinem Gesicht, wie der Bart des Mannes ausgesehen hatte. Der jüngere der beiden Beamten schrieb seine Angaben fleißig mit.

„Und dann hat der das Fenster offen gehabt,“ berichtete Florian weiter, „und da hat er mit der Hand von außen auf die Tür geklopft, und an der Hand, da hatte er einen ganz großen, silbernen Ring dran mit einem Totenkopf drauf. Und wie der andere Mann aus der Bank gerannt kam, da hat der sich beim Einsteigen den Kopf gestoßen und hat seine Mütze verloren. Der sah vielleicht komisch aus. Der hatte nur in der Mitte von seinem Kopf so hoch stehende Haare, die waren ganz rot. Mehr weiß ich nicht, aber ich hab noch die Nummern von denen da drüben aufgemalt, die hatten nämlich vorn am Auto eine andere Nummer als hinten. Komm mal mit, dann kann ich dir das zeigen!“

Er fasste die Hand des Beamten und zog ihn durch die Zuschauer, die zur Seite wichen und ihnen einen Durchgang frei machten, über die schmale Straße auf die andere Seite. Der andere Polizist folgte ihnen.

Ein bisschen krumm und schief, aber gut erkennbar hatte Florian mit weißer Kreide auf das Pflaster des Bürgersteigs gemalt:

D U - L X  3 4 1       O B - H B  8 2 5

„Du bist ein ganz prima Zeuge, Florian”, lobte der Polizist ihn. „Wenn du einmal groß bist, kannst du dich bei uns melden. So einen wir dich können wir bei der Polizei gut gebrauchen.“

„Au ja, ich komm bestimmt“, sagte Florian begeistert.

Der Polizist strich ihm über seine strubbeligen, blonden Haare und grinste.

„Dann wollen wir uns jetzt das Auto deines Papas mal angucken. Wir müssen genau wissen, welcher Typ es ist, damit wir die Fahndung anlaufen lassen können. Wenn wir die Bankräuber schnappen, dann bekommst du auch die Hälfte der Belohnung, weil du so fein aufgepasst hast.“

„Und die andere Hälfte kriegt Frau Nienhauser“, meinte Florian, „weil die nämlich so ganz toll wusste, wie der eine Räuber ausgesehen hat.“

„Richtig!“, lachte der Polizist.

6. Februar 2005

 

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