Die verlorene Insel

 

Wenn du auf der Landkarte eine Linie ziehst von den Bermuda-Inseln nach Puerto Rico, von Puerto Rico nach Miami und von Miami zurück zu den Bermudas, so entsteht ein Dreieck von ungefähr sechstausend Quadratkilometern.

Genau im Zentrum dieses Dreiecks gab es vor vielen hundert Jahren eine wunderschöne Insel. Sie hatte fast die Form eines Kreises mit einem Radius von ungefähr drei Kilometern. Genau im Mittelpunkt hatten die Bewohner einen Turm gebaut, der dreißig Meter hoch war. Rundum gab es einen drei Meter breiten Weg. Eine Wendeltreppe von zweihundert Stufen führte bis auf die obere Plattform des Turmes.

Dreißig Familien bewohnten die Insel. Wer am Strand entlang wandern wollte, brauchte ungefähr fünf Stunden, wobei er immer nach zehn Minuten einen Grenzstein fand, der anzeigte, dass die nächste Strecke einen anderen Besitzer hatte. Von jedem Grenzstein aus war eine Hecke zum Mittelpunkt gepflanzt. So hatten die Leute die Insel in dreißig gleich große Dreiecke geteilt.

Jede Familie hatte sich in ihrem Dreieck ein Haus nach ihrem persönlichen Geschmack gebaut. Nur eines war bei allen gleich: Der Baustoff war Holz; denn als die Menschen diese Insel entdeckten und besiedelten, hatte es hier eine dichten Wald gegeben, den sie bis auf wenige Bäume gerodet hatten. Dabei hatte der Rat der Männer beschlossen, dass auf jedem Grundstück genau zehn Bäume stehen bleiben mussten. Darum nannten sie ihre Insel „Dreihundertbäumereich“.

Der Turm im Mittelpunkt der Insel hatte einen tiefen Brunnen mit klarem Wasser, aus dem alle Bewohner der Insel ihren Vorrat an Trinkwasser schöpfen konnten. Die obere Plattform des Turmes war bei Tag und Nacht von einem Wächter besetzt. Alle drei Stunden wurde er von seinem Nachbarn zur Rechten abgelöst, so dass jede Familie nach dreieinhalb Tagen wieder an der Reihe war, den Himmel und das Meer zu beobachten.

Die Leute auf der Insel lebten in einer guten Gemeinschaft. Jeder von ihnen hatte eine besondere Aufgabe.

In den beiden Häusern, die genau im Süden und im Norden lagen, wurde jeden Tag gebacken und Brot, Brötchen und Kuchen an sieben Nachbarn nach rechts und sieben Nachbarn nach links geliefert.

Die zwei Familien in den Häusern rechts neben den beiden Bäckern hielten Kühe und Ziegen und versorgten jeweils sieben Nachbarn nach rechts und links mit Milch, Butter und Käse.

Der dritte Nachbar war Metzger, der Schweine züchtete und Fleisch und Wurst lieferte.

Der Vierte hatte sein Grundstück mit Kartoffeln und Gemüse bepflanzt.

Der Fünfte hielt Gänse und Hühner und lieferte Eier und Geflügelfleisch.

Der Sechste verarbeitete Schafwolle und Flachs zu Stoffen und Kleidern.

Der Siebte gerbte Leder und stellte Schuhe, Lederhosen und Riemen her.

Der Achte formte und brannte aus Lehm Tassen, Teller Krüge, Töpfe, Blumenvasen und Dachziegel.

Der Neunte stellte aus Sägemehl Papier her.

Der Zehnte hatte einen Obstgarten mit Äpfeln, Birnen, Kirschen, Pfirsichen und Erdbeeren.

Der Elfte presste aus den Erzeugnissen seines Nachbarn Fruchtsäfte. Außerdem hatte er Reben angepflanzt und kelterte aus den Trauben Wein.

Der Zwölfte lieferte Salz, das er durch Verdunsten aus dem Meerwasser gewann, und baute in seinem Garten verschiedene Gewürze an.

Der Dreizehnte stellte gar nichts her. Er sammelte die Kinder der jeweils sieben Nachbarn zur Rechten und Linken und lehrte sie lesen, schreiben und rechnen.

Der Vierzehnte auf jeder Seite baute Boote und Flöße und fuhr zum Fischen auf die See hinaus.

Der Fünfzehnte knüpfte Netze, stellte Angeln her und beteiligte sich am Fischfang.

So waren die wichtigsten Berufe auf der Insel anwesend und die Menschen hatten alles, was sie zum Leben benötigten. Geld brauchten sie nicht, denn jeder versorgte ja jeden und bekam im Austausch dafür die Produkte oder Leistungen der anderen.

Viele Jahre lang lebten die Menschen zufrieden und glücklich. Eines Tages aber gab es Streit.

„Ich habe dir schönes Obst geliefert“, sagte der Obstbauer zum Metzger, „und von dir habe ich versalzene Wurst bekommen.“

„Du bekommst von mir keine Gewürze mehr“, sagte der Gewürzehändler zum Bäcker, „deine Brötchen und Brote werden von Tag zu Tag kleiner.“

Und plötzlich bemängelte jeder die Produkte des anderen. Dem Lehrer warf man vor, dass er faul wäre und die Kinder nicht genug bei ihm lernten.

Die wunderschöne Gemeinschaft auf der Insel war gestört. Und auf einmal geschahen seltsame Dinge.

Der Wächter auf dem Turm erzählte, nachdem er abgelöst worden war, dass er auf dem Meer Feuer gesehen hatte. Hohe Flammen hätten auf dem Wasser gelodert.

Man lachte ihn aus und nannte ihn einen Spinner.

Der nächste Wächter hatte einen Springbrunnen aus schneeweißem, dampfenden Wasser gesehen. Auch ihm wollte niemand glauben.

Der Wächter, der in der Nacht Dienst hatte, behauptete, dass völlig andere Sternbilder am Himmel gestanden hätten.

Dann kam der Fischer mit seinem Boot zurück und erklärte, die Wellen wären wie riesige Berge an ihm vorbeigezogen. Er hätte sich nur mit Mühe ans Ufer retten können.

Immer mehr Merkwürdigkeiten ereigneten sich in der Natur bei der Insel. Der Boden unter den Füßen der Leute begann zu schwanken, er beulte sich auf, als liefe eine riesige Schildkröte unter ihnen her. Schreiend klammerten sich die Menschen an feste Gegenstände oder an Bäume, aber auch diese Dinge gaben keinen Halt, sie bewegten sich ebenfalls. Es blitzte und donnerte. Und plötzlich kam eine riesige Welle und überspülte die Insel. Der Wächter auf dem Turm sah, wie die Menschen ertranken. Eine zweite Welle riss alle Häuser und den Turm ein. Mit der dritten Welle versank die Insel im Meer.

Seit dieser Zeit fürchten die Seefahrer die Stelle, an der es einmal eine Insel gegeben hat. Sie nennen das Bermuda-Dreieck auch die „Todesfalle“.

 

 24. Dezember 2007

 

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